Auf diesen Brief hatte die Stadtverwaltung gewartet. Allerdings hatte die Stadtspitze auf einen anderen Inhalt gehofft. Das Landesamt für Denkmalpflege (LDA) teilt in einem Schreiben an die Stadt Überlingen mit, dass die Behörde bei ihrer Einschätzung bleibe, dass die Platanenallee entlang der Bahnhofstraße "in ihrer ganzen Länge von der westlichen Stadtbefestigung bis zum Bahnübergang" ein Kulturdenkmal sei.

Diese Beurteilung hatte das LDA der Stadt bereits am 15. Juni mitgeteilt, woraufhin Bürgermeister Matthias Längin mit der Bitte um eine erneute Überprüfung reagierte. Seine Hoffnung: Der Allee-Abschnitt beim geplanten Uferpark sei jüngeren Datums und damit nicht Teil des Kulturdenkmals.

Das Landesdenkmalamt hält jedoch an seiner Einschätzung fest. Sowohl die nachträglich angeforderten Unterlagen aus dem späten 19. Jahrhundert aus dem Vermessungsamt des Bodenseekreises, als auch ein Situationsplan des ehemaligen Westbahnhofs aus dem Jahr 1895, der im Generallandesarchiv in Karlsruhe liegt, hätten die bisherige Beurteilung der gesamten Platanenallee als Kulturdenkmal bestätigt, erklärt Katja Lumpp, Pressesprecherin des LDA.

Im Schreiben des LDA heißt es über die Platanenallee: „Die Anlage besitzt dokumentarischen Wert – insbesondere für die stadtgestalterische Maßnahmen um 1900 und für die Entwicklung Überlingens als Fremdenverkehrs- und Erholungsort.“ Trotz der in ihrem Verlauf eingetretenen Lücken und Neupflanzungen erfülle die Allee in ihrer ganzen Länge die Kriterien zum Schutz als Kulturdenkmal. Das LDA kommt zum Ergebnis: „An der Erhaltung des Kulturdenkmals besteht ein öffentliches Interesse.“ Bezüglich einer Fällung der Bäume habe das Amt daher Bedenken.

Dennoch hält die Stadtverwaltung am Plan fest, die Bäume für die Umgestaltung des Geländes zu einem Uferpark zu entfernen. "Das Landesamt schließt das Entfernen von Alleebäumen nicht grundsätzlich aus", heißt es dazu in der Pressemitteilung der Stadt. "Ein Kulturdenkmal bedeutet nicht, dass es nicht entfernt werden darf", sagt auch Oberbürgermeisterin Sabine Becker auf Nachfrage des SÜDKURIER. "Sonst würden wir ja alles nur konservieren und es könnte sich nichts entwickeln." Becker persönlich gewichte die Renaturierung des Ufers sowie die Gestaltung eines Bürgerparks im öffentlichen Interesse höher als die Erhaltung der Allee. "Der Uferpark ist eine einmalige Chance, die bekommen wir nie wieder", sagt sie, stellt aber klar: "Wir haben nie gesagt, dass die Platanenallee nichts wert ist."

Sie hofft, dass der Gemeinderat das ebenso einschätzt, schließlich liegt bei ihm nun die Entscheidung. Sollten die Räte bei der Meinung bleiben, die Allee entfernen zu wollen, fordert das LDA klare Voraussetzungen: Die gesamte Allee muss dokumentiert werden. Hierzu ist die Anfertigung mehrerer Plänen, eine detaillierte Erfassung aller Bäume, eine Fotodokumentation sowie die Erstellung eines Textes über die geschichtliche Entwicklung der Allee erforderlich. Sabine Becker will nicht ausschließen, dass die Dokumentation einiges an Zeit in Anspruch nehmen und den Baubeginn auf dem LGS-Gelände nach hinten verschieben könnte. "Wir setzen aber alles daran, dass keine zeitliche Verzögerung eintritt."

