"Ihr habt Sensationelles gestemmt", dankte Produktionsleiterin Isabell Marquardt allen auf der Premierenfeier. Sie sei "wahnsinnig stolz auf ihren lieben Chor", der sei "wie ihre Familie". Bühnenbau, Ausstattung, Kostüme und noch viele andere Aufgaben übernimmt traditionell der Chor mit dem Namen "Kleine Oper am See". Dafür gab es schon viel Dank und Applaus, aber noch viel mehr für dessen Leistung auf der Bühne: Ohne elektronische Hilfe sangen sie gegen die mit Headsets verstärkten Solisten an und zeigten dabei eine starke gesangliche Leistung, die mit schönem Volumen und vielen Nuancen an die Solisten heranreichte. Viel Applaus verdient auch die schauspielerische Leistung des Chors, besonders die Mimik und Gesten der einzelnen Darsteller.

Unter Dirigent Vincent Andreas lief das kleine elfköpfige Orchester zur Höchstform auf und klang wie ein großes Sinfonieorchester bei dennoch sehr facettenreichem Spiel. Dass die Abstimmung zwischen dem Orchester und den Sängern vereinzelt nicht optimal lief, war der Position des Orchesters geschuldet: Der taktgebende Dirigent befand sich für die Sänger nicht immer im Sichtfeld. Aber so ist es nun mal im Sommertheater auf der grünen Wiese in einem der schönsten Gärten Deutschlands, da hätte ein Orchestergraben einfach nicht gepasst.

Regisseurin Melanie Renz verzichtete auf das Ballett und verlegte den Ort der Handlung dafür nach Überlingen. Auf der Münstertreppe nahm die Rache der Fledermaus ihren Ausgang, im Anschluss an ein Narrenkonzert: "Ich fühle mich geehrt", quittierte Narrenvater Thomas Pross den Regiewitz.
 

Das glückliche Team bei der Premierenfeier (von links): Regisseurin Melanie Renz, Dirigent Vincent Andreas und Gesamtleiterin Isabell Marquardt.
Das glückliche Team bei der Premierenfeier (von links): Regisseurin Melanie Renz, Dirigent Vincent Andreas und Gesamtleiterin Isabell Marquardt. | Bild: Dieter Leder

In Dr. Falke (überzeugend in Spiel und Gesang: Vincent Gühlow) sieht Renz die zentrale Figur des Stückes, er lässt symbolisch zu Beginn die Puppen tanzen. Und auch beim Ball im zweiten Akt ist er der wahre Strippenzieher. Der spontane Szenenapplaus am Ende des Auftritts galt auch der spannenden Regieführung.

Uhren ticken manchmal anders, und es ist ein wenig schade, dass das Uhren-Duett im zweiten Akt zwischen der vermeintlichen ungarischen Gräfin (Isabell Marquardt) und Eisenstein (Ansgar Theis) hinter den Erwartungen zurückblieb. Es wäre in dieser Schlüsselszene insgesamt mehr drin gewesen. Beide Stimmen sind prächtig, ausdrucksvoll und technisch stark, doch ohne die nötige Erotik und Spannung wirkt die großartige Szene der Opernwelt nicht. Taktlos, zu kühl und verschlossen wirken die beiden, als sie seine Uhr annektiert und in ihrem Dekolte verschwinden lässt.

Und als Rosalinde (ebenfalls Isabell Marquardt) seine Uhr im dritten Akt wieder aus dem Dekolte hervorholt, stimmt gar der Auftritt nicht: "Ich bin ein Esel", gesteht Eisenstein zwar, aber ganz so dumm ist er doch nicht. In demselben auffälligen roten Kleid aus dem zweiten Akt hätte er die vermeintliche Gräfin als seine Gattin Rosalinde gleich zu Beginn des Auftritts enttarnt und nicht erst warten müssen, bis sie ihm seine Uhr präsentiert. Rosalinde darf im dritten Akt nicht das rote Kleid aus dem zweiten Akt tragen, als sie die Gräfin spielte, sie muss hier das Kleid aus dem ersten Akt tragen, als sie Rosalinde war, sonst funktioniert die weitere Handlung nicht mehr.
 

Alfred (Costa Latsos) vergnügt sich mit Rosaline (Isabell Marquardt): 1. Akt der Fledermaus. Bild: Dieter Leder
Alfred (Costa Latsos) vergnügt sich mit Rosaline (Isabell Marquardt): 1. Akt der Fledermaus. Bild: Dieter Leder | Bild: Dieter Leder

Frosch (Christian Theodorids) brilliert im dritten Akt mit sicherem und überzeugendem Spiel, im Duett mit Gefängnisdirektor Frank (Hermann Locher) bleibt vor Komik kein Auge trocken. Und schon gar nicht in der Bestechungsszene mit Alfred: Costa Latsos ist ein genialer Spieltenor mit witzigem Akzent, schöner Stimme und einem krachendem Humor, der sich schon im ersten Akt mit seinem Auftritt als Tenor in die Herzen der Zuschauer gesungen hat. Mit seinem wallenden Brusthaar und seinem liebestollen Blick verleiht er der Liebesszene mit Rosalinde die nötige brickelnde Erotik.

Nina Schulze (Adele) und Felicitas Brunke (Prinz Orlofsky) brillieren mit prächtigem und ausdrucksstarken Opernstimmen und professionellem Spiel. In Überlingen waren sie die Stars der lauen Sommernacht, in der die Kleine Oper am See mit allen Beteiligten die Zuschauer in die Hitze der Nacht entführte: Mit Bravos und Standing Ovations dankte das restlos begeisterte Publikum.
 

Aufgrund von Dachschäden ist die Kapuzinerkirche, hier im Hintergrund, dieses Jahr gesperrt. Als alternativen Spielort wünschen sich der Förderverein Sommertheater und Reinhard Weigelt, Organisator von Kultur im Kapuziner, den Badgarten im Süden des Gebäudes. Hier fand in den vergangenen Jahren schon die "Kleine Oper am See" statt.
Aufgrund von Dachschäden ist die Kapuzinerkirche, hier im Hintergrund, dieses Jahr gesperrt. Als alternativen Spielort wünschen sich der Förderverein Sommertheater und Reinhard Weigelt, Organisator von Kultur im Kapuziner, den Badgarten im Süden des Gebäudes. Hier fand in den vergangenen Jahren schon die "Kleine Oper am See" statt. | Bild: Dieter Leder