Über „Papst Franziskus und die Kunst des Politischen“ hat Annette Schavan im voll besetzten Pfarrsaal gesprochen. Die ehemalige Bundesministerin und Botschafterin Deutschlands im Vatikan bezog klar Stellung. Schavan ließ viele eigene Ideen, auch bezogen auf Überlingen, in ihre kurzweilige und pointierte Rede einfließen. Im Anschluss war Raum für Fragen der Zuhörer. Von dieser Möglichkeit wurde intensiv Gebrauch gemacht.

Katholiken sorgen sich um Reduzierung der Seelsorgeeinheiten

Melanie Jäger Waldau, städtische Musikdirektorin, brachte die große Sorge in der katholischen Gemeinde Überlingens über die Vergrößerung der Seelsorgeeinheiten zum Ausdruck. Annette Schavan hatte zuvor eine kleinteilige Struktur der Seelsorgeeinheiten präferiert. „Jetzt provozieren Sie mich. Von dieser Sache halte ich genau Null Komma Null“, antwortete Schavan. 200 Seelsorgeeinheiten der Erzdiözese Freiburg sollen in den kommenden Jahren auf 40 reduziert werden. In der Folge muss sich ein Seelsorger um immer mehr Menschen kümmern. Als ein Grund für die Maßnahme nennt die Erzdiözese den Priestermangel.

Ist die Zeit reif für Frauen im Priesteramt?

„Wer nicht mit der Zeit geht, fällt aus der Zeit“, zitierte Schavan Papst Franziskus und lieferte ihrerseits eine Lösung: „Ich habe noch nie geglaubt, dass Frauen nicht zu Priesterinnen geweiht werden können, weil sie angeblich nicht Teil des Glaubens seien.“ Die Mauer sei in Deutschland ja auch gefallen und das hätten sich die meisten Menschen bis dahin auch nicht vorstellen können, erklärte die ehemalige Bundesbildungsministerin.

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„Papst besteht darauf, die Welt so zu nehmen, wie sie jetzt ist“

Papst Franziskus habe jetzt zum ersten Mal in der Geschichte der katholischen Weltkirche eine Frau in die Position der Vize-Außenministerin des Vatikans berufen. Annette Schavan betonte, diese Tatsache wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen. Ein zustimmendes Raunen ging durch das Publikum. Der Papst bestehe darauf, die Welt so zu nehmen, wie sie jetzt sei. Dazu gehörten auch die notwendigen Änderungen und die Erneuerung der Kirche, folgerte Schavan, die katholische Theologie an den Universitäten in Bonn und Düsseldorf studiert hat.

Annette Schavan hielt auf Einladung der katholischen Pfarrgemeinde Überlingen einen kraftvollen und pointierten Vortrag. Die Gäste erhielten Einblicke in ihre Zeit als deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl und Einschätzungen zum Überlingen Stadtgeschehen.
Annette Schavan hielt auf Einladung der katholischen Pfarrgemeinde Überlingen einen kraftvollen und pointierten Vortrag. Die Gäste erhielten Einblicke in ihre Zeit als deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl und Einschätzungen zum Überlingen Stadtgeschehen. | Bild: Stef Manzini

Ideen, die „Generation 40 minus“ wieder für die Kirche zu interessieren

Auch in Überlingen habe sich die katholische Kirche längst von der Volkskirche zur Kulturkirche entwickelt. Schavan sprach von der „Generation 60 plus“ und nannte eigene Ideen, auch die „Generation 40 minus“ wieder für das Geschehen in der Kirche zu interessieren. Die Referentin sprach auch über Erfahrungen aus ihrer Nähe zum Papst: Er halte nicht viel von Weihehandlungen, für ihn seien die Orte entscheidend, die er aufsuche, etwa ein Flüchtlingslager.

