Es gibt Familiengeschichten, die sind so schwierig, dass die Väter, Mütter, Kinder und Enkelkinder kaum wissen, wie sie damit umgehen sollen. Susanna Filbinger-Riggert ist die älteste Tochter von Hans Filbinger, von 1966 bis 1978 Ministerpräsident Baden-Württembergs. Den Aufstieg und Fall ihres Vaters erlebte Filbinger-Riggert hautnah mit. Filbinger, einst Marinerichter, wurde in den 70er Jahren von seiner Vergangenheit im Deutschland des Nationalsozialismus eingeholt. Seine Verstrickungen in Todesurteile kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs kamen ans Licht. Der CDU-Politiker rang um Erklärungen, rechtfertigte sich, und trat am 7. August 1978 schließlich zurück. Moralische Diskussionen über Recht und Schuld wurden in aller Öffentlichkeit geführt.

An der jungen Susanna Filbinger gingen diese nicht spurlos vorüber. Plötzlich musste sie sich fragen, ob ihr Vater nicht doch ein Nazi gewesen war, obwohl sie ihn nach eigenen Angaben nie als einen solchen Menschen erlebt hatte. Damals war sie 27 Jahre alt und noch heute beschäftigt sie die Familiengeschichte. Niedergeschrieben hat sie diesen jahrzehntelangen Findungsprozess in ihrem Buch "Kein weißes Blatt – Eine Vater-Tochter-Biografie", das 2013 erschienen ist. In der Klinik Buchinger Wilhelmi in Überlingen las sie am Dienstagabend einige Passagen. Im Mittelpunkt des Buchs: der Versuch, den Vater zu verstehen, und das eigene Werden. Fertig ist Susanna Filbinger-Riggert indes noch lange nicht. Sie hat geschwiegen, im Ausland gelebt, ist in den 90er Jahren zurückgekehrt und irgendwann kam das Schreiben. Vielleicht musste sie erst flüchten, erklärte sie: "Vieles geschieht unbewusst."

Grundlage für "Kein weißes Blatt – Eine Vater-Tochter-Biografie" waren Tagebücher, die Filbinger-Riggert nach dem Tod ihrer Mutter im Sommer 2009 im Arbeitszimmer des Vaters fand. Filbinger war bereits im Jahr 2007 gestorben. Die Umstände um die Familie waren jedoch nicht vergessen, werden es wohl nie sein. Überraschend tauchten in dem verstaubten Zimmer um die 60 Notizbücher auf, sortiert nach Jahren. Fast jeden Tag hatte ihr Vater Tagebuch geführt und auf diese Weise sein Leben seit den Kriegsjahren dokumentiert – Erinnerungen aus mehr als 70 Jahren.

Filbinger-Riggert nahm die Tagebücher an sich. Keines der fünf Kinder der Filbingers wusste, dass der Vater geschrieben hatte. Die Aufarbeitung sollte unbequem werden. Nicht alle Geschwister waren mit dem Buch einverstanden, als Filbinger-Riggert das Manuskript vorlegte. Bei der Lesung gewährte die Unternehmensberaterin tiefe Einblicke in die Gefühlswelt einer Familie, die eine Geschichte dieser Art mit sich trägt, diskutierte mit den Zuhörern. Auch Enkelkinder sind betroffen, haben eine Meinung. Die "Vater-Tochter-Biografie" hat Filbinger-Riggert Anhaltspunkte geliefert – etwa dazu, wie der 27-, 28-jährige Vater im Krieg war. Bleiben werden die Generationenfragen der vielen Nachkriegskinder.