Ein seltenes Ereignis steht bevor: Innerhalb rund einer Woche dürfen drei Menschen in Überlingen ihren hundertsten Geburtstag feiern – von den aktuellen etwa 24 500 Einwohnern haben das bisher nur zehn geschafft, wie die Stadtverwaltung auf Anfrage mitteilt. Woran aber liegt es, dass es ab Anfang November sogar 13 Hundertjährige in der Stadt geben wird? An der frischen Seeluft? Der Nähe zum Wasser?

Rolf Otto
Rolf Otto | Bild: Laura Marinovic

Rolf Otto: Kriegseinsätze und Gefangenschaft

Einer der Jubilare lebt erst seit Ende 2018 in Überlingen: Rolf Otto wurde in Oberschlema in Sachsen geboren und wohnte in Nordrhein-Westfalen, bevor er zu seiner Tochter Dagmar nach Überlingen zog. Der gelernte Kaufmann wurde während des Zweiten Weltkriegs in die Wehrmacht eingezogen und beim Bodenpersonal der Luftwaffe in Berlin stationiert. Er geriet in russische Gefangenschaft, kehrte 1948 zu seiner ersten Frau Margret zurück, mit der er zwei Töchter und einen Sohn hat.

Die Hände von Rolf Otto.
Die Hände von Rolf Otto. | Bild: Laura Marinovic

Nachdem seine Frau starb, musste er die drei Kinder alleine versorgen, 1953 heiratete er seine zweite Frau, Hanni, mit der er eine weitere Tochter bekam. Mittlerweile ist die Familie um fünf Enkel und zwei Urenkel gewachsen. 1984 ging Rolf Otto in Rente, nachdem 2010 auch seine zweite Frau starb, lebte er acht Jahre lang alleine, wurde von seiner Familie jedoch unterstützt. In Überlingen kümmert sich seine Tochter um ihn, zweimal in der Woche besucht er zudem einige Stunden lang eine Tagesbetreuung.

Gert Hennighausen
Gert Hennighausen | Bild: Laura Marinovic

Gert Hennighausen: Am Bodensee geboren

Viel mit dem Bodensee verbindet dagegen Gert Hennighausen. Er kam in Lindau auf die Welt, zog mit drei Jahren jedoch zunächst nach Berlin, später weiter nach Lübeck. Nach seinem Abitur 1938 wurde er für sieben Monate in den Arbeitsdienst eingezogen, kam im Anschluss direkt zum Militär. Er marschierte in die Tschechoslowakei ein, nahm am Polenfeldzug und am Frankreichfeldzug teil, wo er sein linkes Auge verlor. Im Jahr 1941 geriet er als Anführer eines Spähtrupps während des Russlandfeldzugs für mehr als acht Jahre in Gefangenschaft. „Ich habe dort jede Gelegenheit genutzt, um Russisch zu lernen“, erinnert sich Hennighausen. Und das hat sich ausgezahlt: Er sei schließlich als Dolmetscher eingesetzt worden: „Die letzten zwei Jahre meiner Gefangenschaft war ich mehr als freier Mann außerhalb des Gefängnisses als darin.“

Die Hände von Gert Hennighausen.
Die Hände von Gert Hennighausen. | Bild: Laura Marinovic

Schon lange in Überlingen

Nachdem er aus der Gefangenschaft nach Deutschland zurückkehrte, begann er eine Banklehre bei der Deutschen Bank in Düsseldorf, wo er seine Frau Gunhild kennenlernte. Nach vielen Jahren Berufserfahrung in mehreren Städten wurde er schließlich Bankdirektor bei der Bank für Gemeinwirtschaft in Friedrichshafen – und kehrte damit zurück an den Bodensee. Im Jahr 1962 zog er mit seiner Frau und zwei gemeinsamen Kindern nach Nußdorf, bevor es ihn nach fast 15 Jahren nach Köln zog, wo er allerdings nicht lange blieb: 1977 kehrte er nach Überlingen zurück – und blieb endgültig. 19 Jahre lang arbeitete er als freiberuflicher Finanzmakler, 1995 ging er in Rente. Bis vor einem Jahr pflegte er seine Frau, seit diese im vergangenen Jahr im Alter von beachtlichen 97 Jahren starb, lebt er alleine. Seine Tochter, die in Konstanz wohnt, kümmert sich die Hälfte der Woche um ihn, zusätzlich besucht ihn einmal täglich eine Pflegekraft, eine Putzhilfe unterstützt ihn im Haushalt. Sein Sohn starb vor zwei Jahren nach einer Krankheit.