Papst lenkt Fokus auf das, wo man nicht genau hinsehen will

Dann gingen diese Bilder um den Globus und legten den Fokus darauf, wo man gemeinhin gar nicht genau hinsehen wolle. Das bezwecke der Heilige Vater in Rom, dies sei seine Kunst des Politischen, erklärte Annette Schavan. Lachend fügte sie noch hinzu: „Der Papst liebt Tango. Erwarten Sie eher nicht, dass er nach Berlin oder Frankfurt kommt, denn hier sieht er keine so große Not. Uns Europäer findet er eher alt und müde.“

„Erwarten Sie von einer Verwaltung keinen Spirit – der kommt vom Bürger“

Über das Thema Subsidiarität, die Forderung nach Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, hatte bereits der frühere Ministerpräsident Erwin Teufel in seiner Rede zum Stadtjubiläum im Überlingen Münster gesprochen. Er hatte die Subsidiarität als ein wesentliches Element der Demokratie bezeichnet. Auch Annette Schavan griff dieses Thema auf und war hier ganz Politikerin: „Eine Verwaltung verwaltet, denn das ist ihre Aufgabe. Erwarten Sie aber von der Verwaltung keinen Spirit.“ Dieser Geist komme vom Bürger, also von unten nach oben, und dies gelte für die Kirche ebenso wie für eine Stadt wie Überlingen.

„Es ist eine gute Zeit für neue Wege“

Annette Schavan spricht über die Subsidiarität, Seelsorgeeinheiten und ihre Lieblingsplätze in Überlingen.

Könnten Sie sich für Überlingen tägliche Aktionen beispielsweise im Münster vorstellen, wie etwa in der Marienkirche im römischen Stadtteil Trastevere?

Das tägliche Abendgebet in Santa Maria in Trastevere wird von der Gemeinschaft Sant‘Egidio seit Jahrzehnten organisiert. Der Beginn einer solchen Tradition ist die Bildung einer Gemeinde von Gleichgesinnten, die ihre Aufgaben und ihr Gebet in einen Zusammenhang bringen. Kopieren lässt sich so etwas nicht.

Können Laien auf andere Weise Kirchen und Kapellen zu Orten des gemeinsamen Betens machen?

Ja, es ist eine gute Zeit, die vielen Sprachen des Glaubens zu entdecken, die wir haben: die Musik, die Kunst, die Psalmen, moderne Installationen, Gedichte und vieles andere mehr. In Überlingen gibt es gute Beispiele dafür, zum Beispiel in der kleinen St.-Jodok-Kirche. Es ist eine gute Zeit für neue Wege, um dem Glauben der Menschen und ihrer Spiritualität Raum zu geben.

Ein großes Thema hier sind die Seelsorgeeinheiten und ihre Reduzierung von 200 auf 40. Als Begründung wird der Priestermangel angeführt. Wie löst man das Problem und was bedeutet für eine kleine Stadt mit großem Umland die Schaffung von Verwaltungseinheiten statt Seelsorge in der katholischen Gemeinde?

Jetzt ist die Zeit, die Kraft der kleinen Einheit zu entdecken. Der umgekehrte Weg wäre also nötig. Das setzt voraus, Vertrauen in die Laien zu setzen und Amt und Leitung nicht fortdauernd gleichzusetzen. Subsidiarität ist in der Kirche so wichtig wie in der Gesellschaft.

Zur Subsidiarität eine Frage an Sie als Politikerin: Braucht es in Städten wie Überlingen mehr Bürgerbeteiligung und die diversen Diskussionen in einem Gemeinderat, oder wird dadurch viel an dynamischem Prozess genommen?

Politik auf allen Ebenen braucht den Blick für das Gemeinwesen und das Gemeinwohl. Wir neigen – bis hin zu Europa – heute dazu, einzelnen Interessen, wenn sie laut genug vorgetragen werden, mehr Beachtung zu schenken, als dem Gemeinwohl. Das ist eine große Kunst, Raum für Beteiligung zu geben, das Ganze im Blick zu behalten und Entscheidungen zu treffen, die das Gemeinwesen voranbringen.

Zahlen Sie gern Ihre Zweitwohnungssteuer, um hier zu wohnen?

Gern klingt übertrieben. Aber nach 20 Jahren in Nußdorf bin ich so gern hier, dass ich jedenfalls wegen dieser Steuer nicht weggehe.

Gibt es Lieblingsorte für Sie hier in der Stadt? Welches kirchliche Ereignis gefällt Ihnen in Überlingen besonders – oder ist es der normale Gottesdienst?

Zu meinen Lieblingsorten gehört ein Platz im Münster, von dem aus ich das Tafelbild sehen kann, auf dem die Begegnung von Maria und Elisabeth gezeigt wird; im übrigen der Stadtgarten und natürlich Nußdorf. Im Kirchenjahr mag ich die Schwedenprozession; im Stadtjahr die Fasnet, weshalb ich an den Fasnetstagen wieder in Überlingen sein werde.

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