Überlingen – Wenn einer 43 Jahre lang eine Aufgabe erfolgreich ausübt, die zusehends komplexer und fordernder geworden ist, und dann in den Ruhestand geht, kommt etwas Wehmut auf und in die Stimme. Selbst bei Udo Pursche (67), der am Freitag seinen letzten Arbeitstag als Geschäftsführer beim Diakonischen Werk im Kirchenbezirk absolvierte und von dem man sonst auch forschere Töne zu Gehör bekommt.

Vieles ist über die Jahrzehnte hinweg völlig anders geworden, nicht nur der Umfang und die Zahl der Mitarbeitenden. Manches wirkt für Pursche bei Aufgaben und Inhalten jedoch wie eine stete Wiederkehr. "Meine Vorgängerin, die hier seit 1948 tätig gewesen war, musste sich in den ersten Jahren vor allem mit der Flüchtlingsproblematik auseinandersetzen", erklärt er. Pursche selbst musste schon wenige Jahre nach Übernahme seiner Aufgabe 1977 die Betreuung eines Übergangswohnheims für Aussiedler in Pfullendorf auf die Beine stellen. Daraus entstand später eine offizielle Außenstelle.

Gerhard Hoffmann ist Pursches Nachfolger. Hoffmann war schon seit vielen Jahren in der Außenstelle Pfullendorf tätig und ein vertrauensvoller Mitarbeiter Pursches, dem die Aufgabenbereiche und die Mitarbeitenden daher schon bestens vertraut sind.
Gerhard Hoffmann ist Pursches Nachfolger. Hoffmann war schon seit vielen Jahren in der Außenstelle Pfullendorf tätig und ein vertrauensvoller Mitarbeiter Pursches, dem die Aufgabenbereiche und die Mitarbeitenden daher schon bestens vertraut sind. | Bild: Privat

"Wenn wir zwei Büroräume bekommen, nehme ich die Stelle"

Udo Pursche wurde in Westfalen geboren, wuchs in Österreich auf und nahm später in Offenburg seine ersten sozialen Aufgaben wahr. An der Fachhochschule in Freiburg studierte Pursche Sozialpädagogik. Während eines Praktikums in Konstanz wurde er auf die vakante Stelle in Überlingen aufmerksam. Mit knapp 24 Jahren übernahm er die Vertretung. "Wenn wir zwei Büroräume bekommen, nehme ich die Stelle", habe er damals forsch formuliert. "Ich war als Sozialarbeiter der einzige Beschäftigte", erinnert sich Pursche an den Arbeitsplatz im Pfarrhaus Grabenstraße, "es gab einen Raum und eine halbe Sekretärin."

Heute hat das Diakonische Werk insgesamt rund 18 Beschäftigte bei umgerechnet etwa zehn Vollzeitstellen. Pursche hatte in den 43 Jahren seiner Tätigkeit mit zwei Dekanen und drei Dekaninnen zu tun, wie er sagt, mit fünf Stadtoberhäuptern Überlingens und mit vier Landräten. Nur positiv bewertet der langjährige Diakonie-Geschäftsführer die Zusammenarbeit mit Stadt und Landkreis. "Das hat immer sehr gut funktioniert."

Das Schönste an seiner Arbeit waren "Klienten, die nach einer guten Beratung eine positive Rückmeldung gegeben haben", erklärt Udo Pursche. "Zum Beispiel, wenn nach einer Schwangerschaftskonfliktberatung die Mutter mir anschließend ein Bild ihre Babys schickte." Am enttäuschendsten sei es gewesen, wenn er Hilfe suchenden Klienten nicht habe helfen können. Die Ehe- und Paarberatung nimmt auch derzeit etwa ebenso viel Raum ein wie die Flüchtlingsarbeit, auch wenn sie weniger nach draußen dringt. Letztere sieht Pursche auf einem guten Weg, auch aufgrund des Engagements von rund 80 Ehrenamtlichen.

Udo Pursche bei der Arbeit, hier Anfang 2017. Er demonstierte die guten Aussichten auf Stadt oder Aufkirch bei einer Begehung des Flachdachs des Altenpflegeheims der Diakonie am Schättlisberg . Hier ist inzwischen ein weiteres Staffelgeschoss mit betreuten Wohnungen entstanden.
Udo Pursche bei der Arbeit, hier Anfang 2017. Er demonstierte die guten Aussichten auf Stadt oder Aufkirch bei einer Begehung des Flachdachs des Altenpflegeheims der Diakonie am Schättlisberg . Hier ist inzwischen ein weiteres Staffelgeschoss mit betreuten Wohnungen entstanden. | Bild: Hanspeter Walter

