Beifall brandet in der Aula der Waldorfschule Überlingen auf, als Dr. Tankred Stöbe die Bühne betritt. „Im Sport würde man vom Heimspiel sprechen“, sagt der 50-jährige Internist und Rettungsmediziner aus Berlin. Heute ist er Mitglied im Internationalen Vorstand von Ärzte ohne Grenzen und war Vorsitzender der deutschen Sektion von 2007 bis 2015. Seine Schulausbildung hat er aber in Überlingen absolviert, hier an der Waldorfschule, die er von der vierten Klasse bis zum Abitur besuchte. Und so wird er schon vor dem offiziellen Beginn seines Vortrages von ehemaligen Lehrern, von Klassenkameraden und Mitschülern umarmt oder herzlich willkommen geheißen.

Höchsten Auszeichnung der Bundesärztekammer

Der Arzt, den die Bundesärztekammer 2016 mit ihrer höchsten Auszeichnung, der Paracelsus-Medaille, „für seine ärztliche Haltung und seine unerschütterliche Einsatzbereitschaft“ ehrte, kommt schnell zur Sache. Sein Vortrag beginnt mit Zahlen zur Migration, also zu Wanderbewegungen der Bevölkerung weltweit und der großen Zahl von Flüchtlingen oder Vertriebenen unter ihnen. Eigentlich eher ein Thema für Sozialwissenschaftler oder Soziologen, doch für Stöbe als Mitglied von Ärzte ohne Grenzen ein sehr naheliegender Einstieg: Viele seiner Einsätze führten ihn in den zurückliegenden Jahren in Krisengebiete der Welt. Krisen mit unterschiedlichen Ursachen.

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Ob es nun Kriege oder Naturkatastrophen waren, sie hatten immer eines zur Folge: Menschen mussten fliehen, mussten ihre Heimat verlassen und waren oft schutzlos der Natur und Krankheiten ausgesetzt. „Wir werden immer wieder gefragt, was wir denn für Lösungsansätze zur Bereinigung von Krisen haben“, sagt er. „Aber das ist nicht unsere Aufgabe. Wir leisten medizinische Hilfe für Menschen in Not und wollen ihr Leid lindern – ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, politischen und religiösen Überzeugungen sowie ihres Geschlechts. Die Hilfe orientiert sich allein an den Bedürfnissen der Notleidenden“, zitiert er den Leitgedanken von Ärzte ohne Grenzen.

Mit dem Rettungsschiff auf dem Mittelmeer unterwegs

Dann berichtet der Arzt von Einsätzen im Jemen oder im Südsudan, davon, wie er mit dem Rettungsschiff von Ärzte ohne Grenzen auf dem Mittelmeer unterwegs war, um Flüchtende zu retten. Gerade ist er aus Venezuela zurückgekehrt. Hier sind es Korruption und Misswirtschaft, die Menschen in den Ruin treiben und ohne jegliche medizinische Versorgung lassen.

Viele Frage schließen sich noch an. Stöbe beantwortet sie geduldig und ausführlich. Menschen zum Mitmachen oder für die finanzielle Unterstützung der Arbeit seiner Organisation zu gewinnen, ist ihm eine Herzensangelegenheit. Das wird an diesem Abend deutlich.

Tankred Stöbe gehört bis heute dem Internationalen Vorstand von Ärzte ohne Grenze an und leitet acht Jahre lang bis 2015 die deutsche Sektion der Hilfsorganisation.
Tankred Stöbe gehört bis heute dem Internationalen Vorstand von Ärzte ohne Grenze an und leitet acht Jahre lang bis 2015 die deutsche Sektion der Hilfsorganisation. | Bild: Barbara Sigge

„Sie alle lieben ihre Heimat und bleiben dort, solange es irgendwie geht“

Herr Stöbe, seit 2002 sind Sie als Arzt in Krisengebieten im Einsatz gewesen. Was hat Sie dazu bewogen?

Nach einigen Jahren Tätigkeit in der Akutmedizin in Deutschland wollte ich in Krisenregionen helfen – wo die medizinische Not größer ist und selten Ärzte zu finden sind. Die Sinnhaftigkeit der humanitären Arbeit ist immer offensichtlich und motiviert mich jedes Mal neu, in die Ferne zu ziehen.

