Es war ein stiller Tod. Ganz leise, ohne Aufschrei. Die letzte Videothek in Überlingen ist geschlossen. Es war ein aussichtsloser Kampf gegen das Internet. Eine Hydra, die nie zu bezwingen gewesen ist. Aus den illegalen Plattformen im Netz wuchs schon zur Jahrtausendwende etwas heran, dass für die Filmverleiher das Ende bedeutete. Der Nachfrage nach schnellem, einfachen Konsum folgte wenig später das legale Angebot.

Muffige Videothek als Fantasiewelt

Ich bin ein Teil davon, vielleicht trage ich sogar eine Mitschuld am Untergang. Als Kind der frühen 90er kenne ich die aussterbenden Räume der Filmverleiher persönlich. Deckenhohe Schränke voll mit bunten Filmcover, die Horror-Filme standen im abgetrennten Bereich. Den Eingangsbereich bewachten Jack Sparrow und ein T-Rex in Pappe, für mich öffnete diese muffige Videothek eine Fantasiewelt.

Ich suchte nach Action und Science Fiction

Ein einziges Mal im Monat, und nur am Wochenende, war es erlaubt, diese Welt für einen Filmabend zu betreten. Meine Schwestern suchten nach Liebe und Pferden, ich nach Action und Science Fiction. Stundenlang inspizierte ich Titelbilder, vertiefte mich in Klappentexte, wog zwischen Schauspielern ab. Mein Vater richtete an der Kasse. Seitdem kenne ich den schmalen Grat zwischen "in Ordnung" und "zu brutal", wie er knapp meine Auswahl kommentierte – und damit halbierte.

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Stolz auf lachenden Papa

Ich erinnere mich, wie stolz ich war, als mein sonst so ernster Vater beim Film "Rush Hour" vor lauter Lachen am Boden lag. Kampfkünstler Jackie Chan mit Plappermaul Chris Tucker gegen die Bösen der Unterwelt – ein Film meiner Wahl. Und heute? Ich zahle 10 Euro pro Monat, scrolle mit der Maus über Filmcover, schaue kurz in den Trailer rein und google die Leistung der Schauspieler. Dann entscheide ich, ein Klick reicht.

Filmeschauen im Jahr 2018

Der Vorgang mutet irgendwie langweilig an. Das Gefühl, in eine Fantasiewelt einzutauchen, ist vor dem Computer verschwunden – das ist für mich Filmeschauen im Jahr 2018. Die Nachricht der geschlossenen Videothek erinnerte mich an damals und löste eine Art fröhliche Traurigkeit aus. Fröhlichkeit, weil ich zu den Menschen gehöre, die den Charme der Videotheken erleben durfte, in einer Zeit, als der Konsum von Filmen nicht selbstverständlich war. Und Traurigkeit, weil ich selbst irgendwann der Hydra erlegen bin.

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