Ein ganz anderes Bild als gewohnt bot sich am Dienstagnachmittag im historischen Rathaussaal. Dort, wo sonst die Stadträte tagen, versammelte sich eine bunte Gruppe aus syrischen Frauen, Männern und Jugendlichen, ehrenamtlichen Helferinnen, Übersetzern sowie Vertretern der Stadt. Sie kamen zusammen, um die Ergebnisse des ersten Integrations-Workshops „Miteinander Füreinander“ zusammenzutragen und das Erlebte zu reflektieren. "Dass wir diesen Raum für die Versammlung gewählt haben zeigt, wie wichtig uns dieses Thema ist", betonte Oberbürgermeister Jan Zeitler.

Am 28. Juli fand der erste Geflüchtetendialog der Stadt Überlingen statt. Integrationsbeauftragte Elke Dachauer lud geflüchtete Familien aus den städtischen Anschlussunterbringungen und ehrenamtliche Helfer zum Perspektivwechsel ein. "Oft sprechen wir über Integration, aber nie mit denjenigen, die es am meisten betrifft", sagte Dachauer. Durch diesen Workshop bekamen Geflüchtete die Chance, zu schildern, was für sie Integration eigentlich bedeutet. Die zentrale Frage dabei war: Wie können wir mehr mit den Überlingern in Kontakt kommen? Um der Antwort näherzukommen versuchten die Teilnehmer, sich in die Überlinger Bürger hineinzuversetzen – für viele, die noch nie mit Deutschen in Kontakt gekommen waren, eine herausfordernde Aufgabe.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten sorgte ein lockeres Rollenspiel für den nötigen Blickwechsel. Die Flüchtlinge versuchten, sich in die Lage der Überlinger Bürger hineinzuversetzen und entwickelten viele Ideen zur Integration. Zu den zahlreichen Vorschlägen zählten zum Beispiel eine Musikaufführung mit kurdischer Musik, eine internationale Sportgruppe und ein Stand mit arabischen Süßigkeiten in der Stadt. Die meiste Zustimmung fanden die Ideen der "Helfer ohne Grenzen"-Initiative und des Übersetzungsdienstes für das Amtsblatt "Hallo Ü".

Die Hecke muss geschnitten werden? Ein Senior braucht einen Fahrdienst zum Arzt? Jemand braucht etwas von der Apotheke? In Zukunft sollen Überlinger sich in solchen Situationen an die "Helfer ohne Grenzen"-Initiative wenden können. Die Idee ist, ein Portal zu gründen, auf dem Geflüchtete ihre Hilfsdienste anbieten. Damit wollen sie den Menschen etwas von dem zurückgeben, was sie ihnen mit der Aufnahme in Überlingen gegeben haben. Gabriele Fahrenkamp-Brandt, ehrenamtliche Betreuerin mehrer Geflüchtetenfamilien in Owingen, kann diesen Tatendrang nur bestätigen: "Das Potential aktiv zu werden ist da, es fehlen nur noch die nötigen Rahmenbedingungen." Für den Anfang gibt es eine WhatsApp-Gruppe. Hierüber sollen weitere Treffen organisiert und Erfahrungen ausgetauscht werden.

"Ich traue mich nicht, einfach zu meinen Nachbarn zu gehen und mich vorzustellen", sagte eine Teilnehmerin, "auf einem Fest würden sich viel mehr Möglichkeiten bieten, mit Deutschen in Kontakt zu kommen." Das will die Arbeitsgruppe des Übersetzungsdienstes ermöglichen. Die Idee ist, dass durch eine arabische Version des amtlichen Mitteilungsblattes den Geflüchteten der Zugang zu Informationen über Termine und Feste gesichert wird.

Klar ist: Das sind erst die ersten Versuche, den großen Integrations-Stein ins Rollen zu bringen. Bis wann die angedachten Projekte umgesetzt werden, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gesagt werden, erklärt Elke Dachauer. Für die Teilnehmer des Workshops hat sich jedoch jetzt schon etwas geändert: Sie sind dankbar, gehört zu werden und jetzt selbst aktiv zu werden.


Anschlussunterbringungen

Ein Großteil der in Überlingen lebenden anerkannten Flüchtlinge ist in sogenannten Anschlussunterbringungen untergebracht, die von der Stadt zur Verfügung gestellt werden. Diese befinden sich in zehn städtischen und zwei privat angemieteten Gebäuden und sind dezentral über das Stadtgebiet verteilt: Sie liegen in der Aufkircher Straße, im Baumgarten (Ortsteil Deisendorf), Bodanweg, Brachenreuthe, Hafenstraße, Jasminweg, Johann-Kraus-Straße, Krummebergstraße, Luziengasse, Mühlbachstraße und in der St. Johann-Straße.

Anfang Juli entschied sich der Gemeinderat zudem für den Bau einer Anschlussunterbringung am Schättlisberg – gegen den Vorschlag der Verwaltung, eine Unterkunft für Flüchtlinge im Gewerbegebiet zu bauen. Hier sollen Wohnmöglichkeiten für mehr als 70 Menschen entstehen. (mde)