Bildung ist gut, Volksbildung ist besser. Das dachten die Überlinger, als sie 1947 eines der ersten Volksbildungswerke gründeten. Kurioserweise war dies eine Keimzelle für die Volkshochschule Bodenseekreis, die aus diesem Grund 2017 ihr 70-Jähriges Bestehen feiern kann. Just in einer Zeit, in der die Stadt darüber nachdenkt, aus finanziellen Gründen den Zuschuss für den Betrieb der Außenstelle an den Landkreis zu streichen. Der beträgt im Moment 14.000 Euro pro Jahr, womit ein Teil der Fixkosten und die Aufwandsentschädigung für die formal ehrenamtlich tätige Außenstellenleitung gedeckt werden sollen. In der nächsten Sitzung des Kulturausschusses wird Annelie Müller-Franken, VHS-Chefin im Landratsamt, die Leistungen der Volkshochschule für die Stadt erläutern.

"Dieses kleine Büro hier brauche ich tatsächlich nicht", sagte Heidi Menges, die die Außenstelle seit einigen Jahren leitet. Dreimal pro Woche sitzt sie im Untergeschoss des Nebengebäudes von Schloss Rauenstein. Hier kämen höchst selten mal ein paar "ältere Herrschaften" vorbei, die nicht gut Deutsch sprächen oder keinen Internetanschluss hätten. "Meine Hauptarbeit könnte ich weitgehend auch von zuhause am Computer erledigen", sagt sie. Konkret heißt dies: den Kontakt zu den Kursleitern vor Ort halten, die Belegung der Kurse überprüfen, gegebenenfalls Veranstaltungen absagen oder bei Erkrankungen die Teilnehmer verständigen. Das meiste davon ließe sich in jedem Büro mit Internetanschluss erledigen.

"Doch fast alle Kurse finden – vielfach abends – an kreiseigenen Schulen statt", erklärt Menges. Dafür hat sie die Schlüsselgewalt. Sie muss dann die Kursräume öffnen und bei Bedarf die Kursleiter vorstellen. "Morgen macht die VHS zum Beispiel einen Kochkurs für die Stadt in der Justus-von-Liebig-Schule – das ist eine Sonderveranstaltung," sagt Menges: "Die Kursleiterin ist neu und ich muss ihr vorher erst einmal die Küche und die anderen Räume zeigen." Bei Menschen mit Gehbehinderung muss sie für einen barrierefreien Zugang sorgen, manchmal braucht es den Schlüssel für einen Aufzug. Zum allgemeinen Aufgabenprofil gehören unter anderem der Kontakt und die Kooperation mit örtlichen Partnern, die spezielle Öffentlichkeitsarbeit und Werbung, die Abrechnung von Veranstaltungen und die Mitgestaltung des Programms nach lokalen Schwerpunkten.

Bis zum Jahr 2004 war dafür Helga Molge mit einer halben Stelle bei der Stadt Überlingen beschäftigt. Mit ihrem Ausscheiden wurde die Arbeit an den Bodenseekreis abgegeben und stattdessen der jährliche Kostenbeitrag bezahlt. Dass die Tätigkeit bei Verwaltung und Gemeinderat offensichtlich "nicht wertgeschätzt" werde, stimme sie auch etwas "traurig", erklärt Heidi Menges, während sie sich auf das neu Semester vorbereitet, das am kommenden Montag beginnt: "Mir kommt es vor, wie wenn man sagt: Wozu braucht es einen Gärtner, die Pflanzen wachsen doch von alleine."

Im ersten Halbjahr gab es immerhin 155 Kurse mit 2550 Unterrichtseinheiten und mehr als 1400 Teilnehmern. Etwa ein Drittel komme in der Regel nicht zustande – aus Mangel an Teilnehmern. Dieses Mal sind rund 250 Kurse im Angebot. Sprachen und Gesundheit zählen zu den gefragtesten. Norwegisch hat jetzt Premiere, von Italiensicher Literatur bis zu Chinesisch und Japansich ist alles geboten. Neu sind spezielle italienische Pasta-Kochkurse und der Näh-Führerschein für Kinder, das Faszientraining oder der afro-amerikanische Modetanz "Lindyhop" Auch im Rahmen der Jugendmedienwoche in den Herbstferien wird es wieder drei besondere Veranstaltungen in Überlingen geben.

Neuheiten bei der VHS

Die VHS Bodenseekreis hat nun auch eine eigene Smartphone App und ist mit seinen Integrationskursen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge offiziell anerkannt. Dafür musste sich die Bildungseinrichtung auf der Basis AZAV-Labels der Arbeitsagentur zertifizieren lassen. Mit Gabriele Schenk gibt es für den Schwerpunkt Deutsch/Integration zudem eine neue Sachbearbeiterin. Das aktuelle Programm liegt in vielen Überlinger Geschäften aus und ist online einseh- und downloadbar (9 MB) unter www.vhs-bodenseekreis.de. Das Büro findet sich im Nebengebäude von Schloss Rauenstein, Telefon 07551/4052. (hpw)