49 Frauen kandidieren für den Überlinger Stadtrat, sechs sitzen im aktuellen Gremium. Grund genug, nachzuforschen, wer denn eigentlich die erste Frau im Stadtrat war. „Sehr wahrscheinlich war das Maria Löhle„, sagt der Überlinger Historiker Oswald Burger. Über eine andere Frau, die früher im Stadtparlament gesessen haben könnte, gebe es keine Aufzeichnungen. „Besonders stolz bin ich, dass ich nach ihrem Ausscheiden aus dem Gemeinderat ihren Platz einnehmen durfte“, sagt Burger.

1962 wird sie gewählt

Als Maria Löhle am 4. November 1962 in den Gemeinderat gewählt wird, ist sie 53 Jahre alt und seit fünf Jahren Witwe. In gewisser Weise tritt sie das Erbe ihres Mannes Karl Löhle an, seines Zeichens erster Nachkriegsbürgermeister und anschließend Gemeinderat.

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Und sie wird sich verdient machen um ihre Stadt – was sich auch darin ausdrückt, dass am 14. Februar 1979 die Sprecher aller vier damaligen Gemeinderatsfraktionen, also CDU, SPD, FDP und die Überlinger Bürgeraktion, gemeinsam die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Maria Löhle beantragten.

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„Ein Bollwerk für Überlinger Brauchtum“ sei sie, schreiben die Fraktionen in ihrem Antrag. „Überall, wo altüberlingerischem Brauchtum und Stadtbild Gefahr droht, ist Frau Löhle da, um für den Bestand des Brauchtums einzutreten.“ Besonders bekannt ist Maria Löhle in Überlingen aber auch und vor allem für ihr großes Herz. Während des Krieges hat die Metzgerei Löhle, die Maria und ihr Mann ihr Eigen nennen, die Aufgabe, das KZ-Außenlager unterhalb Aufkirchs zu beliefern.

Löhles brachten sich damit in Gefahr

Die Löhles nutzen die Gelegenheit, um die Insassen heimlich mit Medikamenten zu versorgen und auch Briefe nach draußen zu schmuggeln. „So konnten sie ohne Zensur durch das KZ Dachau an Verwandte geschickt werden“, unterstreicht Oswald Burger die große Bedeutung dieses Handelns. Löhles brachten sich damit in Gefahr, aber das hat sie noch nie davon abgehalten, das zu tun, was sie für richtig hielten. Weder Maria noch Karl.

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Dass der mit den Nazis nichts anfangen kann, macht er schon früh mehr als deutlich, zum Beispiel, indem er in Gaststätten immer wieder das Hitlerbild umdreht – schlicht, weil er es nicht sehen mag. Immer wieder wird er in Schutzhaft genommen. Als Gefangenentransportzüge durch Überlingen kommen, stecken Karl und Maria Löhle den notleidenden Menschen etwas zu. Und eben weil Karl Löhle seine Haltung immer so deutlich gemacht und auch Menschen in Not geholfen hat, setzen ihn die Alliierten nach ihrem Einmarsch als Nachkriegsbürgermeister ein, ein Amt, das er bis Herbst 1946 innehaben wird.

Sie kümmerte sich stets um Schwächere

Maria Löhle ist nach dem Krieg treibende Kraft dafür, dass Kinder, deren Väter entweder gefallen sind oder sich in Kriegsgefangenschaft befinden, Lebensmittel und Kleidung erhalten. Allgemein setzt sie sich im Fürsorgeausschuss dafür ein, dass Menschen, die besonders in Not geraten sind, vorrangig geholfen wird. „Sich stets um Schwächere zu kümmern ist etwas, das auch ihr späteres Leben prägte“, sagt Oswald Burger.

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Und die Fraktionen schreiben in ihrem Antrag: „Gerade in der heutigen Zeit, in der die Geschehnisse des Dritten Reiches und die damals herrschende Unmenschlichkeit viel diskutiert werden, ist es wohltuend, festzustellen, dass es damals auch Menschen gegeben hat, die sich für diese von der Gesellschaft Ausgestoßenen einsetzten und versuchten, ihre Not zu lindern und dies unter erheblicher Gefahr für die eigene Person.“

Bis 1980 sitzt sie im Gremium

Maria Löhle erhält das Bundesverdienstkreuz am 7. März 1980, ein halbes Jahr später scheidet sie aus dem Gemeinderat aus. Noch acht Jahre kann sie sich an dieser besonderen Auszeichnung erfreuen, am 24. November 1988 ist sie gestorben.