Waldrappe sehen mit ihrem schimmernden Gefieder, Federkranz am kahlen Kopf und gebogenen Schnabel nicht nur eigenwillig aus. Sie scheinen auch einen eigenwilligen Charakter zu haben. Sonic, ein Waldrapp-Weibchen der 2017er Handaufzucht, war nach ihrem Flug über die Alpen schon in Überlingen zurückerwartet oder zurückerhofft worden, hält sich stattdessen aber lieber in der Schweiz auf.

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Gesichtet wurde sie von Walter Burkhardt, Architekt in Domat/Ems. Naja. Eigentlich hat sie seine Frau zuerst gesehen. In der Ferne beim morgendlichen Spaziergang in der Nähe des Golfplatzes. Auf ihren Fotos waren die schwarzen Umrisse von Sonic zu erkennen. Das Naturhistorische Museum in Chur bestätigte dem Ehepaar, dass es sich um einen Waldrapp handeln müsse. Daraufhin traute sich der Architekt näher an Sonic heran. „Es war speziell. Bisher hatte ich die Waldrappe nur im Fernsehen gesehen“, sagt Burkhardt.

Schweizer verfolgt Weg über Handy-App

Aus etwa zehn Metern Entfernung fotografierte er sie. Dabei sind die Aufnahmen entstanden, die der SÜDKURIER hier zeigt. Sonic ist beringt und damit eindeutig identifizierbar. Das Waldrapp-Weibchen hätte keine Angst gezeigt. „Die Golfer liefen an ihr vorbei. Aber sie ließ sich nicht stören beim Fressen“, berichtet Burkhardt. Seitdem verfolgt der Schweizer Sonics Weg über die Handy-App Animal Tracker. Am Donnerstag habe er sie noch in Domat/Ems gesehen, jetzt sei sie in Bern.

Sonic, fotografiert an einem Golfplatz in Domat/Ems, hat es als erster Waldrapp der Handaufzucht 2017 eigenständig von Winterquartier in der Toskana über die Alpen geschafft.
Sonic, fotografiert an einem Golfplatz in Domat/Ems, hat es als erster Waldrapp der Handaufzucht 2017 eigenständig von Winterquartier in der Toskana über die Alpen geschafft. | Bild: Walter Burkhardt

Ausflug in den Zoologischen Garten Zürich

Dazwischen war sie Burkhardts Beobachtungen zufolge im Zoologischen Garten in Zürich und am Baldeggersee. Von Bern flog sie in die Nähe von Murten und wieder zurück. Was sucht Sonic? Vielleicht Artgenossen? Seit Ende Juni wird in Heiligenberg Cleopatra vermisst. Bei einem Trainingsflug hatte der Waldrapp den Anschluss verloren. „Es ist kein gutes Zeichen, dass er immer noch nicht aufgetaucht ist“, sagt Johannes Fritz, Leiter des Wiederansiedlungsprojekts. Der Waldrapp sei zuletzt in der Nähe von Raben gesehen worden. „Auch schwarze Vögel“, sagt Fritz. Doch was Sonic in der Schweiz hält, sind nicht etwa andere Tiere. Das Waldrappteam vermutet, dass das Weibchen „ein attraktives Nahrungsgebiet“ gefunden hat.

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Architekt Walter Burkhardt will den Weg von Sonic weiter beobachten. Ob dieser noch nach Überlingen führt, weiß niemand. Biologe Johannes Fritz sagt: „Das ist nicht voraussagbar.“ Dem Vogel tauge es so gut in der Schweiz, dass er nicht weiterfliege. Für einen subadulten Vogel, also einen noch nicht geschlechtsreifen Waldrapp, „ist das nicht ungewöhnlich“, erklärt Fritz. Es gebe für Sonic keine Notwendigkeit, den ganzen Weg in das Brutgebiet zu fliegen, das Überlingen ab 2020 werden soll. Noch kann sie nicht brüten.

