Überlingen – Vor 81 Jahren, 1938, fand in Überlingen das letzte große Narrentreffen vor der Zwangspause während der Kriegsjahre 1939 bis 1945 statt. Noch einmal, obwohl schon im Angesicht der drohenden Ereignisse, trafen sich 50 Mitgliedszünfte der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte in der "alten Narrenstadt", wie es in der Festschrift heißt.

Zeitdokument für Ausstellung 550 Jahre Fasnacht

Thomas Pross, amtierender Narrenvater der Narrenzunft Überlingen (NZÜ), und Peter Graubach sind zusammen mit Reiner Rammelt Kuratoren der Ausstellung 550 Jahre Fasnacht in Überlingen. Die drei freuen sich über ein besonderes Zeitdokument: einen Film über das Narrentreffen 1938.

Video: Foto Lauterwasser

QUELLE: https://foto-lauterwasser.de/

Siegfried Lauterwasser drehte damals dieses historische Filmdokument, das ab 24. Januar 2020 in der städtischen Galerie "Fauler Pelz" neben vielen anderen Dokumenten und Erinnerungsstücken an die Fasnet in Überlingen zu sehen sein wird.

Zünfte aus Markdorf, Donaueschingen, Konstanz

50 Zünfte aus nah und fern, von Markdorf bis Donaueschingen, allein sechs aus Konstanz, folgten 1938 der Einladung der Überlinger Narreneltern Ernst Kupferschmied und Fridolin Messmer (Narrenmutter). Thomas Pross erklärt: "Alle diese Zünfte gibt es übrigens noch heute."

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Die Narren befreiten damals nicht das Rathaus, sondern das Bezirksamt und heutige Bauamt in der Bahnhofstraße – das zeigen die ersten Minuten des Films. Thomas Pross erklärt beim Betrachten, es habe sich zu heute eigentlich nicht so viel geändert am Stadtbild und auch am Ablauf eines solchen Ereignisses. Die Zünfte laufen allerdings "gegenläufig", beobachtet Peter Graubach, das heißt, die Franziskanerstraße rauf und runter. "Die begegnen sich also alle, das wäre heute schon allein wegen der Zuschauermenge und der Zahl der beteiligten Narren gar nicht mehr möglich. Die Überlinger Hänsele haben heute 1400 Hästräger", erklärt Graubach.

Straßen und Plätze hatten andere Namen

Die Namen der Straßen und Plätze, die in der Festschrift zum Film stehen, zeigen jedoch einige Unterschiede zu heute und sind Zeugnis dafür, in welch finsterer Zeit man sich beim Betrachten des Films befindet. Vom Adolf-Hitler-Platz als Treffpunkt ist die Rede, heute der Landungsplatz. Die Abendveranstaltung fand in der damaligen Turbo-Halle statt, später die ehemalige Kramer-Maschinen-Halle, denn einen Kursaal gab es damals noch nicht. Den großen Kehraus im Rabensaal veranstaltete die "NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude".

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Thomas Pross betont dennoch: "Die Überlinger Narren waren schon immer extrem anti-nationalsozialistisch. Man sieht das gut an einem gemalten Bild von Victor Mezger, seines Zeichens Narrenschreiber, mit dem Titel 'Der Narr riecht die Nazifalle' und der Abbildung einer Rattenfalle aus dem Jahr 1933/34. Das kann man sich auf unserer Homepage ansehen (www.narrenzunft-ueberlingen.de). Natürlich mussten die Narren 1938 kooperieren; gerne haben die das ganz bestimmt nicht gemacht."

Siegfried Lauterwasser wollte Filmemacher werden

Siegfried Lauterwasser kam es 1938 wohl darauf an, alle beteiligten Zünfte in seinem Film ins Bild zu nehmen. Das sei ihm in diesem Dokument auch gelungen. Ina Lauterwasser-Stielow weiß: "Mein Vater wollte damals Filmemacher werden." Bei Foto Lauterwasser lagern weitere Filme sowie umfangreiches Bildmaterial aus der Zeitgeschichte Überlingens. Die hiesige Fasnet wird durchgehend bis heute von Mitgliedern der Fotografen-Dynastie dokumentiert.

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Thomas Pross erzählt, dass er recht viele der Menschen in dem Film persönlich noch gekannt habe, unter anderem den bedeutenden Überlinger Künstler und Fastnachter Victor Mezger: "Er saß mit meinem Opa am Stammtisch." Pross sagt, dass solche Filme für alle Überlinger, aber auch für an der Fastnacht Interessierte und für Neubürger sehenswert seien.

Filme im Internet und das Urheberrecht

Für große Überraschung, aber auch einigen Unmut sorgte das vorzeitige Einstellen des Films zum Narrentreffen 1938 unter dem Pseudonym "Papa spricht" auf dem Video-Portal Youtube im Internet. Hier wurde der Film schon über 2000 Mal angeklickt. Eigentlich sollte der Film erst bei der Ausstellung zum Narrentag 2020 erstmals gezeigt werden.

Wie konnte der Film vorher im Internet erscheinen? Der SÜDKURIER forschte nach. Vor zwei Jahren stellte der Überlinger Marco Keiner den Film in seinem privaten und anonymen Youtube-Account ein. Er habe damit der Tochter des ehemaligen Überlinger Narrenvaters Ernst Kupferschmied, der in dem Film zu sehen ist, eine Erinnerung an dieses Ereignis und ihren Vater geben wollen.

Marco Keiner ist seit 2016 Mitglied der Hänsele-Zunft in Überlingen und passionierter Sammler von Plaketten und Plämper. Er habe mit dem Film anderen Narren nur eine Freude machen wollen, betont Keiner, der in Genf als Umwelt-Direktor bei den Vereinten Nationen (UN) arbeitet.

Die Urheberrechte, das Copyright des Films, liegen jedoch bei der Firma Foto Lauterwasser, denn Siegfried Lauterwasser hatte den Film 1938 gedreht. Bei einem Narrenbasar hatte Marco Keiner eine Kopie des Films von einem Sammler-Kollegen erworben und sich, wie er selbst sagt, keine Gedanken zum Urheberrecht gemacht.

Die Verletzung beziehungsweise der Verstoß gegen das Urheberrecht kann mit einer Geld- oder Haftstrafe geahndet werden. Auch Foto- und Filmmaterial ist Eigentum des Urhebers. Vor einer Veröffentlichung muss dieser sein Einverständnis dazu geben. Auch im Internet und in den sozialen Netzwerken gilt die Rechtmäßigkeit der Urheberschaft.

Die Firma Foto Lauterwasser möchte jedoch allen am Narrentag 1938 Interessierten weiterhin den Zugang zum Filmmaterial ermöglichen und sieht von rechtlichen Schritten gegen Marco Keiner ab. Über dessen Entschuldigung habe man sich aber dennoch sehr gefreut, sagt Anna Lauterwasser.