Dem Einzelhandel gehe es nicht gut, ist oft zu hören. Viele Geschäftsleute machen den Internet-Handel dafür verantwortlich und mahnen den Bau weiterer Parkplätze an, um die Frequenz zu steigern. Beim Neujahrsempfang des Wirtschaftsverbundes (WVÜ) warnte Uwe Zscherp vom AK Handel vor Experimenten mit einer "temporären Innenstadtsperrung", besser sei der Begriff "saisonale Verkehrsberuhigung". Zugleich rief er die Händler dazu auf, sich einheitliche Öffnungszeiten zu geben, die verlässlicher sind. Klaus Munding vom gleichnamigen Modehaus warnte vor einer weiteren Verkehrsberuhigung. Andere Städte öffneten Fußgängerzonen wieder, als Gegenentwurf zum Onlinehandel. Wie kommt es aber, dass in der selben Stadt die einen schließen, während andere öffnen und sehr erfolgreich wirtschaften? Einzelhändler Joachim Meyer wirft einen kritischen Blick auf die Lage, Buchhändlerin Karen Lambertz-Zalitatsch sieht die Lage durchweg positiv. Zwei Händler, zwei Sichtweisen.

Joachim Meyer, der Erfahrene:Joachim Meyer war bis Ende vergangenen Jahres Inhaber der Firma Meyer Sanitärtechnik und gleichzeitig mehr als 20 Jahren auch Einzelhändler in Überlingen, zudem hatte er von 1994 bis 2006 den Vorsitz des Wirtschaftsverbunds Überlingen (WVÜ) inne. Meyer blickt mit Skepsis auf die Entwicklung des Handels in der Stadt. Sein Nachfolger Thilo Freisleben führt den Fachbetrieb weiter, nicht aber das Ladengeschäft mit Bad-Accessoires in der Christophstraße.

In diesem wird Freisleben eine Ausstellungsfläche für Badewannen, Duschen, Waschbecken und Toiletten einrichten. Die Rentabilität eines Ladengeschäfts sei nicht gegeben, so Freisleben. Das veränderte Kaufverhalten im Zeitalter des Internets und die Verkehrssituation in Überlingen seien die Hauptgründe für die Schwierigkeiten vieler Einzelhändler in der Stadt, so Meyer. "Unser WVÜ-Slogan vor mehr als 20 Jahren war, den Einkaufstag zum Urlaubstag zu machen. Dafür gibt es aufgrund der unbefriedigenden Verkehrssituation hier in unserer Stadt nach wie vor unzureichende Voraussetzungen", sagt Meyer. Die autofreie Innenstadt sei die einzige Chance des Einzelhandels. Preis und Qualität des Angebots würden sich im Vergleich zum Internethandel oft kaum unterscheiden. Mehr Aufenthaltsqualität ist für Meyer der Schlüssel zu mehr Kundenfrequenz in Überlingens Innenstadt. Ein verändertes Freizeitverhalten unserer Gesellschaft führe auch dazu, dass es immer weniger inhabergeführte Geschäfte gebe. Unattraktive Arbeitszeiten von bis zu 50 Stunden pro Woche, oft ohne ausreichend Personal, weil dieses sich nicht mehr trage, höhere Ladenmieten und geringere Einkünfte seien die Gründe dafür, erklärt Meyer. Den steigenden Zuzug in die Stadt sieht Meyer positiv. "Hier liegt noch Potenzial und damit geht es uns im Vergleich zu Städten im Hinterland noch gut", so der ehemalige WVÜ-Chef.

Karin Lambertz-Zalitatsch, die Mutige: Karen Lambertz-Zalitatsch eröffnete vor fast genau zwei Jahren im Januar 2016 ihren Buchladen "Buchlandung" am Überlinger Landungsplatz. Über den Mut, trotz eines starken hiesigen Mitbewerbers, bei insgesamt gemischten Prognosen des Buchhandels und ausgerechnet am Standort Überlingen ein Geschäft zu eröffnen, resümiert die Inhaberin: "Ja, es war wohl mutig, aber ich glaubte fest an einen Erfolg und die Situation hier am Ort hat mich geradezu positiv dazu beeinflusst. Ich bin da sehr eigensinnig und war der Meinung, dass hier eine individuelle Buchhandlung als Alternative fehlt." Die Buchhändlerin hatte sich damals eine Wirtschaftsanalyse zuschicken lassen und war sich sicher, dass gerade in Überlingen eine hervorragende Infrastruktur für ihr Vorhaben vorhanden war. "Nach Überlingen kommen nicht nur klassische Touristen, sondern auch Gäste mit Bildung und gutem Einkommen, Patienten der Kurkliniken mit viel Zeit zum Lesen. Das heißt, ein anspruchsvolles, bibliophiles, aber nicht abgehobenes Sortiment ist hier gerade richtig platziert", erklärt Lambertz-Zalitatsch. Ihre Bilanz nach zwei Jahren fällt sehr gut aus und ist quasi ein Erfolgsmodell. Die Intensität der positiven Rückmeldungen habe sie überrascht, erklärt die Geschäftsfrau. Natürlich räumt sie ein, eine Buchhandlung sei kein Bekleidungsgeschäft und für sie würden somit auch etwas andere Regeln gelten. Dennoch gibt Karen Lambertz-Zalitatsch auch als Mitglied des Wirtschaftsverbandes Überlingen zu bedenken: "Ein positives Bekenntnis von uns allen zu unserer schönen Stadt mit den vielen individuellen Geschäften müsste sich nach Außen transportieren lassen." Wenn Stadtverwaltung und Handel sich auf eine Lösung der Verkehrssituation einigen könnten und diese auch ebenso geschlossen nach Außen kommunizieren, sieht sie für den Überlinger Einzelhandel die Zukunft positiv.