Was haben der Ökobauer Walter Sorms und der konventionelle Obstlandwirt Hubert Rauch gemeinsam? Sie bezeichnen sich beide als Hüter der Ackerscholle. Dem Letztgenannten fiel die Begründung dieser Behauptung bei der lebhaften Diskussion über Pestizide nach dem Film "Das Wunder von Mals" am vergangenen Mittwoch einigermaßen schwer.

Leoni Thiel (links) aus Owingen kam mit dem selbstgemachten Transparent zur Filmvorführung. Dieses Plakat ist den Vorbildern aus Mals nachempfunden. Die Taisersdorfer Gregor Baiker und Marita Lauser stehen ebenfalls zur Forderung: "Unsere Heimat: Pestizidfrei".
Leoni Thiel (links) aus Owingen kam mit dem selbstgemachten Transparent zur Filmvorführung. Dieses Plakat ist den Vorbildern aus Mals nachempfunden. Die Taisersdorfer Gregor Baiker und Marita Lauser stehen ebenfalls zur Forderung: "Unsere Heimat: Pestizidfrei". | Bild: Stef Manzini

In Mals, einem Ort im Südtiroler Vinschgau, gab es 2014 die europaweit erste Volksabstimmung gegen den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft. 2377 Malser Bürger, das sind 76 Prozent der Bevölkerung, entschieden sich für eine pestizidfreie Gemeinde. Konventioneller Obstanbau auf immer größeren Flächen und der damit einhergehende Einsatz von Glyphosat verursachte den friedlichen Volksaufstand in Mals.

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Der Taisersdorfer Ortschaftsrat Gregor Baiker, einer der Organisatoren der Filmvorführung in der Überlinger Cinegreth, beschreibt für ihn die Hauptbotschaft des Films so: "Die Menschen sollen die Angst verlieren, ihre Meinung zu sagen und können damit dann so viel bewegen." Anneliese Schmeh war am vergangenen Mittwochabend als Diskussionspartnerin aus Lippertsreute gekommen.

Die Ökolandwirte (von links) Walter Sorms und Anneliese Schmeh aus Überlingen stellten sich der Diskussion am Mittwochabend im Überlinger Kino. Hubert Rauch, konventioneller Obstbauer und Ortsvorsitzender des Badischen Landwirtschaftsverbands, vertrat seine Position.
Die Ökolandwirte (von links) Walter Sorms und Anneliese Schmeh aus Überlingen stellten sich der Diskussion am Mittwochabend im Überlinger Kino. Hubert Rauch, konventioneller Obstbauer und Ortsvorsitzender des Badischen Landwirtschaftsverbands, vertrat seine Position. | Bild: Stef Manzini

Dort betreibt sie seit 1986 auf 43 Hektar Biolandbau und ist Mitbegründerin des Bündnisses gentechnikfreie Anbauregion Bodensee-Allgäu-Oberschwaben. Im Weltagrarbericht der EU sei eine anerkannte Studie von 400 Wissenschaftlern enthalten. (Anmerkung der Redaktion: Der Abschlussbericht des Sonderausschusses zum EU-Zulassungsverfahren für Pestizide Report A8-0475/2018, 18.12.2018, kurz PEST). "Die Schlussfolgerung daraus ist für mich, ein weiter so mit den Pestiziden geht nicht", erklärte Schmeh den Zuschauern im gut gefüllten Kinosaal.

Spaltung zwischen Landwirten?

Darauf entgegnete Hubert Rauch, auch Ortsvorsitzender des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV): Das wären doch extreme Positionen – auch im Film – und diese würden nur noch mehr Spaltung zwischen den Landwirten schaffen. Dass man mit Bio künftig die Welt ernähren könne, daran hatte Rauch Zweifel. Seine Frau Edeltraud Rauch ergänzte, den Bauern stünde die Bürokratie bis zum Hals. Viele kleine Betriebe würden deswegen aufhören. Dies sei der Grund für die großen Obstanbauflächen, zum Beispiel im Vinschgau.

Der Taisersdorfer Ortschaftsrat kam am Sonntagabend ins Überlinger Kino, um "Das Wunder von Mals" anzusehen. Der Rat verfasste dazu auch eine Erklärung. Von links: Angelika Thiel, Ortsvorsteherin, Roland Kohler, Helena Papadakis-Jamrog,  Franz Alber und Gregor Baiker.
Der Taisersdorfer Ortschaftsrat kam am Sonntagabend ins Überlinger Kino, um "Das Wunder von Mals" anzusehen. Der Rat verfasste dazu auch eine Petition. Von links nach rechts im Uhrzeigersinn: Angelika Thiel, Ortsvorsteherin, Roland Kohler, Gregor Baiker, Franz Alber und Helena Papadakis-Jamrog. | Bild: Stef Manzini

Walter Sorms vom Hofgut Rengoldshausen, Demeter-Landwirt und Stadtrat von LBU/Die Grünen, sagte dazu: "Wenn etwas so ins Extreme geht, wie der Apfelanbau bis zum letzten Quadratmeter im Vinschgau, verbunden mit dem häufigen Giftnebel aus dem Pestizideinsatz, dann ist das den Menschen schlicht zu viel. Ähnlich erleben wir es hier bei uns ansatzweise mit dem Mais. Natürlich wäre eine nachhaltige Ernährung der Weltbevölkerung mit ökologischer Landwirtschaft problemlos möglich", behauptete Sorms.