Zwei weitere 2017er-Waldrappe am Alpensüdrand

Das Waldrappteam feiert indes den Erfolg, dass es ein Waldrapp, der 2017 in Überlingen aufgezogen, von Menschen in die Toskana geführt und dort ausgewildert wurde, eigenständig über die Alpen zurückgeschafft hat. Zwei Artgenossen von Sonic aus der Überlinger Kolonie halten sich einer Pressemitteilung nach derzeit am Alpensüdrand auf. Sie könnten ebenfalls noch in diesem Sommer den Weg über die Alpen suchen. „In jedem Fall gibt das Verhalten von Sonic und seinen Artgenossen guten Grund zur Hoffnung, dass 2020 erstmals geschlechtsreife Waldrappe nach Überlingen zurückkehren werden. Sie sollten dann in den Felswänden am Bodenseeufer bei Überlingen brüten“, erläutert das Waldrappteam.

Bruterfolge in Kuchl und Burghausen

Wird das den Vögeln gelingen? Zumindest die Waldrappe aus den Brutgebieten in Kuchl nahe Salzburg und Burghausen schaffen es ins Winterquartier und wieder zurück. An beiden Standorten gab es schon Bruterfolge, wie auf der Internetseite des Waldrappteams zu lesen ist. Überlingen und nun Heiligenberg gelten bisher als Trainingscamps.

Sonic, fotografiert an einem Golfplatz in Domat/Ems, hat es als erster Waldrapp der Handaufzucht 2017 eigenständig von Winterquartier in der Toskana über die Alpen geschafft.
Sonic, fotografiert an einem Golfplatz in Domat/Ems, hat es als erster Waldrapp der Handaufzucht 2017 eigenständig von Winterquartier in der Toskana über die Alpen geschafft. | Bild: Walter Burkhardt

Waldrapp und Projekt

  • Der Waldrapp gehört zu den Ibisvögeln und erreicht ausgewachsen ein Körpergewicht von rund eineinhalb Kilogramm. Seine Flügelspannweite kann bis zu 1,25 Meter betragen, seine Körperlänge mehr als 70 Zentimeter, inklusive Schwanzfedern. Der Waldrapp hat ein schwarzes, grün-violett glänzendes Gefieder. Typisch sind auch die roten Beine und der nach unten gebogene Schnabel, mit dem der Vogel im Boden nach Regenwürmern und Insektenlarven stochert. Waldrappe leben in Gruppen, wobei nur noch eine größere natürliche Kolonie in einem Nationalpark in Marokko existiert. Früher war der Vogel in Mitteleuropa – zum Beispiel in Überlingen – und an der Mittelmeerküste heimisch, wurde aber so stark bejagt, dass er als Zugvogel faktisch als ausgestorben gilt.
  • Das Projekt: Das Waldrappteam möchte mit seinem Projekt „Reason for Hope“ (Grund zur Hoffnung) die Wiederansiedlung des Waldrapps in Europa vorantreiben. Seit 2017 wurden in Überlingen-Hödingen zwei Mal Waldrappe aufgezogen und von den Menschen beim Zug über die Alpen begleitet. In diesem Jahr werden die Vögel am Segelflugplatz in Heiligenberg aufgezogen und trainiert. Da mit der Rückkehr erster Waldrappe der 2017er-Generation gerechnet wurde und sich die subadulten Vögel und die Jungvögel nicht in die Quere kommen sollten, wurde der Standort gewechselt. Überlingen soll ab 2020 Brutkolonie werden, Burghausen und Kuchl sind es schon. Das Wintergebiet der Waldrappe liegt in der Toskana in der Laguna di Orbetello. Dabei handelt es sich um ein WWF-Schutzgebiet. Die Europäische Union fördert das Artenschutzprojekt momentan über ihr „LIFE+ Programm“. Der Antrag für die Zeit ab Anfang 2020 wurde abgelehnt. Das Waldrappteam wird ihn in modifizierter Form nochmals einreichen.
  • Die Menschen sind wieder dazu eingeladen, die Waldrappe kennenzulernen. Sie können an den Segelflugplatz in Heiligenberg kommen. Täglich zwischen 13 und 17 Uhr können sie die Vögel dort beobachten.