Überlingen – Sie lebte viele Jahre im europäischen Ausland und ist 2010 an den Bodensee zurückgekehrt. Was Integration heißt, hat Elke Dachauer in der eigenen Familie hautnah erlebt. "Mein Mann ist Engländer und musste hier auch erst einen Integrationskurs absolvieren", sagt die Frau, bei der seit einem Monat die Fäden der Flüchtlingsfragen in der Stadtverwaltung zusammenlaufen. Zuvor waren die Aufgaben in Kooperation der betroffenen Fachbereiche wahrgenommen worden, jetzt sind sie bei der neuen "Flüchtlings- und Integrationsbeauftragten" konzentriert.

Sichtbare Spuren hat Elke Dachauer in der Stadt schon hinterlassen: Im Auftrag der Sozial-kulturellen Integrationsdienste (SKID) baute sie die Überlinger Nudelmanufaktur und den Nudelladen in der Christophstraße auf. Nur einige Häuser weiter hat sie seit 4. April ihr lichtes Büro, im dritten Obergeschoss des Torhauses. Hier ist die zentrale Anlaufstelle der Verwaltung für Flüchtlingsfragen, hier sollen künftig die Informationen gebündelt und die Strukturen für Betreuung, Begleitung und Unterbringung der Menschen gestärkt werden.

Auf Elke Dachauer kommt viel Arbeit zu. Mit den Gemeinschaftsunterkünften in Goldbach, der Ottomühle oder in Deisendorf hat sie direkt zwar nichts zu tun. Sie sind in der Verantwortung des Kreises und die offizielle Betreuung liegt bei den Sozialpädagogen des Diakonischen Werkes. Doch wenn es um die konkrete Integration im Alltag geht, ist sie ebenso gefragt, wie bei der Steuerung der Anschlussunterbringungen. Hier ist Dachauer nicht nur für Überlingen, sondern auch für Owingen zuständig.

Gerade der Übergang zwischen Gemeinschaftsunterkunft und Anschlussunterbringung ist ein sensibles Terrain. "Es gibt zum Beispiel in absehbarer Zeit zwei syrische Familien, die eine Anerkennung als Bürgerkriegsflüchtlinge haben, beziehungsweise bekommen werden", beschreibt Dachauer einen aktuellen Fall. "Hier will ich mich bemühen, dass sie nach Möglichkeit in der gewohnten Umgebung in Deisendorf bleiben können."

Überlingen steht in der Pflicht, spätestens bis zum Ende des Jahres rund 240 Menschen unterbringen zu können. Dass die Stadt derzeit von ihrem Soll weit entfernt ist, bekräftigte Landrat Lothar Wölfle in einem Gespräch. "Überlingen ist deutlich im Minus", sagt Wölfle, "das tut uns natürlich besonders weh, da es sich um eine große Stadt handelt." Mit diesem Problem ist jetzt Elke Dachauer konfrontiert. "Im Moment werden einige alte städtische Wohnungen soweit ertüchtigt", sagt sie, "damit sie wieder bewohnbar sind." Doch solche punktuellen Quartiere reichten bei weitem nicht, betont Dachauer, die sich auch schon mit der aktuellen Standortsuche und dem Vorschlag am Schättlisberg auseinandergesetzt hat. "Auch aus meiner Sicht ist diese Lösung 'suboptimal'", räumt die Integrationsbeauftragte ganz offen ein. "Doch wir haben keine Alternative gefunden."

Ganz wichtig sind für Elke Dachauer Anlässe und Möglichkeiten zur Begegnung. Das "Café International", das freitags im Kolpinghaus stattfindet, ist für sie ein sehr gutes Beispiel. "Ich konnte es erst einmal besuchen", sagt die Integrationsbeauftragte: "Doch da waren alle Tische besetzt." Derlei Angebote gelte es auch an anderen Standorten und zu anderen Zeiten zu machen, um noch mehr Bürger zu erreichen. "Das ehrenamtliche Engagement ist sehr groß", sagt Dachauer. Die Flüchtlings- und Integrationsbeauftragte will es weiter fördern, den Austausch unter den beteiligten Bürgern anregen und sei bei Bedarf bei der Arbeit beraten.

Eines ihre Ziele ist es auch, sukzessive ein Gesamtkonzept für die Integrationsarbeit zu entwickeln, das als Orientierung für eine bedarfsgerechte und an die Stadt angepasste Strategie dienen kann. Dazu gehören für sie auch kleine konkrete Projekte als Mosaiksteine. Ein Beispiel sei das Förderprogramm "Gemeinsam in Vielfalt" für lokale Bündnisse der bisherigen Sozialministerin Altpeter, das Dachauer nutzen möchte. "Die Aufgabe ist eine große Herausforderung", resümiert die Flüchtlings- und Integrationsbeauftragte. Auch wenn die Rahmenbedingungen nicht zuletzt aus finanziellen Gründen relativ eng gesteckt seien, will sie "den vorhandenen Gestaltungsspielraum kreativ nutzen".

Am Montag, 9. Mai, veranstaltet die Stadt einen Informationsabend zur Anschlussunterbringung von Flüchtlingen. Dabei geht es auch – aber nicht nur – um die Pläne eines Provisoriums am Schättlisberg.

Zur Person

Elke Dachauer ist in Gottmadingen (Kreis Konstanz) geboren. Am sozialpädagogischen Gymnasium in Radolfzell machte sie ihr Abitur, um dann ein Studium zur Diplomverwaltungswirtin zu absolvieren. Beruflich war sie anschließend in der Schweiz, in Irland und Frankreich (14 Jahre) tätig, ehe sie 2010 an den Bodensee zurückkehrte. Als Projektleiterin war sie bei den Sozial-kulturellen Integrationsdiensten (SKID) in Überlingen tätig und baute hier die Nudelmanufaktur und den Nudelladen auf. Seit April 2016 ist sie Flüchtlings- und Integrationsbeauftragte der Stadt Überlingen. (hpw)