Es trifft den Vater allein an, es kommt zur ersten Vergewaltigung. Im Urteil des Landgerichts Rottweil vom 2006 im Strafverfahren gegen den Vater heißt es: „Das Mädchen trug nur ein leichtes Sommerkleid, was den Angeklagten zum Geschlechtsverkehr reizte.“ Das Mädchen wehrt sich heftig. Am nächsten Tag wird sie erneut vergewaltigt. Die Mutter hält sie dabei fest. „In der Folgezeit erzwang der Angeklagte täglich, teilweise mehrfach täglich den Geschlechtsverkehr“, steht im Urteil. In Einzelfällen hätte ihn die Mutter unterstützt, „zudem nahm Hannelore M. selbst sexuelle Handlungen an ihrer Tochter vor.“ Karina M. schildert dem SÜDKURIER, ihre Eltern hätten sie gefoltert.

 

Juni 1981: Die Familie zieht nach Hüfingen um.

 

Juni 1985: Sohn M. wird geboren, das erste Kind, das Karina M. von ihrem Vater bekommt. Sie sagt, alle sechs Kinder seien durch Vergewaltigung gezeugt. Im Rottweiler Urteil steht: „Ab der Geburt des gemeinsamen Sohnes M. drohte der Angeklagte Karina M. zusätzlich damit, er werde sie oder ihre Kinder umbringen oder dafür sorgen, dass das Jugendamt ihr die Kinder wegnehme, wenn sie anderen Personen von ihrem sexuellen Verhältnis berichte.“

 

September 1985: Die Familie zieht nach Geisingen.

 

Februar 1989: Geburt von Tochter P.

 

März 1991: Sohn S. kommt zu Welt.

 

Februar 1993: Geburt von Tochter C.

 

Oktober 1994: Sohn F. wird geboren.

 

Januar 2000: Karina M.'s Mutter stirbt. Der Vater verlangt von Karina, fortan im Ehebett zu nächtigen.

 

Februar 2001: Sohn R. wird geboren.

 

September 2003: Es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Vater und Karina M. „Anlass war, dass der Angeklagte den Sohn R. misshandelt hatte und Karina M. versucht hatte, schützend einzugreifen“, schreibt das Landgericht Rottweil. Karina M. schildert das so, dass der Vater auf sie losgehen wollte. Ihr zweijähriger Sohn habe sich vor sie gestellt und gerufen: „Nicht die Mama totschlagen.“ Erst habe sie sich verbarrikadiert, dann sei es ihr gelungen, sich mit Hilfe eines Messers aus der Gewalt zu befreien. Die 31 Jahre dauernde Gefangenschaft ist zu Ende.

 

2006: Gerichtsverhandlung vor dem Landgericht Rottweil. Sachverständige werden gehört, um Karina M.'s Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Zitiert wird auch „der Sachverständige Dr. Schulte, u.a. Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie“, der zu dem Schluss kam, sie „weise eine posttraumatische Belastungsstörung auf, die sich in den letzten Jahren nochmals extrem entwickelt habe und deshalb nicht allein auf die Erlebnisse in der Kindheit zurückgeführt werden könne.“ Er erklärt: „die Aussagekonstanz und Detailgenauigkeit, die Widerspruchsfreiheit (...) belegten die Glaubwürdigkeit der Zeugin.“



Ihre Schwestern geben an, der Vater habe Karina M.„teilweise bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt.“ Eine Aussage der Schwestern, sie hätten beim Geschlechtsakt „lustvolles Stöhnen“ der Karina M. vernommen, bestätigt das Gericht in der Annahme, es habe sich am Ende um ein eheähnliches Verhältnis gehandelt. Karina M. sagt sie habe sich bis zuletzt gewehrt und schildert die Drohungen und Folter, die er ihr angedroht und angetan habe. Die Klage wird abgewiesen.

 

2008: Karina M. zieht mit ihren Kindern nach Überlingen.

 

2016: Karina M. klagt vor dem Sozialgericht Konstanz auf Opferentschädigung für ihren Sohn R. Die Klage wird abgewiesen. (emb)