Wer den Barden Jens Eloas Lachenmayr besuchen möchte, zieht am besten Gummistiefel an. Zu seinem neuen Zuhause, das er bald wieder verlassen muss, führt keine Straße. Eine Adresse, die man ins Navigationsgerät eingeben könnte, gibt es nicht. Besser, man lässt sich in Frickingen-Birkenweiler von dem Musiker abholen, und stiefelt mit ihm gemeinsam zur Rosenwies, einer Waldlichtung auf Flurstück 1446.

Dort wohnt der 43-Jährige, in einem Zirkuswagen und in einer mongolischen Jurte. Ohne Strom, dafür mit frischem Quellwasser. Ohne Abwasseranschluss, dafür aber mit Kompostklo. Und einer himmlischen Ruhe, nach der sich wohl jeder Profi-Musiker sehnt.

Seit März wohnt er hier, in einem tiefen Funkloch. Seine Frau Satya, 33 Jahre alt, aufgewachsen in München, leidet am Mobilfunk seit ihrem achten Lebensjahr, berichtet der Barde. Zum ersten Mal, seit das mit den Handystrahlen losging, sei sie beschwerdefrei. Deshalb wäre es für ihn doppelt wichtig, hier wohnen bleiben zu können. Doch macht das die Behörde nicht mit.

Zur Patchworkfamilie Lachenmayr gehören vier Kinder im Alter von 3 bis 15 Jahren. Die Großen wohnen eine halbe Woche bei ihm und eine halbe Woche bei ihrer Mutter, Lachenmayrs erster Frau. Sie kennen also das Leben unterm normalen Hausdach, genauso wie das Leben unter Tannenwipfeln. "Es geht ihnen gut, sie sind behütet, leben in geordneten Verhältnissen, haben einen geregelten Tagesablauf", betont Lachenmayr.

Treffpunkt Birkenweiler: Von hier geht es zu Fuß über einen zerfurchten Waldweg bis zur Lichtung. Die beiden Zirkuswagen und die Jurte bilden ein Rund auf einer gepflegten Wiese, wie in Almöhis Heidi-Hütte stehen die Tannen rings umher, die vier Schafe mähen das Gras, das Klohäuschen steht abseits hinter Büschen, am Grundstück entlang fließt frisches Quellwasser. Das Grundstück hat Lachenmayr gepachtet, "von einer herzensguten Bäuerin", wie er sagt.

Der Weg zur Waldlichtung ist derzeit so zermatscht, dass Gummistiefel wirklich ratsam sind. Mit einem Auto hätte man keine Chance, die kleine Wagenburg zu erreichen. Man bliebe im Morast stecken. Weil das Grundstück keine Adresse hat und man Briefe nicht an eine Flurstücksnummer schicken kann, blieb den Vertretern des Landratsamtes nichts anderes übrig, als selbst in robuste Schuhe zu steigen, und Lachenmayr persönlich die Aufwartung zu machen. Sie sagten ihm unmissverständlich, dass seine Art zu wohnen ein unerlaubter Zustand sei. Ein Präzedenzfall, den die Behörde keinesfalls dulden möchte. Wie Lachenmayr sagte, habe man ihm Verstöße gegen den Naturschutz, gegen den Gewässerschutz, und überhaupt, gegen alles Mögliche vorgeworfen. Erst habe es geheißen, er sei eine Gefahr für den Wald, und als das bei ihm nicht fruchtete, habe man ihn gewarnt, der Wald sei eine Gefahr für ihn. Bäume könnten auf ihn stürzen.

Lachenmayr hat im Frühjahr eine neue CD herausgebracht: "Die Blaue Blume". Sie ist seine bisher beste Produktion, seine Stimme ist in den letzten Jahren gereift, er lässt sich von einem Kammerorchester unterstützen, und so entstanden sehr hörbare Melodien. Da besingt er seine Vision von einer freien Welt, in der jeder seinen Flecken bekommt, ohne dass er einen Kredit aufnehmen muss.

