Auf viel Kritik ist die Abwesenheit offizieller Vertreter der Stadt bei der Pflanzung von 20 Zirbelkiefern gestoßen, die ein Geschenk der Hinterbliebenen des Flugzeugabsturzes von 2002 sind. Begründungen der Verwaltungsspitze und der Hinweis, nicht in Gegenwart des in zweifelhaftem Ruf stehenden Vereins "Druschba Global" (Freundschaft) auftreten zu wollen, lässt Nadja Wintermeyer, Vorsitzende des Vereins "Brücke nach Ufa", als Erklärung oder gar Entschuldigung für das Fernbleiben nicht gelten. Zum einen habe ihr Verein dazu eingeladen, sagt Wintermeyer. Zum anderen könne die Aussage schon deshalb nicht zutreffen, da "wir bis zum letzten Moment nicht wussten, ob und wer von dieser Organisation teilnehmen wird".

Drei Tage vor der Gedenkfeier war beim NDR-Medienmagazin "Zapp" ein kritischer Beitrag über die diesjährige "Friedensfahrt" des Vereins "Druschba" nach Russland gesendet worden. Auf diesen Beitrag und den dort erhobenen Vorwurf der "pro-russischen Propaganda" und des Kontakts zu der russischen Rockergruppe "Nachtwölfe" beriefen sich plötzlich mehrere Stadträte. "Auftritte bei Veranstaltungen mit deutschen Politikern werden als Propaganda für ihre Zwecke benutzt", glaubte etwa Stadtrat Günter Hornstein (CDU) über "Druschba" herausgefunden zu haben, nachdem er gleich am Montagmorgen bei Oberbürgermeister Jan Zeitler nachgefragt hatte. "Vor diesem Hintergrund kann ich die Entscheidung von Herrn Zeitler nachvollziehen, nicht an der Veranstaltung teilzunehmen und dies auch keinem Stellvertreter zumuten zu wollen.

" Auch die Gemeinderäte Oswald Burger, Udo Pursche (beide SPD) meldeten sich am Tag nach der SÜDKURIER-Berichterstattung mit derselben Argumentation zu Wort.

OB Zeitler erklärte gestern Abend im Gemeinderat, die Teilnahme des Vereins "Druschba" sei nicht mit der Stadt abgestimmt gewesen, deshalb habe er im Vorfeld recherchiert: "Ohne, dass ich hier eine Bewertung der Organisation abgeben möchte, habe ich entschieden, dass es der richtige Weg ist, der Veranstaltung fernzubleiben", sagte Zeitler und schob hinterher: "Die Organisation ist nicht unumstritten." Der Verein unter dem Vorsitz von Rainer Rothfuß versteht sich selbst als Initiative zur Völkerverständigung. Tatsächlich verweist die Organisation auf ihrer Homepage aber auch auf zweifelhafte Internetplattformen, die für ihre pro-russische Propaganda bekannt sind.

Zwar sei die Idee für die Pflanzung der 20 Zirbelkiefern von Elvira Ismagilova aus Moskau ausgegangen, die auch Mitglied des erst vor zwei Jahren in Deutschland gegründeten Vereins "Druschba Global" ist, entgegnet Nadja Wintermeyer. Doch stamme die Grundschullehrerin und Literaturwissenschaftlerin selbst aus Ufa, kenne Hinterbliebene des Flugzeugabsturzes und kümmere sich auch in Russland um ökologische Belange wie Baumpflanzungen. Angehörigensprecher Sulfat Chammatov sei davon sehr angetan gewesen, zumal er in die deutschen Wälder regelrecht verliebt sei.

Diese Verbindung zu "Druschba" nutzt die Stadtspitze nun, um ihr Fehlen zu erklären. Dabei hatten Mitarbeiter des Grünflächenamts den Veranstaltern schon am 20. September mit einer ganz anderen Begründung mitgeteilt, "dass Herr Oberbürgermeister Zeitler aufgrund einer Terminüberschneidung leider nicht anwesend sein" könne. Dies bestätigte dieser gestern auch im Gemeinderat. Tatsächlich war der OB auch im SÜDKURIER als Fan der Überlinger Segler mit SMCÜ-Schal am Berliner Wannsee zu sehen. Auf nochmalige Nachfrage hatte Marina Galetskaya von der "Brücke nach Ufa" am 2. November vom Grünflächenamt erfahren, dass es "nach erneuter Rücksprache mit der Verwaltungsspitze" am Samstag keine offiziellen Grußworte geben werde. "Aber die offizielle Übergabe der Urkunde an Herrn OB Zeitler fand ja bereits statt und wurde in der Presse auch veröffentlicht", hieß es in der Mitteilung des Grünflächenamts weiter.

Irritation über Gebaren im Rathaus

Über das Gebaren im Rathaus war Jürgen Rädler, der damalige Vorsitzende des Vereins „Brücke nach Ufa“, schon im Vorfeld der Vorbereitungen des 15. Jahrestages Anfang Juli irritiert. „Auf die erste Anfrage haben wir damals überhaupt keine Antwort bekommen“, erinnert sich Rädler: „Später hat uns Herr Zeitler in einer E-Mail darauf hingewiesen, dass es in Überlingen üblich sei, nur 25. Jahrestage zu begehen.“ Diese Aussage sei auch an alle Gemeinderäte gegangen und er habe sich gewundert, dass sich niemand zu Wort gemeldet habe.

Nach einem Vorstoß im Staatsministerium habe die Landesregierung zunächst mit dem Hinweis abgeblockt, das Land könne nicht tätig werden, wenn die Stadt dies nicht wünsche. Sensibilisiert wurde Staatsminister Klaus-Peter Murawski schließlich doch nach einem Vorstoß des ehemaligen Daimler-Managers und russischen Honorarkonsuls Klaus Mangold und ergriff die Initiative. Da konnte auch die Stadtverwaltung nicht mehr abblocken. Wobei sich Oberbürgermeister Jan Zeitler auch damals mit den offiziellen Ansprachen beim Empfang des Landes begnügte und dem Gedenken der Hinterbliebenen mit dem Verlesen der Opfer und der Ballonaktion am Waldrand fernblieb. Ex-OB Volkmar Weber, Ex-Bürgermeister Ulrich Lutz und Ex-Bürgermeister Günther Former (Owingen) nahmen teil. Zeitler selbst sagte am Mittwoch: „Ich habe viel Zeit dort verbracht.“ (hpw)