Wie sich die Zeiten ändern. Lange musste Mitglied bei der Baugenossenschaft Überlingen (BGÜ) werden und Anteile erwerben, wer eine Wohnung aus deren Bestand mieten wollte. Heute darf nur Mitglied werden und die erforderlichen Anteile erwerben, wer auch Mieter einer Wohnung wird beziehungsweise werden kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Baugenossenschaft ist nicht für Kapitalanleger da

Der kleine, aber feine sprachliche Unterschied spiegelt eine Vorsichtsmaßnahme wider, die der BGÜ angesichts der Entwicklungen auf den Finanzmärkten der letzten Jahre geboten erscheint. Denn bei welchem Geldinstitut bekommt man für seine Einlagen heute die 4 Prozent Zinsen, die die Genossenschaft auch für das Jahr 2018 wieder als Dividende für die Mitgliedsanteile ausbezahlt? Die BGÜ sei nicht für Kapitalanleger da, sondern für ihre Mieterinnen und Mieter. „Es gibt niemanden, der hier Gewinn rauszieht, außer der Dividende der Mitglieder“, resümierte Aufsichtsratsvorsitzender Wolfgang Wiest bei der jüngsten Versammlung, der 70. in der Geschichte der BGÜ, das Erfolgsrezept der 1949 gegründeten Genossenschaft.

Zufrieden mit der aktuellen Entwicklung und den Zahlen sind (von links) Aufsichtsratsvorsitzender Wolfgang Wiest und die beiden Geschäftsführer Dieter Ressel (hauptamtlich) und Andreas Huther (nebenamtlich).
Zufrieden mit der aktuellen Entwicklung und den Zahlen sind (von links) Aufsichtsratsvorsitzender Wolfgang Wiest und die beiden Geschäftsführer Dieter Ressel (hauptamtlich) und Andreas Huther (nebenamtlich). | Bild: Hanspeter Walter

Überschüsse werden investiert

Abgesehen von diesem Betrag investiere die BGÜ alle Überschüsse in Modernisierungen beziehungsweise neue Projekte. Ein großer Vorteil der Genossenschaft sei es dabei, dass sie vom Fiskus steuerbefreit sei.

In der daraus resultierenden Restriktion, was Einlagen angeht, sehen Aufsichtsrat und Geschäftsführung den Grund für einen Rückgang des Mitgliederzuwachses, wie sie deutlich machten. Der positive Saldo machte bei einem Bestand von 1201 Mitgliedern zum Ende des Geschäftsjahres nur elf Personen aus. Davon waren immerhin gut 100 zu der Versammlung gekommen, obwohl keine außerordentlichen Entscheidungen anstanden.

Zufrieden mit der Gesamtbilanz und der finanziellen Situation der Genossenschaft war Aufsichtsratsvorsitzender Wolfgang Wiest, der der Versammlung gleich zwei Prüfberichte für 2017 und 2018 zur Annahme vorlegte. Auf der Erfolgsschiene bleibt die BGÜ auch mit ihrem aktuellen, wohl größten Bauvorhaben der Geschichte nördlich des Hildegardrings. Bei dem Projekt, das in drei Bauabschnitten zu rund 170 neuen Mietwohnungen führen soll, laufe bislang nicht nur alles im Zeitplan, betonte der hauptamtliche Geschäftsführer Dieter Ressel. „Auch die bisherigen Auftragsvergaben lagen bislang im Rahmen der kalkulierten Kosten“, sagte er. Vor dem Hintergrund des aktuellen Baubooms und der Preisentwicklungen bei anderen Vorhaben sei dies keine Selbstverständlichkeit.

Das könnte Sie auch interessieren

Bewerbungen für die Mietwohnungen des ersten Bauabschnitts können inzwischen bei der BGÜ abgegeben werden, definitive Vergaben seien allerdings erst ab Mitte des kommenden Jahres möglich, sagte Ressel. Schon jetzt zu „dem einen oder anderen Anschlussprojekt“ versuchte Baubürgermeister Matthias Längin die Verantwortliche in seinem Grußwort zu motivieren und zollte der Genossenschaft Respekt für eine „tolle und bewegte Geschichte“ in den vergangenen sieben Jahrzehnten. Um Verständnis bat Längin, dass das Stadt und Baurechtsamt eine immer größere Zahl an Vorschriften zu beachten habe.

Die ersten Baukörper sind sichtbar. Links ist der Bestand am Hildegardring und die Erschließung über die künftige Anna-Zentgraf-Straße zu erkennen.
Die ersten Baukörper sind sichtbar. Links ist der Bestand am Hildegardring und die Erschließung über die künftige Anna-Zentgraf-Straße zu erkennen. | Bild: Hanspeter Walter

Denn Wolfgang Wiest hatte in seinem Rückblick auf die Geschichte auch die Veränderungen bei der Genehmigung und Umsetzung in den Blick genommen. Nach Gründung der Genossenschaft im Mai 1949 seien die ersten Wohnungen in der Nußdorfer Straße schon im März 1950 bezogen worden. Die ersten Ideen zum aktuellen Projekt seien dagegen 2013 formuliert worden, der Spatenstich sei schließlich aufgrund der komplexen Verfahrensschritte im September 2018 vorgenommen worden.

Jahresüberschuss von 932 000 Euro

Beruhigt nach vorn blicken kann auch Andreas Huther, der als nebenamtlicher Geschäftsführer die finanzielle Situation fest im Blick hat. Aus dem Jahresüberschuss von 932 000 Euro wurden 662 000 Euro den Rücklagen zugeführt, 270 000 Euro als Bilanzgewinn ausgewiesen, aus dem die Dividende an die Mitglieder bezahlt wird. Allein im Vorjahr habe die BGÜ auch 442 000 Euro in die Modernisierung und Sanierung ihres Wohnungsbestandes investiert, der im Vorjahr auf 503 Einheiten gewachsen ist.

Einzelmieten liegen zwischen 4 und gut 11 Euro

An einer gewissen Erhöhung der Mieten komme die Genossenschaft daher auch nicht herum. So ist die durchschnittliche Monatsmiete über den gesamten Bestand im Vorjahr auf 7,04 Euro pro Quadratmeter geklettert. Die Einzelmieten erstrecken sich dabei allerdings von knapp 4 bis gut 11 Euro. Die stabilen finanziellen Verhältnisse der Genossenschaft gebe ihr für die Zukunft auch den erforderlichen Handlungsspielraum.

Das könnte Sie auch interessieren