Es kam selten vor, dass eine Vorsitzende des Familientreffs sechs Jahre lang im Vorstand engagiert war, davon vier Jahre als Vorsitzende. Wie haben Sie das als berufstätige Mutter geschafft?

Naja, drei von den sechs Jahren war ich ja quasi in Elternzeit mit meinen beiden Kindern, dabei je einen Tag pro Woche mit meiner ambulanten neuropsychologischen Tätigkeit beschäftigt. Die Freiheit durch die Elternzeiten war enorm hilfreich und die letzte Phase der Planungsarbeiten für das Familienzentrum Altstadt und der Umzug des Familientreffs dorthin wäre anders gar nicht möglich gewesen. In diesem Sinne darf man die Möglichkeit der Elternzeit auch einmal als Instrument für mehr Dienst an unserer Gesellschaft würdigen – wenn man diese so nutzt. In der übrigen Zeit mit, zuletzt 80-prozentige Berufstätigkeit blieb nur: striktes Abarbeiten nach Prioritäten und dabei zu lernen, Familienzeiten zu schaffen und zu genießen – auch wenn sich an anderer Stelle die Arbeit türmte!

Gruppenbild mit Nachwuchs: Auch sonst gibt es im jetzt gewählten Vorstand des Familientreffs einige neue Gesichter. Obere Reihe v.l.: Stephanie Weber, Manuela Weiss, Julia Martin; mittlere Reihe, v.l. Susi Fischler, Yvonne Jekat, Aznik Kaloyan und untere Reihe, v.l. Freya Kölble, Christine Schroff, die die Nachfolge von Mirijam Geiger-Riess angetreten hat, und Miriam Altmann.
Gruppenbild mit Nachwuchs: Auch sonst gibt es im jetzt gewählten Vorstand des Familientreffs einige neue Gesichter. Obere Reihe v.l.: Stephanie Weber, Manuela Weiss, Julia Martin; mittlere Reihe, v.l. Susi Fischler, Yvonne Jekat, Aznik Kaloyan und untere Reihe, v.l. Freya Kölble, Christine Schroff, die die Nachfolge von Mirijam Geiger-Riess angetreten hat, und Miriam Altmann. | Bild: Privat

Welche Aspekte haben Sie motiviert, auch in schwierigen Zeiten so lange durchzuhalten?

Die Gemeinschaft im Familientreff! Das Miteinander im Diskutieren, darüber Nachdenken, Planen und Tun – ich stand nie alleine da. Manchen Durchhänger konnte ich Dank unserer Martina Fahlbusch-Nährig, der hauptamtlichen Fachkraft im Familientreff, und ihrer feinfühligen, ermunternden Art überwinden. Und zeitweise half einfach der schwarze Humor in unserer Vorstandsmädelsrunde, wenn es in der Planungsphase zum neuen Familienzentrum mal wieder anstrengend wurde.

Was haben Sie für sich persönlich mitgenommen?

Das einzige, was ich mit meiner damals eher kurzfristigen und aus der Not heraus entstandenen Kandidatur zur Vorsitzenden nicht intendiert hatte, war persönliches Wachsen – und dann ist genau das passiert. Ich habe so vieles für mich mitgenommen: Chaos aushalten, das automatisch entsteht, wenn Kinder aufeinandertreffen und auch dabei produktiv tätig sein, bis aufs Äußerste flexibel und fähig zu sein, Mehreres gleichzeitig zu tun – und sei es nur, während Sitzungen mit der Stadt das eigene Kind so zu beschäftigen, dass es den Gesamtablauf nicht bedeutsam stört. Das Familiäre mit der ehrenamtlichen Tätigkeit zu verbinden bedeutet, punktgenau alles unter einen Hut zu bekommen und sich aus dem eigenen häuslichen Umfeld in eine Art von Öffentlichkeit zu wagen, dies ist sicher der entscheidende Moment am Wachsen.

Mit welchen Argumenten würden sie bei anderen für so ein ehrenamtliches Engagement ermuntern?