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Dem konventionellen Obstlandwirt Rauch aus Scheinbuch bei Überlingen widersprachen zahlreiche Anwesende, so auch Karl Roth vom BUND. "Pestizide können nicht die Zukunft sein." Roth sagte, seine Familie ernähre sich schon sehr lange biologisch-dynamisch und das funktioniere auch gut. "Was kostet denn ein Liter Biomilch von Ihrem Hof", fragte Nicole Lailach die Milchbäuerin Anneliese Schmeh. "Lassen Sie es mich so beantworten, wenn wir pro Familie rund 330 Euro jährlich für Milchprodukte rechnen, dann wären es in Bioqualität rund 50 Euro mehr."

Auch Bevölkerung muss Beitrag leisten

Schmeh, Rauch und Sorms waren sich aber darin einig, dass es wichtig ist, alle Landwirte auf den Weg mitzunehmen, zu dem dann letztlich auch die Bevölkerung ihren Beitrag leisten müsse. Von heute auf morgen ginge das nicht. "Auch in Überlingen stinkt es gewaltig", so radikal formulierte es eine Diskussionsteilnehmerin und erklärte, sie meine damit den Gestank von Pestiziden, der vom Salemertal bis nach Überlingen wehe. Ackerflächen würden zu Obstplantagen und diese kämen immer näher, meinte dazu der Taisersdorfer Gregor Baiker.

Der Ortschaftsrat von Owingen-Taisersdorf kam am Sonntag geschlossen zu einer weiteren Filmvorführung in die Cinegreth. Die Taisersdorfer Räte verfassten dazu folgende Erklärung:

"Wohl kaum einem dürften Nachrichten entgehen, dass die Artenvielfalt abnimmt, dass Arten aussterben. Die Natur verarmt. Das ist auch auf den Einsatz von Pestiziden zurückzuführen. Wo Insekten sterben, folgen die Vögel. Doch Gifte wirken sich nicht nur auf Flora und Fauna aus. Der Ortschaftsrat Taisersdorf möchte für dieses Thema sensibilisieren und eine gesellschaftliche Debatte dieses sehr komplexen Sachverhaltes anstoßen. Naturschutz ist nicht der Feind der Landwirtschaft, sondern dient uns allen. Es liegt an uns, der Landwirtschaft zu ermöglichen, nachhaltig, naturnah und zukunftsorientiert zu arbeiten. Das europäische Vorsorgeprinzip darf nicht ausgehebelt werden."

Pestizide und Gentechnik

Walter Sorms, Landwirtschaftsmeister seit 1985 vom Hofgut Rengoldshausen und Überlinger Stadtrat für LBU/Die Grünen, erklärt den Unterschied zwischen gentechnikfrei und pestizidfrei:

  • Eine gentechnikfreie Zone sei nicht automatisch eine pestizidfreie Zone. Pestizidfrei bedeute: Pestizide sind Ackergifte. Man unterscheidet in Herbizide (Unkrautvernichter, dazu gehört Glyphosat), Fungizide (Pilzvernichter) und Insektizide (Insektenvernichter). Das Produkt "Round up", Hauptbestandteil Glyphosat von Monsanto, habe dabei weltweit bereits 2005 einen Marktanteil von 90 Prozent, sagt Sorms mit Verweis auf Greenpeace als seine Informationsquelle. Sorms: "Pestizidfrei bedeutet, auf alle Ackergifte zu verzichten. In der deutschen Bodenseeregion gibt es bereits rund 3200 Hektar pestizidfreie Anbaufläche."
  • Gentechnikfrei: Die Gentechnik greift ins Erbgut, also die DNA, der Pflanzen ein. Damit soll unter anderem eine Unempfindlichkeit gegen Glyphosat erzeugt werden. Die genmanipulierte Pflanze überlebe damit den Pestizideinsatz, alle anderen Pflanzen um sie herum sterben ab. Ein Apfelbaum habe normalerweise mit Gentechnik nichts zu tun. Das treffe eher auf Mais und Soja zu. Gentechnikfreie Zonen gibt es schon länger.

Informationen im Internet: www.gentechnikfreie-regionen.de