Gertrude Davids
Gertrude Davids | Bild: Laura Marinovic

Gertrude Davids: Ehemalige Büroangestellte

Ebenfalls schon lange am Bodensee lebt Gertrude Davids, die 1945 die Liebe zu ihrem Mann Johannes nach Deutschland brachte. 14 Jahre später zog sie schließlich nach Überlingen, wo die ehemalige Büroangestellte laut ihrer langjährigen Freundin Ingeburg Hausmann zunächst mit ihrem Mann und dann alleine in der Nußdorfer Straße lebte, ehe sie vor einem halben Jahr in das Altenheim St. Ulrich zog. Tagsüber verbringt sie dort Zeit mit Ingeburg Hausmann, die im gleichen Gebäude, jedoch auf einem anderen Stockwerk wohnt. Zu ihrem 100. Geburtstag erwartet sie vier Nichten ihres Mannes, die extra nach Überlingen kommen, um mit ihr im Café des Altersheims zu feiern.

Bild: Alexander Bernhardt

Sport hält fit

So unterschiedlich die Leben von Gert Hennighausen, Gertude Davids und Rolf Otto auch sind – gibt es eine Gemeinsamkeit, die für ihr hohes Alter verantwortlich gemacht werden kann? Zumindest bei Hennighausen und Otto lautet die Antwort ja: Den Sport. Gert Hennighausen ist bereits seit 56 Jahren Mitglied im Bodenseeyachtclub, hat an Regatten teilgenommen und segelt noch heute gelegentlich gemeinsam mit seiner Tochter. Zusätzlich schwimmt er jeden morgen ein paar Runden im hauseigenen Schwimmbad, geht zweimal täglich spazieren und hält sich mit Gymnastikgeräten fit.

Die Geburtsdaten der drei Jubilare

Er misst der Bewegung eine große Bedeutung zu. „Das hält den Kreislauf in Gange“, erklärt er. Auch Rolf Otto ist der Meinung, dass Sport dabei hilft, 100 Jahre alt zu werden. Im Laufe seines Lebens hat er verschiedene Sportarten wie Fußball, Leichtathletik und Tennis ausprobiert, zudem spielte er Feldhandball und berichtet stolz: „Ich habe seit dem sechsten Lebensjahr Billard gespielt.“ Aber nicht nur der Körper solle gefordert werden. „Vor allen Dingen den Kopf anstrengen“ ist laut Otto wichtig. Einen weiteren wichtigen Tipp gibt Gert Hennighausen mit auf den Weg: „Man sollte den Dingen, wie sie kommen, möglichst mit Gelassenheit begegnen.“ Beide Jubilare sind sich außerdem sicher, dass Alkohol nur hin und wieder gesund ist.

Bild: Alexander Bernhardt

Leben im Zwiespalt

Aber: Nicht jeder empfindet es als einen Erfolg, 100 Jahre alt zu werden. Gert Hennighausen freut sich nicht auf seinen bevorstehenden Geburtstag, will ihn daher auch nicht feiern: „Das wird ein Tag wie jeder andere.“ Er habe sein Leben gelebt, mittlerweile habe er keine Aufgaben mehr, Freunde seien gestorben, vieles, woran er früher Freude gefunden habe, könne er heute nicht mehr tun. Hennighausen sagt aber auch: „Andererseits lebt man im Zwiespalt.“ Obwohl er nichts dagegen habe, zu sterben, mache er durch seine körperlichen Aktivitäten sehr viel, um am Leben zu bleiben.

Er interessiert sich für die Zukunft

Und er interessiere sich dafür, wie es in der Zukunft weiter geht. Was auf der Welt passiert, verfolge er „mit großem Interesse“. Dass die Jugend im Rahmen der „Fridays for Future„-Bewegung auf die Straße gehe, das könne er sehr gut verstehen. Und es gebe etwas, dass er im Leben gerne noch gemacht hätte, auch, wenn es jetzt nicht mehr möglich ist: „Ich hätte gerne mit meiner Frau eine Wolgareise gemacht.“ Und die Gegend zwischen Kasan und Wolgograd besichtigt, wo er auch inhaftiert worden war. „Das ist eine Landschaft, die mich immer fasziniert hat.“

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Im Gegensatz zu Gert Hennighausen freut sich Rolf Otto auf seinen 100. Geburtstag. „Wenn man noch keine 100 ist, dann kämpft man darum“, sagt er. „Man möchte das gerne erreichen.“ So geht es auch seiner Tochter Dagmar – vorausgesetzt, „man bleibt geistig gesund und in den Maßen mobil wie mein Vater“, wie sie sagt. Rolf Ottos Jubiläum soll daher groß gefeiert werden und die Familie aus Nordrhein-Westfalen anreisen, damit mit Champagner angestoßen und im Badhotel gut gegessen werden kann.

Gedanken über die Zukunft

Und Otto macht sich Gedanken, wie es in Zukunft weiter geht: „Was ist, wenn ich hundert bin?“, fragt er. „Da hat man dann gar keine Zahl mehr, an die man denkt.“ Das nächste Ziel sei es erst einmal, im Januar des kommenden Jahres für 85 Jahre Mitgliedschaft beim Deutschen Turner-Bund geehrt zu werden. Außerdem habe er zwei Wünsche: Mit seiner Tochter noch einmal nach Schweden zu fahren, wo sie 2016 bereits einmal waren. Und: „Ich möchte ganz gerne noch einmal Billard spielen.“

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