Sie haben sich während der Einsätze auch ab und an in lebensgefährlichen Situationen befunden. Dennoch sind Sie immer wieder in Kriegsgebieten gegangen. Was hat Sie dazu bewogen, diese Gefahren immer wieder einzugehen?

Die Sicherheit der Mitarbeiter ist eine der wichtigsten Anliegen von Ärzte ohne Grenzen – neben der direkten medizinischen Hilfe. In meinen bisher 20 Einsätzen gab es eine Handvoll wirklich gefährlicher Momente, das ist nicht viel in 18 Jahren. Über die Hälfte aller Projekte der Organisation sind in bewaffneten Krisenregionen und als Notarzt bin ich dort gefragt. So konnte ich spannende Kontexte wie Jemen, Libyen, Somalia und Syrien kennenlernen. Und dass ich an Leib und Seele unbeschadet blieb, ist vielleicht ein Hinweis, dass die Risiken doch vertretbar sind.

Ihr Vortrag begann mit Zahlen zur weltweiten Migration. In welchem Zusammenhang stehen diese mit Ihrer Arbeit.

Seit der Gründung 1971 hat Ärzte ohne Grenzen in Krisenländern gearbeitet, aus denen Menschen berechtigt fliehen – wir wissen um das Leid dieser Menschen. Ich habe mit Menschen in Afghanistan, Libyen, Pakistan, Somalia und Syrien gesprochen, sie alle lieben ihre Heimat und bleiben dort, solange es irgendwie geht. Kein Mensch flieht freiwillig. 2015 war ein Ausnahmejahr für Europa, da zeigten sich die Länder aufnahmebereit. Seither sinken die Zahlen jener Menschen, die es nach Europa schaffen, kontinuierlich, der Kontinent schottet sich erfolgreich ab. Und überlässt es armen Ländern, Flüchtende aufzunehmen, das ist zynisch für das wohlhabende Europa.

Sie sagen, die Migrationsbewegung über das Mittelmeer ist die tödlichste auf der Welt. Was muss passieren, damit Rettungseinsätze dort überflüssig werden?

Die offiziellen Zahlen zeigen seit 2015, dass keine Fluchtroute tödlicher ist als die von Libyen nach Europa. Es ist Aufgabe der europäischen Staaten, das Sterben vor seinen Küsten zu beenden. Dass hier zivile Retter einspringen und mit privaten Spendengeldern Menschen vor dem Ertrinken bewahren, wirft ein schäbiges Licht auf die Politik. Aber anstatt die staatlichen Hilfsmaßnahmen auszubauen, wurden diese in den letzten Jahren sogar zurückgefahren – das macht mich wütend!

Sie haben in ihrem Vortrag von Schicksalen einzelner Menschen berichtet. Was hat Sie vor allem beeindruckt?

Ich untersuchte auf unserem Rettungsschiff einen jungen Mann aus Nigeria mit einer verdreckten Augenklappe, das Auge war durch eine Gewehrkugel zerstört worden. Gefragt nach seiner Geschichte berichtete er mir, dass er mit seinem Bruder durch die libysche Hauptstadt Tripolis gelaufen war, sie hatten sich nichts zu Schulden kommen lassen. Da eröffneten Fremde das Feuer auf sie, der Bruder war sofort tot, er selbst büßte sein Augenlicht ein. Aber alles was er sagte und immer wiederholte, war sein Dank für die Rettung. Keine Fluchtgeschichte gleicht der anderen, wir dürfen diese Menschen nicht als statistische Zahlen behandeln, sondern als Individuen, die Schlimmstes durchlitten haben und unsere Hilfe und Solidarität verdienen.

Wo sehen Sie zukünftig vor allem die Einsatzgebiete von Ärzte ohne Grenzen?

Derzeit sind weltweit 70 Millionen Menschen auf der Flucht. Aktuelle Berechnungen gehen davon aus, dass die Klimaerwärmung 200 Millionen Menschen zur Flucht drängt, besonders in Asien, Afrika und Zentralamerika, wo die Auswirkungen steigender Meeresspiegel, Überschwemmungen und Wirbelstürmen besonders deutlich werden. In diesen Gegenden sind wir bereits tätig. Mein Wunsch, Ärzte ohne Grenzen könnte sich bald auflösen, weil wir nichts mehr zu tun haben, wird sich leider nicht erfüllen.

Fragen: Michael Schnurr