Eine Umplanung des Siegerentwurfs von Landschaftsarchitektin kommt für sie nicht in Frage. Der Bürgerentscheid von 2013 über eben diesen Plan wäre ansonsten hinfällig "und wir müssten das ganze Verfahren eventuell von vorne beginnen". Die OB gesteht jedoch ein, dass sich die Verantwortlichen "im Rahmen des Rahmenplans" über die Bäume unterhalten müssten. Heißt also, zu überprüfen, inwiefern Bäume erhalten werden können, ohne das Gesamtkonzept zu verändern.

Das Denkmalamt hat vorerst seine Arbeit getan. "Aus unserer Sicht ist es natürlich immer bedauerlich, wenn ein Kulturdenkmal entfernt wird", sagt Sprecherin Katja Lumpp. "Aber wir sehen auch ein, wenn die federführende Behörde im Interesse der öffentlichkeit eine andere Entscheidung trifft."

Pfähle im Flachwasser

Das LDA hat einen weiteren Aspekt ins Spiel gebracht. Laut Schreiben an die Stadt stellt auch die archäologische Denkmalpflege Auflagen. Hierzu heißt es: „Aus dem betreffenden Bereich sind bisher keine Pfahlbausiedlungen bekannt geworden, allerdings wurden über Luftbildauswertungen in der Flachwasserzone einige Pfahlstellungen unbekannter Zeitstellung beobachtet.“ Der Denkmalschutz weist in seinem Schreiben darauf hin, dass große Teile des Plangebietes über ehemaligem Seegelände aufgeschüttet wurde, sodass bei Bodeneingriffen Pfahlbausiedlungen oder alte Uferlinien des Bodensees angetroffen werden könnten, bei denen es sich um Kulturdenkmale handle. Daher muss Überlingen bei Baugrunduntersuchungen immer auch Mitarbeiter der Außenstelle des Landesamts für Denkmalpflege in Hemmenhofen beteiligen. "Das kam für uns auch überraschend", sagt Sabine Becker. "In diesem Fall wäre es eventuell sinnvoll, nochmals zu überlegen, auf die Abtragungen zu verzichten, um keinen Baustopp zu riskieren."


Die Auflagen des LDA im Detail

Für den Fall, dass die Stadt die Platanenallee zugunsten der Umsetzung des Mommsenplanes für die LGS fällen lässt, stellt das Denkmalamt die Bedingung einer detaillierten Dokumentation:

Laut Mitteilung der Stadt listet der Denkmalschutz die Anforderungen an eine Dokumentation im Einzelnen auf und verlangt zum Beispiel einen Text, der die geschichtliche Entwicklung der Allee zu erläutert. Zudem fordert das Landesdenkmalamt Pläne. "Zur Erfassung der Allee muss die Stadt den exakten Bestand auf der Grundlage eines Vermessungsplanes darstellen. Gefordert ist eine Grundrissdarstellung mit Übersichtsplan der Gesamtanlage im Maßstab 1:2000 mit dem Aufzeigen der naturräumlichen Gegebenheiten, gestalterischen Zusammenhänge, Sichtbeziehungen und die Einordnung im Umfeld und städtischen Kontext sowie ein Gesamtaufmaß im Grundriss im Maßstab 1:500 mit maßstabsgerechten Angaben zum Baumbestand und allen baulichen und topographischen Details. Darzustellen sind die Baumarten, Baumnummerierung, Stammdurchmesser sowie der allgemeine Zustand der Bäume mit Alter und die Lebenserwartung. Weiter fordert der Denkmalschutz eine Aufrisszeichnung, zwei Längsschnitte der Allee im Maßstab 1:500, die Darstellung der Allee sowie 4 bis 6 Querschnitte im Maßstab 1:500. Im Anforderungskatalog heißt es, auf der Länge der Platanenallee sind repräsentative Querschnittprofile anzufertigen mit Angaben zu Schnittformen und Schnittstellen der Bäume, Kronenform und Kronenschnitt sowie Baumhöhen mit Bemaßung der Abstände und Höhen und dem Geländeprofil. Weiter fordert der Denkmalschutz eine Fotodokumentation", heißt es in der Mitteilung der Stadt.