Herr Lachenmayr, Sie kündigen ein baldiges Ende der Seelfinger Jurtenkonzerte an. Warum?

Unsere Jurte soll wieder zum Wohnzimmer werden und unser Rückzugsort bleiben. Gerade seit der Ausstrahlung im Fernsehen haben wir nicht nur Laufenten als Zaungäste und es ist unangenehm, wenn plötzlich fremde Gesichter durchs Fenster hereinschauen.

Hat eine mongolische Jurte Fenster?

Nein, aber der 120 Jahre alte Zirkuswagen, in dem ich seit 19 Jahren lebe.

Was war das für eine Fernsehsendung?

Das waren am 1. Dezember fünf Minuten in der Landesschau.

Sie haben sich musikalisch ein Jahr lang sehr zurückgezogen. Was war der Grund?

Ich hatte nach mehr als 200 Konzerten jährlich einen Burnout, habe gemerkt, es geht nicht noch schneller, noch weiter. Ich habe zwölf Jahre lang zu Weihnachten ein neues Album herausgebracht. Jetzt ist der Moment gekommen, wo ich das Ganze in die Tiefe bringen muss. Dazu gehört, dass ich einer Idealisierung begegne, die nicht von mir gemacht ist. Ich will nicht mehr einem künstlichen Bardenbild entsprechen müssen.

Sind Sie jetzt wieder aktiv?

Ja, ich pendle momentan zwischen der heimischen Jurte und einem Plattenstudio in Berlin.

Ein Plattenstudio?

Zusätzlich zur CD nehme ich das erste Mal ein Schallplatte auf, weil ich die MP3-Dateien als Gerippe empfinde. Nur ein Tausendstel der Frequenzen wird ausgenutzt. Was Klangraum, Fülle und Emotionen ausmacht, wird weggelassen. Das Studio hat noch die alten Mischtechniken und Maschinen. Die Band wird nicht nacheinander spurweise aufgenommen. Das Studio ist ein riesiges, gemütliches Wohnzimmer, man verteilt sich im Raum und spielt gemeinsam. Diese Aufnahmen werden mit solchen aus der Jurte gemischt. Im Studio wird künstlich mit Dämpfung gearbeitet – in der Jurte ist die ganz natürlich vorhanden.

Höre ich Vorbehalte gegen moderne MP3-Dateien?

Ich meine, die Hörgewohnheiten werden komprimiert, es findet dadurch eine andere Hörerziehung statt. Ich arbeite doch nicht ein halbes Jahr im Studio, damit man meine Lieder übers Handy hört. Musik ist zum Nebenher-Genuss verkommen und man gibt sich mit entseeltem Datenmüll zufrieden.

Passt die Vinylplatte besser zum Barden?

Ich sehe meinen Beruf nicht als verstaubtes Mittelalter-Ding. Ich bin schon offen für neue Techniken und habe Mut zum Experimentieren, damit nicht alles gleich klingt und eine originelle Handschrift hat.

Und warum Berlin?

Berlin ist ein unglaubliches Becken von Musikern. Innerhalb einer Stunde kann man die ungewöhnlichsten Instrumente und Mitspieler finden.

Sie sind trotz „Datenmüll“ gerne Liedermacher?

Ja, obwohl es in Deutschland durchaus als Dilemma empfunden werden darf. In den umliegenden Ländern ist das Forum größer. Barden und Liedermacher denken nicht ans Gefällige, das sich gut verkauft. Wir packen Kritisches an und wollen gedanklich in Bewegung bringen.

Wie sehen Ihre Pläne für 2016 aus?

Ich möchte eigentlich wieder zurück zum Ensemble und großen Konzerthäusern. Den Sinn der „Blauen Blume“ erforschen und auf jeden Fall „echte“ Kontakte haben anstatt den Likes der sozialen Netzwerke.

Wie kann die musikalische Zukunft am See aussehen?

Zum Beispiel so, dass der Kursaal wieder von der Stadt für die Region genutzt wird. Dass man wieder regionale Künstler würdigt. Dass der Kursaal, den die Überlinger sehr lieben, wieder allen Kulturschaffenden zugänglich ist und nicht alle guten Termine auf zehn Jahre hinaus geblockt sind.

Was könnte zu Ihrer Barden-Zukunft gehören?

Den Überlinger Fans im Kursaal mit der ganzen Band zu zeigen, was wir überall in Deutschland spielen. Oder einen Plattenvertrag zu unterschreiben, bei dem man nicht verheizt wird und in Baumärkten auftreten muss.

Aber Sie bleiben dem Bardenleben treu?

Ich kann gar nicht anders. Ich muss meine Musik machen und meinen Weg finden und hoffe, dass ich es so weit wie möglich schaffe, selbstbestimmt und frei durch das Leben zu gehen.
 

Zur Person

Jens Lachenmayr, alias Eloas Min Barden, ist 43 Jahre alt, wurde in Augsburg geboren und ging dort zur Schule. Nach dem Abitur leistete er seinen Zivildienst im „Föhrenbühl“ in Heiligenberg und kehrte dann für eine Heilpraktikerausbildung in seine Geburtsstadt zurück. Dieser folgten drei Jahre Schauspielschule am Bodensee. Hier wurden Kontakte für eine erste, deutschlandweite Tournee im Jahr 1999 geknüpft.

Buchhalterische Grundlagen sammelte Jens Lachenmayr in einem Naturkostladen. Rund um Überlingen ist er als Straßenkünstler und durch das „Fest der Bäume“ bekannt, trat aber auch politisch mit einer Menschenkette um den Bodensee in Erscheinung. Jens Lachenmayr und „die neuen Barden“ wurden 2006 vom Deutschen Rock & Pop Musikerverband als beste World-Folk-Band geehrt.