Alten- und Pflegeheim am Schättlisberg als sein "Baby"

Stolz verweist Pursche auf das Alten- und Pflegeheim der Linzgau Altenhilfe am Schättlisberg als sein "Baby", wie er gerne sagt. Seit 1985 hatte es die ersten Überlegungen gegeben, doch erst in den 1990er Jahren waren die Mittel vorhabenden. 1998 wurde mit dem Bau der betreuten Wohnungen begonnen, 1999 mit dem Bau des Altenpflegeheimes, das im November 2000 eröffnet wurde. Seit 1995 ist Pursche auch (ehrenamtlicher) Geschäftsführer der Linzgau-Diakonie-Altenhilfe gGmbH.

Seine soziale Ader will Pursche auch im Ruhestand weiter pflegen, an einem Ort, den er sich noch suchen will. Nicht aufgeben will Pursche auch seine kommunalpolitische Tätigkeit. "Für mich haben die berufliche Perspektive und die politische Arbeit immer sehr eng korrespondiert", sagt der Sozialdemokrat, der auch dem Evangelischen Kirchengemeinderat angehört und als Prädikant Gottesdienste hielt. "Ich werde auch 2019 wieder für den Gemeinderat der Stadt kandidieren", erklärt Pursche, der dem Gremium schon seit 1984 angehört, länger als jeder andere. Mehr denn je sieht er großen Bedarf für bezahlbaren Wohnraum und spürt das Defizit bei der eigenen Arbeit hautnah. "Viele der eigenen Mitarbeitenden finden keine Wohnung in Überlingen."

Auch in den Karikaturen im SÜDKURIER war Udo Pursche regelmäßig zu sehen. Hier ging es Ende 2017 um den Streit um Kitagebühren im Gemeinderat. Von links: Günter Hornstein, Robert Dreher, Marga Lenski, Roland Biniossek, Raimund Wilhelmi und Udo Pursche.
Auch in den Karikaturen im SÜDKURIER war Udo Pursche regelmäßig zu sehen. Hier ging es Ende 2017 um den Streit um Kitagebühren im Gemeinderat. Von links: Günter Hornstein, Robert Dreher, Marga Lenski, Roland Biniossek, Raimund Wilhelmi und Udo Pursche. | Bild: Stefan Roth

Aktivitäten und Erinnerungen

  • Aktivitäten in Pfullendorf: Mit einem Übergangsheim für Spätaussiedler hatte die Arbeit des Diakonischen Werks 1977 in Pfullendorf begonnen. Später entwickelte sich hier insbesondere die Gruppe für psychisch kranke und seelisch belastete Menschen und deren Angehörige unter dem Namen "Club Backhäusle" zu einem größeren Aufgabenfeld: Das ehemalige Backhaus des Spitals Pfullendorf war vom Diakonischen Werk angemietet und zu einem Heim ausgebaut worden. Ein Aufenthaltsraum, ein Werk- und Bastelraum, eine Küche ermöglichten vielfältige Freizeitangebote für die Menschen, die dort ein Zuhause gefunden hatten. Im Backhäusle trafen sich auch die Selbsthilfegruppen für Suchtkranke und Alleinerziehende. Aus dieser Arbeit heraus entwickelte sich auch eine Initiative der Kirchengemeinde Pfullendorf und des Diakonischen Werks: das "Werkstättle", ein Arbeits- und Beschäftigungsangebot für psychisch Kranke und Dauerarbeitslose, später als eingetragener Verein mit heute rund 150 Arbeitsplätzen.
  • Erlebnisse, die berühren: Das unvergesslichste Erlebnis für Udo Pursche liegt schon über 35 Jahre zurück. Eine eritreische Frau war alleine mit fünf Kindern in Überlingen gestrandet, während ihr Mann in Medina gelandet war. Doch Nisa musste ein Kind in Eritrea zurücklassen. "Ich habe damals den Kontakt zu der eritreischen Befreiungsorganisation aufgenommen", erinnert sich Pursche, "um nach dem Kind zu fahnden." Großer Unterstützung habe er unter anderem durch Spenden aus dem Augustinum erfahren. Nicht nur auf legalen Wegen sei das Kind ohne Ausweispapiere über Äthiopien in den Sudan nach Khartoum gebracht worden. Von dort gelangte die Achtjährigen nach Stuttgart und konnte von der Mutter nach rund zwei Jahren wieder in die Arme geschlossen werden. "Nicht nur sie weinte damals, als sie die Tochter auf dem Flughafen erstmals wieder in die Arme schließen konnte", sagt Pursche, der sie damals begleitet hatte.
Hanspeter Walter