Der bis auf den letzten Platz gefüllte Theatersaal des Überlinger Augustinums erlebte am Mittwochabend Gretchen Dutschke authentisch. In Pluderhosen und Pullover kam die Witwe des 1979 an den Spätfolgen seiner Schussverletzungen verstorbenen Studentenführers Rudi Dutschke, las aus ihrem Buch und stellte sich den Fragen der Moderatorin. Sylvia Kruse-Baikers feinfühliger Dramaturgie des Gesprächs war es zu verdanken, dass die gebürtige Amerikanerin Dutschke sich im Verlauf des Abends öffnete.

Entsetzt über Terror-Gruppe

Die Ausführungen der Zeitzeugin der 68er-Bewegung stieß bei dem Publikum auf großes Interesse, wie die anschließend lebhaft gestellten Publikums-Fragen zeigten. "1968 worauf wir stolz sein dürfen", so der Titel ihres neuesten Buches warf auch Fragen auf, die mit Stolz nichts zu tun haben dürften. Ob aus der Studentenbewegung nicht letztlich die "Baader-Meinhof-Bande" hervorgegangen wäre, war eine dieser Fragen aus dem Publikum. Die in ihren Antworten bisher eher bescheiden und zurückhaltend wirkende Theologin Gretchen Dutschke reagierte darauf sehr emotional. "Nein, das ist keine Folge unserer Bewegung. Ich habe Frau Meinhof nur zweimal getroffen. Sie war eine unmögliche Person und ich habe damals schon gesagt, dass sie sich irre. Auch Rudi war entsetzt von dieser Terror-Gruppe", beschied Gretchen Dutschke.

Die freundliche Feministin erklärte den Anwesenden auch ihren Vornamen Gretchen, der im amerikanischen ein normaler Vorname wäre, also nichts mit der deutschen Verniedlichung zu tun hätte. "In Amerika kennt man auch den Faust nicht", so Dutschke.

Rückzug nach Dänemark

In drei Themenkomplexe hatte Sylvia Kruse-Baiker die Fragestunde gegliedert. Persönliches und Politisches der 68er-Bewegung und der aktuellen Lage. Dutschke, die 1985 in die USA zurückgekehrt und seit 2009 wieder in Berlin lebt, stellte sich allen Fragen und ließ auch einen Einblick in ihr Privatleben zu. Das Ehepaar Dutschke hatte sich aufgrund der schweren Kopfverletzungen, nach dem Attentat auf Rudi Dutschke in Berlin bei einer Studenten-Demonstration, nach Dänemark zurückgezogen um dort Frieden zu finden, wie Dutschke erklärte. "Als ich von den Schüssen auf Rudi hörte, habe ich nur noch geschrien. Dann gingen wir nach Dänemark. Wir hatten ein drei Monate altes Baby, ich funktionierte nur noch".

Studentenbewegung Anfang der Veränderung

Die Studentenbewegung habe den Ausschlag dafür gegeben, dass sich in Deutschland alles veränderte. Daraus entstand auch die Antiatomkraftbewegung und später die Grünen, erklärte Dutschke. Heute sollte man aus allen Protestbewegungen eine große Bewegung machen, die hätte mehr Erfolg, riet Dutschke dem Publikum.