„Demokratien stehen und fallen mit dem Engagement ihrer Bürger“. Das betonte der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Ansprache beim Bürgerempfang zum 1250-jährigen Stadtjubiläum. Nach seiner frei gehaltenen, eineinviertelstündigen Festrede erhoben sich die rund 600 Besucher im Kursaal und applaudierten minutenlang. Weitere, etwa 50, Besucher verfolgten die Veranstaltung, die per Video übertragen wurde, im Ratssaal und rund 180 Interessierte per Livestream. Die 400 Karten für den Kursaal, die die Stadt für die Bevölkerung reserviert hatte, waren nach nur zwei Stunden vergriffen gewesen.

Der frühere Bundestagspräsident, Norbert Lammert, hielt im Kursaal die Festrede beim Neujahrsempfang 2020, der zugleich den Auftakt zu den 1250-Jahr-Feierlichkeiten der Stadt Überlingen darstellte. Bilder: Stefan Hilser (2), Hanspeter Walter (6)
Der frühere Bundestagspräsident, Norbert Lammert, hielt im Kursaal die Festrede beim Neujahrsempfang 2020, der zugleich den Auftakt zu den 1250-Jahr-Feierlichkeiten der Stadt Überlingen darstellte. Bilder: Stefan Hilser (2), Hanspeter Walter (6) | Bild: Hilser, Stefan

Lammert, der „eine besondere Beziehung zu Überlingen“ hat, wo er und seien Frau zehn Jahre lang einen Zweitwohnsitz besaßen, begeisterte seine Zuhörer mit einer Grundsatzrede, in der folgende Kernfragen im Mittelpunkt standen: Wie wollen wir in Zukunft leben? Wie reden wir eigentlich miteinander? Wie wollen wir unser Zusammenleben regeln?

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Für Lammert seht fest: „Jede Gesellschaft braucht ein Mindestmaß an Gemeinsamkeiten, die alle teilen.“ Natürlich könne eine freie Gesellschaft nie konfliktfrei sein, doch: Ohne ein Mindestmaß an Konsensfähigkeit hält eine Gesellschaft die Konflikte nicht aus. Allerdings gebe es, gefördert von den digitalen Filterblasen, eine zunehmende Neigung zu Fundamentalismus und Populismus. Dabei gehöre zu den wichtigsten Lektionen des aufgeklärten Europas, „dass es keinen einheitlichen Volkswillen gibt.“ Deshalb habe man sich in Demokratien darauf verständigt, „dass am Ende das gilt, was die Mehrheit entscheidet.“

Der frühere Bundestagspräsident, Norbert Lammert, hielt im Kursaal die Festrede beim Neujahrsempfang 2020, der zugleich den Auftakt zu den 1250-Jahr-Feierlichkeiten der Stadt Überlingen darstellte.
Der frühere Bundestagspräsident, Norbert Lammert, hielt im Kursaal die Festrede beim Neujahrsempfang 2020, der zugleich den Auftakt zu den 1250-Jahr-Feierlichkeiten der Stadt Überlingen darstellte. | Bild: Hilser, Stefan

Bewusst erinnerte Lammert an die erste deutsche Verfassung von 1919, die in weiten Teilen mit der heutigen identisch sei. Die Weimarer Republik sei sicher nicht an ihrer Verfassung gescheitert, sondern am unzureichenden Engagement von Demokraten. Es sei nicht selbstverständlich, dass die zweite deutsche Demokratie halte, mahnte Lammert. „Nichts ist sicher, wenn wir nicht dafür sorgen, dass es sicher bleibt oder sicher wird.“

Norbert Lammert (links) und Jan Zeitler.
Norbert Lammert (links) und Jan Zeitler. | Bild: Hilser, Stefan

Oberbürgermeister Jan Zeitler hatte zuvor in seiner Ansprache den Bürgern versprochen: „Wir beteiligen Sie“ – und kurz darauf aber unter Beifall betont, „nur die konsensuale Anerkennung der politischen Entscheidungswege im Rahmen einer parlamentarischen Demokratie“ werde der Fortentwicklung der Stadt dienlich sein. Ein Infragestellen von demokratisch gefällten Entscheidungen sei, was Letztere angehe, hingegen kontraproduktiv. Zeitler: „Ein ständiges ‚Dagegen‘ würde unsere Stadt und nachfolgende Generationen um Zukunftschancen berauben – und genau dies werden weite Teile des Gemeinderates und ich nicht zulassen.“ Zeitler blickte ferner kurz in die Überlinger Geschichte zurück, nachdem bereits ein Kurzfilm von Reiner Jäckle und Michael Schäuble die Schokoladenseiten der Stadt vor Augen geführt hatte. Im Publikum saßen auch zahlreiche Ehrengäste, die Zeitler begrüßte, neben den Bundes- und Landtagabgeordneten etwa auch Regierungsvizepräsident Utz Remlinger vom Regierungspräsidium Tübingen. Vom Landratsamt Bodenseekreis war hingegen kein Vertreter anwesend.

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Eingangs hatte der Madrigalchor die Gäste mit einem „Benedictus“ eingestimmt. So bekam zumindest der Auftakt des Empfangs doch noch eine sakrale Note, nachdem die Stadt das Angebot von Stadtpfarrer Bernd Walter abgelehnt hatte, die Veranstaltung doch im Münster stattfinden zu lassen – allein schon, da dieses mehr Platz böte. Tatsächlich blieb im Kursaal kein Stuhl unbesetzt. Neben dem Madrigalchor trugen die „Lake Voices“ mit lateinischen Rhythmen zur musikalischen Gestaltung bei.

Der Festredner des letzten Jahres, der frühere Botschafter Dieter Haller (links), im Gespräch mit dem Festredner 2020, Norbert Lammert, früherer Bundestagspräsident.
Der Festredner des letzten Jahres, der frühere Botschafter Dieter Haller (links), im Gespräch mit dem Festredner 2020, Norbert Lammert, früherer Bundestagspräsident. | Bild: Hilser, Stefan