Marga Bielefeld ist seit 55 Jahren Diabetikerin. Als sie elf Jahre alt war, wurde bei ihr Diabetes Typ-1 diagnostiziert. Früher wurde diese Form der Zuckerkrankheit „Jugenddiabetes„ genannt. Damals war die Diagnose umständlich und die Therapie lückenhaft. „Ich habe mein Spritzbesteck noch auskochen müssen“, erzählt die 66-Jährige. Am Herd stand ein Topf, worin die benutzten Spritzen und Ampullen reingelegt wurden, um sie zu sterilisieren. Das Insulin zu spritzen, musste sie früh selbst lernen. „Meine Mutter konnte mich nicht spritzen, sie konnte sich nicht überwinden.“ Es gab große Spritzen mit langen Nadeln, mit denen Insulin gespritzt wurde. Viel hat sich seitdem in der Diabetes-Therapie geändert. Die Welten der Diabetiker von damals und heute sind grundverschieden.

Über eine Insulinpumpe kann Insulin verabreicht werden.
Über eine Insulinpumpe kann Insulin verabreicht werden. | Bild: Mardiros Tavit

Zusammen mit Bielefeld engagiert sich Gudrun Oesterle in der Überlinger Diabetes Selbsthilfegruppe „Die Süßen vom Bodensee„. Wie Bielefeld hat auch Oesterle Diabetes Typ-1. Es gibt zwei Hauptformen von Diabetes. Beim Typ-1 wurde die körpereigene Produktion des wichtigen Botenstoffs Insulin zerstört. Ohne Insulin können die Zuckermoleküle aus der Blutbahn nicht mehr in die Körperzellen gelangen, um dort als Energie zu dienen. Es drohen Schlaganfälle und die Schädigung wichtiger Organe und des Hirns. Insulin muss von Außen dem Körper zugeführt werden.

Der „Blau Ring“ ist das weltweite Symbol für 463 Millionen Diabetiker.
Der „Blau Ring“ ist das weltweite Symbol für 463 Millionen Diabetiker. | Bild: Mardiros Tavit

Typ-2-Diabetiker produzieren hingegen in der Bauchspeicheldrüse noch selbst Insulin. Nur der von der Natur vorgesehene Vorgang, dass das Insulin die Zuckermoleküle in die Körperzellen schleust, funktioniert nicht mehr. Entweder produziert der Körper zuwenig Insulin, oder die Körperzellen erkennen das Insulin nicht mehr. Sie sind insulinresistent. In erster Linie traf diese Form der Diabetes übergewichtige Menschen im hohen Alter, weswegen sie auch „Altersdiabetes“ genannt wurde.

Ein Insulinspritze wird angesetzt.
Ein Insulinspritze wird angesetzt. | Bild: Mardiros Tavit

Die Begriffe Jugend- und Altersdiabetes werden heute eigentlich nicht benutzt. Denn auch übergewichtigen Kindern und Jugendlichen wird häufig Typ-2-Diabetes diagnostiziert. Und der Typ-1 trifft auch Menschen wie Gudrun Oesterle im fortgeschrittenen Alter. Anfänglich war sie sehr betroffen, als bei ihr Diabetes festgestellt wurde.

Spritzen und ein Pen (aus dem Englischen für Füller, weil es wie ein Kugelschreiber oder Füller aussieht).
Spritzen und ein Pen (aus dem Englischen für Füller, weil es wie ein Kugelschreiber oder Füller aussieht). | Bild: Navid Moshgbar

„Ich konnte es nicht glauben, dass ich das bekommen habe“, erzählt die ehemalige Sportlehrerin. Ihr Arzt habe ihr gleich gesagt, dass sie nicht an das Warum denken soll, und auch nicht daran, warum ihre Bauchspeicheldrüse aufgehört hat, Insulin zu produzieren.

Die Selbsthilfegruppe im Internet:
diabetes-web-ueberlingen.de

Heute gibt es einen eingespielten Prozess, bei dem die Menschen schnell lernen, mit ihrer Krankheit umzugehen. Einweg-Spritzen mit Kanülen, deren Nadeln so dünn sind, dass Diabetiker sie beim Spritzen nicht spürt. Blutzuckermessgeräte, kleiner als Zigarettenschachteln, die ein Höchstmaß an Sicherheit bei der Selbstkontrolle geben. Speiseregeln, die sich kaum von denen der Gesunden unterscheiden.

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Wissen und Hilfsmittel, die es nicht gab, als bei Bielefeld 1964 die Bauchspeicheldrüse aufhörte, Insulin zu produzieren. Sie interessierte sich für ihre Krankheit, wollte sie verstehen. Jährlich musste sie zur Kontrolle und einer eventuellen Neueinstellung in ein Kinderheim. „Damals wurde noch über den Urin der Blutzucker zweimal am Tag bestimmt“, erinnert sie sich. Heute gibt es Sensoren, die auf der Haut aufgeklebt, durchgehend den Wert messen. Das Fingerpieksen zur Blutzuckermessung fällt damit weg.

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Auch bei der Insulintherapie gab es einen Quantensprung. Spritzbesteck gibt es für sie nicht mehr. „Über die Insulinpumpe regele ich die Insulinzufuhr selbst.“ Dabei verwendet sie nur noch Kurzzeitinsulin, früher musste sie zusätzlich Langzeitinsulin spritzen. Die Pumpe ist ständig über einen Katheder und einer Injektionsnadel mit dem Körper verbunden.

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„Trotz allem, die Diabetes ist ein ständiger Begleiter“, erzählt Oesterle. Denn ständig habe ein Diabetiker die Krankheit im Hinterkopf. Zum Beispiel beim Essen bei der Berechnung der Kohlehydrat- und Insulineinheiten. Oder bei Müdigkeit, Kopfschmerzen oder beim Schwitzen. Immer kann Diabetes ein Grund dafür sein.