Für ein ehrenamtliches Engagement im Familientreff kann man hervorragend damit werben, dass man Mütter und Väter fragt, was sie für ihre Kinder später erreichen möchten. Ein Engagement im Familientreff bedeutet immer, Vorbild sein können für sein Kind. Vorbild darin, wie man sich für die Gemeinschaft, in der man lebt, einsetzt – oder auch nicht. Vorbild sein für lebenslanges Lernen und bewusstes Weiterwachsen auch als erwachsener Mensch – oder eben nicht. Und ja: ehrenamtliches Engagement kann anstrengend sein, kommt es doch immer noch zum normalen Wahnsinn einer Familie dazu. Verlassen wir jedoch unsere Komfortzone nicht, werden wir all diese wunderbaren Möglichkeiten nicht erhalten. Mit einem meiner Argumente kann ich wohl zunehmend weniger punkten, finde das jedoch nach wie vor grundlegend: die konkrete Umsetzung eines christlichen Wertes, den Dienst am Anderen, den Dienst an der Gemeinschaft.

Sie haben ja auch die Planung des neuen Familientreffs begleiten können – nicht nur mit lachenden Augen. Wie hat sich der Standort entwickelt? Wie zufrieden sind Sie heute damit ?

Wir haben uns nun im zweiten Jahr gut in unseren Räumen im Familienzentrum Altstadt eingelebt. Die steigenden Nutzerzahlen zeigen, dass der neue Standort gut angenommen wird. Der Garten bleibt, wie erwartet, zu klein. Weiterhin werden die fehlenden Parkmöglichkeiten vor Ort immer wieder zum Problem. Es konnten bislang zwei Veranstaltungsreihen nicht bei uns stattfinden, da die Referentinnen für das notwendige Material einen Parkplatz direkt vor Ort benötigt hätten.

Wie wichtig ist der Familientreff für die Stadt überhaupt?

Belastbare Zahlen fehlen, jedoch erlebe ich die Wichtigkeit des Familientreffs in Überlingen bzw. aller Familientreffs im Bodenseekreis aus persönlicher und beruflicher Sicht: Die Familientreffs sind wichtige Anlaufstellen insbesondere für neu zugezogene Familien mit kleinen Kindern und leisten damit einen entscheidenden Beitrag zum Einleben im neuen Heimatort – sowohl für die Eltern, als auch für die Kinder. Ebenso leisten die Familientreffs einen wertvollen Beitrag dabei, dass die Kinder bereits vor dem Kindergartenbeginn regelmäßig mit Gleichaltrigen interagieren, früher sozial kompetent werden und sich dann leichter im Kindergarten einleben.

Welches sind aus Ihrer Sicht derzeit die wichtigsten Aufgaben?

In einer Gesellschaft, die mehr und mehr durch rein wirtschaftliches Denken, durch „Ellenbogenmentalität“ und durch das Prinzip der Leistungsorientierung geprägt ist, sollen unsere Kinder durch die Gemeinschaft im Familientreff lernen dürfen, dass jeder Mensch, egal welcher Schicht, welcher Religion, welcher Nationalität und welcher geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit, denselben Wert besitzt – einfach, weil er einzigartig und an sich wertvoll ist und weil er, wenn er darin unterstützt wird, seinen Platz in der und für die Gemeinschaft finden kann. Da das Lebensmodell der Großfamilie rar geworden ist, ersetzen wir in den Familientreffs einen Teil dessen, was dieses Modell ausgemacht hat.

Was machen Sie denn mit der geschenkten Zeit jetzt?

(lacht) Im Verlauf des letzten Jahres war meine Zeit zu 150 Prozent verplant. Ich werde mich nun mit etwas mehr Ruhe meiner Familie widmen können – immerhin werden wir in diesem Jahr zum ersten Mal den Übergang vom Kindergarten in die Schule mit unserer Großen erleben. Auf Anfrage durch das Jugendamt darf ich mich hoffentlich bald im Jugendhilfeausschuss aber weiterhin für die Unterstützung von Kindern, jungen Menschen und Familien engagieren. Außerdem besteht beruflich, nach über 15-jähriger Berufstätigkeit als Klinische Neuropsychologin, nun berufspolitisch noch die Notwendigkeit, die Approbation zu erwerben. Langweilig wird mir also sicher nicht.

FRAGEN: HANSPETER WALTER
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