Dass die Behörde bei dieser Vision nicht mitspielt, enttäuscht den Barden. Seiner Ansicht nach wäre es richtig, dass die Leute vom Landratsamt mit ihm erst einmal ein Liedchen singen, bevor sie entscheiden. Doch vom Schreibtisch weg wurde ihm ein so hohes Zwangsgeld angedroht, dass er sich nun beugt. Er werde das Feld räumen, sagt der 43-Jährige. Nur ginge das halt nicht so schnell, weil der Hinweg, den er mit 16 Tonnen Kies auf eigene Rechnung ebnete, von Waldarbeitern so zerfurcht worden sei, dass der Rückweg jetzt unpassierbar sei. Er steckt fest wie auf einer Insel.

Erste Fristen ließ Lachenmayr verstreichen, womit die Behörde die Daumenschrauben enger zog. "Das Landratsamt war wieder hier bei uns auf dem Platz", sagte er Anfang dieser Woche. Das angedrohte Zwangsgeld liege nun bei rund 7000 Euro. Und auch seiner Verpächterin sei eine Strafe von 5000 Euro angedroht worden, wenn sie ihm nicht augenblicklich kündigt. Das habe sie dann getan. Ende August hält er für realistisch, dann rollt der Zirkuswagen weiter. Mit unklarem Ziel.

Lachenmayrs Lebenslied

Jens Eloas Lachenmayr hat sich dem Weltfrieden verschrieben. Der in Überlingen aufgewachsene Musiker organisierte vor zwei Jahren eine Menschenkette, die rund um den Bodensee gebildet werden sollte. Zuvor führte er eine Kulturkaravane für den gentechnikfreien Bodensee an. Grundbesitz, der letztlich den Banken gehöre, war ihm immer ein Gräuel. Seit 20 Jahren lebt er im Zirkuswagen, bis vor drei Jahren auf einem Hofgelände in Überlingen, dann zog er in/an einen Bauernhof in Stockach-Seelfingen. Die dort angedachten Projekte musste er nach dem Tod eines Freundes aber aufgeben. So sucht er nun weiter nach einem Ort, an dem er in Frieden leben kann.

Was die Behörde zum Barden sagt

Zwei Fragen an Robert Schwarz, Sprecher im Landratsamt des Bodenseekreises:

Was bringt die Behörde vor gegen Lachenmayr?

 

Wohnwägen und Jurte gelten als feste Bauten, insbesondere weil sie fest verankert sind und augenscheinlich als Wohnbehausung genutzt werden. Dafür hätte es einer Baugenehmigung bedurft. Die Anlage ist aber nicht genehmigungsfähig, weil sie sich im Außenbereich befindet und nicht als privilegiert einzustufen ist. Gegen eine Privilegierung spricht u. a. der Flächennutzungsplan, der hier keine Besiedelung vorsieht; Naturschutz, Landschaftspflege und Landschaftsbild. Es wird auch gegen bauordnungsrechtliche Vorgaben verstoßen, zum Beispiel, dass bauliche Anlagen mit Feuerstätten mindestens 30 Meter Abstand zum Wald haben müssen.

Es geht also von der illegalen Siedlung auch eine Gefahr aus. Hinzu kommt, dass Herr L Fahrzeuge im Wald parkt und er auch kein Fahrrecht auf den Waldwegen hat.Gibt es irgendwelche Fristen, wie ist der Verfahrensstand?

 

Es wurde eine erste Frist bis Anfang Juni zur Beseitigung von Wohnwägen, Jurte, Fahrzeugen und Gegenständen gesetzt und ein Zwangsgeld in vierstelliger Höhe angedroht. Da diese Frist verstrichen ist, wurde dieses Zwangsgeld nun angeordnet, eine neue einmonatige Frist gesetzt und ein weiteres, noch höheres Zwangsgeld angedroht. (shi)

Video: So musiziert der Barde