Renate Gerstenberg möchte etwas loswerden, das ist ihr wichtig. Es sind die Abschiedsworte der letzten Videothekarin aus Überlingen. "Alle Kunden, die immer wieder zu uns gekommen sind. Vom Anfang bis zum Schluss. Ich möchte einfach Danke sagen. Mir ist so oft das Herz aufgegangen." Nach 32 Jahren ist es seit März dieses Jahres Gewissheit. Die Video-Welt, und damit die letzte Videothek der Stadt, schließt die Pforten.

Das Geschäft mit dem Film lief von Anfang an

Vom Boom des Filmverleihs in den 80er und 90er Jahren ist in der heutigen Zeit nichts mehr geblieben, meint Renate Gerstenberg. Zumindest nicht im stationären Handel. "Damals sind Videotheken wie Pilze aus dem Boden geschossen. In Überlingen und der Nähe gab es allein sieben Filmverleiher." Für Familie Gesternberg war es ein mutiger Schritt, sich einfach dazuzugesellen – im September 1986 eröffneten die Gerstenbergs den zweistöckigen Laden in der Nußdorfer Straße.

Hauptberuflich war der Ehemann von Renate Gerstenberg nicht im Laden tätig, kümmerte sich jedoch um die Technik im Hintergrund. Mit ihrer Mutter als Buchhalterin bildete Renate Gerstenberg das erste Team der jungen Videothek. "Wir hatten später drei Angestellte und alle haben gut davon leben können", erzählt die 58-Jährige. Das Geschäft lief von Anfang an, trotz einer Zeit, in der der Filmverleih an Minderjährige verboten war.

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Nach der Jahrtausendwende zeigten sich ersten Risse im stationären Filmverleih. Für die Videothekarin zeichnete sich zu dieser Zeit eine Wende in der Branche ab. "Es war zur Zeit der Euro-Umstellung. Da haben die Leute dann plötzlich gerechnet. Und dann kamen die Raubkopierer, die den Film vom Kino direkt ins Netz gesetzt haben."

Das Monopol der Videotheken, die nach der Ausstrahlung im Kino den Film ein Jahr lang im Verleih verwerten durften, bröckelte. Die Produktionsfirmen entschlossen sich im Kampf gegen Raubkopierer, die Filme schneller auf die Verkaufstheke zu bringen. "Das hat uns zuerst das Genick gebrochen. Dieselbe Zeit, wo wir den Film bekommen haben, stand er auch im Geschäft zum Verkauf. Zu einem weitaus günstigeren Preis als zu Zeiten der Mark."

"Es hängt so viel dran, was der Staat verlangt."

Trotz des Kundenschwunds blieben die Kosten für die Videothek hoch: Miete, Angestellte, Gema-Gebühren, Beiträge zur Filmförderung und Versicherungen. Renate Gerstenberg: "Es hängt so viel dran, was der Staat verlangt. Ohne diese Kosten würde ich jetzt noch davon leben. Die letzten vier Jahre habe ich gearbeitet, ohne einen Cent mehr für mich zu sehen." Doch warum? Die Antwort fällt ihr leicht: "Die Leidenschaft zum Film." Und da gab es einige Werke, für die ihr die Kunden das Geschäft gestürmt haben – der 3D-Kinohit "Avatar" oder der Dinosaurier-Klassiker "Jurrasic Park" von Steven Spielberg aus dem Jahr 1993.

An die Videothek im Oberriedweg 2 erinnert nur noch ein Schild: Mit der Geschäftsaufgabe schließt der letzte Filmverleih in Überlingen.
An die Videothek im Oberriedweg 2 erinnert nur noch ein Schild: Mit der Geschäftsaufgabe schließt der letzte Filmverleih in Überlingen. | Bild: Kares, Julian

Es müssen tausende vielen Filme sein, die 32 Jahre lang über die Theke der Video-Welt gewandert sind. Was schaut eigentlich eine Videothekarin am liebsten? "Ich liebe Star-Trek, da habe ich damals alle Folgen gesehen. Fantasyfilme schaue ich gerne, aber auch Tanzfilme. Na klar ist Dirty Dancing dabei. Aber ich bin eigentlich für alles offen, das war für die Beratung meiner Kunden sehr hilfreich."

Tanzschule wird eine Zweigstelle eröffnen

In den Räumen, in denen Renate Gerstenberg einst ihre Kunden auf einen perfekten Filmabend vorbereitet hat, lässt mittlerweile nichts mehr auf die Anwesenheit von Filmen schließen. Derzeit wird im Inneren des Gebäudes umgebaut, im November eröffnet eine Tanzschule aus Friedrichshafen eine Zweigstelle im Oberriedweg 2.

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Der Bestand aus mehr als 10.000 Filme liegt bei den Gerstenbergs auf dem Speicher. Lust auf Fernsehen hat die Mutter von drei Kindern momentan nicht. Ein seltsames Gefühl, gibt sie zu. Schließlich habe sie in den 32 Jahren davor fast täglich einen Film geschaut. Vielleicht ist das Gefühl, dass etwas kaputtgegangen ist, noch zu frisch, meint Renate Gerstenberg. "Klar, ich bin froh, dass ich den Absprung geschafft habe. Aber es war ein Stich ins Herz, aufzuhören. Und ich habe eine Bitte. Könnte ich noch etwas loswerden?", fragt sie. Dann spricht die letzte Videothekarin aus Überlingen ihre Abschiedsworte an die Kunden.

Jörn Weinrich, Geschäftsführender Vorstand Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland e.V.: "Mit dem illegalen Streamen und Download wurde der Wendepunkt eingeleitet."
Jörn Weinrich, Geschäftsführender Vorstand Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland e.V.: "Mit dem illegalen Streamen und Download wurde der Wendepunkt eingeleitet." | Bild: Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland e.V.

Illegales Streamen als Wendepunkt

Jörg Weinrich ist Geschäftsführer des Interessenverbands des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD). Er erklärt, was zum Ende der Videotheken in Deutschland geführt hat.

Herr Weinrich, in Überlingen schließt die letzte Videothek ihre Pforten. Was hat zum Aussterben der Geschäfte geführt?

Das ist relativ einfach. Du kannst nicht überleben, wenn du ein Produkt anbietest, dass es im Internet kostenlos gibt. Vor allem wenn du Mitarbeiter, Gebäude und Lizenzen bezahlen musst. Mit dem illegalen Streamen und Download wurde der Wendepunkt eingeleitet.

Sprechen Sie von Netflix und Co.? Das sind doch legale Streaming-Anbieter.

Ja, die sind mittlerweile legal. Das Filmeschauen im Internet hat aber schon im Jahr 2002 langsam angefangen. Und zu der Zeit war das kostenfrei und auf illegalen Plattformen. Als Wirtschaftsunternehmen hast du dagegen keine Chance. Sie könnten doch auch nicht bezahlt werden, wenn ihre Artikel kostenlos im Netz stehen.

Wie wird sich das Filmeschauen und der Filmverleih in der Zukunft enwickeln? Provokant gefragt: Ist als nächstes das Fernsehen an der Reihe?

Über das Fernsehen will ich nichts sagen, das steht mir nicht zu. Aber es hat eine inhaltliche Verschiebung stattgefunden. Das ist bemerkbar. Die Leute schauen mittlerweile mehr Serien als Filme. Wie lange das anhält und ob beispielsweise Netflix es schafft, mit dem Angebot dauerhaft den Markt zu versorgen, lässt sich schwer vorhersagen.

Fragen: Julian Kares