Das Pfarrzentrum wurde traditionsgemäß ohne Reisnagel dekoriert. Ob all die anderen Traditionen genauso eingehalten werden, ist aktuell unklar. Vielleicht zog es über 250 Mitglieder des Vereins in die Überlinger Innenstadt, um mehr über den Teufelstischvorfall zu hören? Wenn ja, dann wurden sie enttäuscht, war der Vorfall kein Thema in der Versammlung. Vielleicht ist Harald Kirchmaier aber auch einfach ein guter Hänselevater, und man wollte ihm bei der Wiederwahl die Ehre erweisen.

Der neue Hänselerat, von links: Neuer Stellvertreter Uwe Wolfensperger, wiedergewählter Hänselevater Harald Kirchmaier, neuer Hänseleschreiber Helmut de Francisco und neuer Hänselekassier Andreas Weis.
Der neue Hänselerat, von links: Neuer Stellvertreter Uwe Wolfensperger, wiedergewählter Hänselevater Harald Kirchmaier, neuer Hänseleschreiber Helmut de Francisco und neuer Hänselekassier Andreas Weis. | Bild: Jessica Bentsche

Schelte vom Narrenvater

"So, liebe Hänsele", mit diesen Worten bringt der Vater den vollgestopften Saal zum Schweigen. Schon lange waren nicht mehr so viele Hänsele bei der Hänseleversammlung. Thematisch lief die Versammlung ab, wie jedes Jahr: Protokoll und Höhepunkte des vergangenen Jahres werden angesprochen. Aber bei 1500 Mitgliedern bleibt es nicht aus, dass es für die Narrenfamilie auch Schelte gibt. Angesprochen wurde eine Gruppe, die eine Bar zerlegt hatte. Der Hänselevater habe einen Verdacht und kümmere sich darum, doch klar identifiziert werden konnten die Verantwortlichen noch nicht.

Verstoß gegen die Statuten

Vielleicht so, wie bei dem jüngsten Vorfall in Bodman-Ludwigshafen. Auf einem Foto waren vier Hänsele zu sehen, die sich bei Niedrigwasser mit Bierbank und Bier auf dem Teufelstisch niederließen. Gemäß der Statuten darf kein Überlinger außerhalb der Fasnet, oder Überlingens, im Hänselehäs auftreten. Die Fotomodells verstießen also gleich gegen zwei Regeln.

Traditionsbewusstsein wird hoch geschrieben

Gibt es ein Problem mit der Disziplin bei den Hänsele? Kann die Zunft ihre Satzung verteidigen, sodass sie auch die nächsten 250 Jahre überdauert? Kirchmaier ist sich sicher, dass das Traditionsbewusstsein überlebt und dass nicht unbedingt junge Hänsele für obige Verstöße verantwortlich sein müssen. "Es war schon November", sagt er zum Teufelstisch-Vorfall, er habe aber dennoch einen "Verdacht, wer's war", vielleicht sogar Auswärtige. Und so gab es in seinen Augen auch keinen Grund, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen.

Lebensmittelpunkt Überlingen

Das Hänseleratsmitglied Jens Choinowski ist seit 36 Jahren Hänsele, seit vier Jahren im Amt und einen Rausschmiss habe er noch nicht erlebt, sagt er. Wenn jemand "quer treibt, sind das keine Aufgenommenen der Hänselezunft", so Choinowski. Die so genannten "Schwarz-Hänsele" kauften sich ein Häs, lassen es aber nicht in der Zunft abnehmen und registrieren. "Hänsele sollte nur einer machen, der in Überlingen geboren wurde. Dessen Lebensmittelpunkt Überlingen ist."

Freibier für alle

Traditionsgemäß gab es nach der gewonnen Wahl zum Hänselevater ein "Freibier für alle". Kirchmaier wurde mit 94 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Für Choinowski ist klar, dass es bei den Hänsele noch viel mehr gibt, als nur eine Satzung. "Hier gilt: ein Mann, ein Wort, da gilt noch der Handschlag."