Denkingen/Überlingen – Die Biogasanlagen riefen nach Futter. Was kam, waren oft Maiswüsten, die für die Landschaft ebenso trostlos sind wie für Insekten. Da es auch sonst immer weniger Blütenpflanzen auf Äckern und Wiesen gibt, leiden auch Bienen längst Hunger. Die Insektenvielfalt ist dramatisch zurückgegangen, klagen Biologen, der Rückgang der Schmetterlinge ist dafür nur ein sichtbarer Indikator. Einen Ausweg aus dem Dilemma sehen innovative Landwirte wie Ralf Brodmann und Thomas Metzler aus Ostrach, die seit zwei Jahren mit der "Durchwachsenen Silphie" (Silphia perfoliata) in größerem Maßstab blühende Landschaften schaffen, die Energie und Honig liefern.

Der Korbblütler aus Nordamerika mit seinen leuchtend gelben Blüten scheint das Zeug zum Tausendsassa zu haben. 2007 wurde die Kulturpflanze auf wenigen Hektar erstmals systematisch angebaut. In den vergangenen Jahren wurden die Qualitäten so richtig erkannt und die Flächen haben deutlich zugenommen. Denn die produktive Pflanze vereint mehrere Vorzüge. Nicht nur als Energiepflanze kommt "Silphie" auf ähnliche Werte bei der relevanten Trockenmasse wie der Mais, auch die Blüten der bis zu drei Meter hohen Pflanze sind sowohl eine Augenweide als auch eine Weide für die Bienen. Darüber ist der Überlinger Siegfried Wehrle, Vorsitzender des Bezirks-Bienenzuchtvereins, ganz besonders erfreut.

"Die Pflanze ist ein wahrer Segen", sagt Wehrle voller Begeisterung. Einige seiner Völker schwärmten noch Mitte September bei Denkingen aus, um Nektar und Pollen zu sammeln. Mit ihrer Hauptblüte zwischen Juli und September passt Silphie bestens in den Nahrungskalender der Bienen und schließt quasi eine Lücke. Die fleißigen Insekten finden länger Nektar und liefern Honig, zudem können sich die Winterbienen fit für die kalte Jahreszeit machen.

"Der Anbau funktioniert inzwischen gut", erklärt Landwirt Ralf Brodmann, der mit seinem Kollegen im August zum ersten Silphie-Fest nach Hahnennest geladen hatte, um über die Vorzüge zu informieren. Im ersten Jahr wird die Pflanze noch mit Mais ausgesät und bildet am Boden unter dem schützenden Dach eine kräftige Rosette aus. Die Wurzeln wachsen bis zu zwei, drei Meter weit in die Tiefe und im zweiten Jahr gehört das Feld dann ganz der Durchwachsenen Silphie. Ihr weiterer großer Vorteil ist, dass sie mehrjährig ist und weniger Stickstoffgaben benötig als der Mais. Im Herbst wird sie abgeerntet, im Frühjahr treibt sie wieder aus.

Die Probleme, die andere Neophyten wie die kanadische Goldrute oder das indische Sprinkgraut durch ihre rasante Verbreitung und Verdrängung einheimischer Pflanzen mit sich bringen, macht "Silphie" nicht. Das sogenannte Invasionspotenzial wird daher als gering eingeschätzt. "Es gibt keine Vermehrung über unterirdische Rhizome", sagt Bauer Brodmann: Auf der anderen Seite seien auch andere Kulturpflanzen wie die Kartoffel oder die Tomate schließlich einmal importiert worden, gibt er zu bedenken.

Das große Potenzial von Silphie haben Brodmann und Metzler längst erkannt, empfehlen die Pflanze weiter und beraten inzwischen viele Kollegen. Bundesweit seien in diesem Jahr schon rund 700 Hektar im Anbau gewesen, sagt Ralf Brodmann, davon allein 480 Hektar in Baden-Württemberg, zum größten Teil initiiert von dem Duo aus Ostrach. Derzeit sind die beiden dabei, Anbau und Ertrag möglichst effizient zu gestalten. Dazu gehört zum einen die Gewinnung von Saatgut, zum anderen muss die "Dormanz" oder Samenruhe aufgebrochen werden, der bei Silphie ein relativ hoher Prozentsatz unterliegt. "Hier ist uns eine gute Keimstimulation von bis zu 90 Prozent gelungen", erklärt Brodmann.

Auf welche Weise das gelingt, bleibt allerdings sein Betriebsgeheimnis. "Am Anfang mussten wir 2012 rund 8000 Euro pro Hektar investieren", beschreibt der Landwirt die rasante Entwicklung. "Inzwischen liegen wir bei etwa 1000 Euro."

Die Pflanze

  • Die "Durchwachsene Silphie" kommt ursprünglich aus Nordamerika. Vor einigen Jahrzehnten wurde der Korbblütler über Russland in die damalige DDR eingeführt und sollte dort als Futterpflanze dienen, wofür sie allerdings nicht gut geeignet war. Der deutsche Name für Silphium perfoliatum kommt vom Habitus, dass der bis zu drei Meter hohe Stängel durch die paarigen Blätter zu wachsen scheint. Dass diese quasi einen regelrechten Becher bilden, führte zum englischen Namen "Cup plant" und befähigt die Pflanze, darin regelrecht Regenwasser zu sammeln. Dies macht sie auch für trockenere Standorte geeignet. Dass sie wenig Stickstoff benötigt und Nitrat gezielt aufnehmen kann, macht sie auch für Strandorte im Bereich von Wasserschutzgebieten tauglich.
  • Im Anpflanzjahr bildet Silphie nur eine bodenständige Rosette. Daraus treiben ab dem zweiten Standjahr im April bis Mai 1,80 bis drei Meter hohe, vierkantige Stängel, die mit ungeteilten, an der Basis verwachsenen Blättern besetzt sind. In Abhängigkeit vom Platz und Alter bildet jede Pflanze drei bis zehn Stängel aus. Im Juli beginnt die Silphie zu blühen. Die leuchtend gelben rund sechs bis acht Zentimeter breiten Blütenköpfchen stehen einzeln und endständig. Die Samenreife setzt im September ein. Sowohl Blüte als auch Reife erstrecken sich über einen relativ langen Zeitraum. (hpw)