31 Waldrappe folgen einem Ultraleichtfluggerät, einem doppelsitzigen Motorschirm-Trike. Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg sitzt hinter Johannes Fritz, Leiter des Waldrappteams und Pilot. In der rechten Hand hält sie ein Megafon.

Immer wieder ruft sie: "Kommt kommt, Waldis, kommt kommt." Stimme, Geruch und Optik der Ziehmütter: Darauf werden die Jungvögel geprägt, seit sie kurz nach dem Schlüpfen für das Auswilderungsprojekt ausgesucht wurden.

Mehrfach pro Woche starten sie zu Rundflügen

Außerdem geben Anne-Gabriela Schmalstieg und Corinna Esterer ihren Schützlingen verschiedene Handzeichen. Es sind bereits die Waldrappe der zweiten Handaufzucht in Überlingen-Hödingen, die hier, in direkter Nähe zum Bodensee, Flugübungen absolvieren.

An diesem Tag ist der WDR im Trainingscamp, um für die Serie "Theos Tierwelt" von Theo Pagel, Zoologe und langjähriger Direktor des Kölner Zoos, zu filmen. Das Interesse an den Jungvögeln ist insbesondere in dieser Phase groß, weiß Corinna Esterer.

Auch für die Ziehmütter ist es eine spannende Zeit, wenn es darauf ankommt, dass die Verbindung zu den Waldrappen stark ist. Mehrfach pro Woche starten sie nun zu Rundflügen, bevor sie Mitte August Richtung Winterquartier im Süden losfliegen – knapp 1000 Kilometer über die Alpen.

Johannes Fritz und Anne-Gabriela Schmalstieg (hinten) sitzen im Ultraleichtfluggerät. Mit Fingerzeichen und dem Ruf "Kommt kommt, Waldis, kommt kommt" durchs Megafon versucht Schmalstieg, die Waldrappe anzulocken. Sie müssen sich für den Zug ins Winterquartier in der Toskana an das Fluggerät gewöhnen.
Johannes Fritz und Anne-Gabriela Schmalstieg (hinten) sitzen im Ultraleichtfluggerät. Mit Fingerzeichen und dem Ruf "Kommt kommt, Waldis, kommt kommt" durchs Megafon versucht Schmalstieg, die Waldrappe anzulocken. Sie müssen sich für den Zug ins Winterquartier in der Toskana an das Fluggerät gewöhnen. | Bild: Jürgen Gundelsweiler

2018 ist für Schmalstieg und Esterer die fünfte Saison, in der sie gemeinsam Waldrappe aufziehen. Wenn sie in die Voliere im Trainingscamp kommen, nicken die Jungvögel mit den Köpfen und zwitschern lieblich. So grüßen sich ausgewachsene Waldrappe untereinander.

Es gibt Fleischbrei und Insekten

Für die beiden Ziehmütter ist das ein Anzeichen, dass die Prägung funktioniert. Nachts sind die Jungvögel, die zwischen zehn und zwölf Wochen alt sind, in ihrem Aufzuchtwagen, tagsüber in der Voliere oder bei den Übungen im Freien. Alle haben schon einen Namen.

Bis zur Analyse von Federn sind die Geschlechter allerdings unklar. Dreimal täglich werden die Tiere gefüttert. Um 10, 14 und 18 Uhr gibt es Fleischbrei und Insekten. Das werde gezielt beibehalten, damit eine Abhängigkeit bestehe, sagt Esterer. Zwischen den Fütterungen und Übungen ist viel Zeit für intensiven Kontakt mit allen 31 Vögeln aus der Gruppe.

Nachdem die Waldrappe in der Luft sind, läuft Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg zum Ultraleichtfluggerät, um mit Johannes Fritz zum Flugtraining zu starten. Im Hintergrund dreht ein Filmteam des Fernsehsenders WDR für die Serie "Theos Tierwelt" von Theo Pagel, Zoologe und langjähriger Direktor des Kölner Zoos.
Nachdem die Waldrappe in der Luft sind, läuft Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg zum Ultraleichtfluggerät, um mit Johannes Fritz zum Flugtraining zu starten. Im Hintergrund dreht ein Filmteam des Fernsehsenders WDR für die Serie "Theos Tierwelt" von Theo Pagel, Zoologe und langjähriger Direktor des Kölner Zoos. | Bild: Jürgen Gundelsweiler

"Waldrappe kuscheln sehr gerne. Sie spielen mit unseren Haaren. Ein Loch im Pullover kann auch interessant sein, oder sie finden Hautfalten zum Reinkneifen", erzählt Anne-Gabriela Schmalstieg.

"Sie möchten im Arm liegen"

Waldrappe haben taktile, gebogene Schnäbel, mit denen sie in der Erde nach Futter suchen. Schmalstieg zufolge fühlen sich die Schnäbel auf der Haut wie kleine Finger an. Die Ziehmutter ist beeindruckt davon, dass die Waldrappe so großes Vertrauen haben.

"Sie möchten im Arm liegen. Man merkt, dass sie bei einem sein wollen", sagt Schmalstieg. Eine von beiden, Schmalstieg oder Esterer, muss immer im Trainingscamp sein. Kein anderes Teammitglied darf zu den Waldrappen gehen. Niemand anderes sollte die Farbe Gelb tragen.

Aus dem Überlinger Teilort kommt viel Besuch. Derzeit steht der Zählerstand bei knapp über 450 Besuchern – etwas weniger als im vergangenen Jahr, als der spezielle Zugvogel noch eine ganz neue Erscheinung in Überlingen war.

Der Motorschirm-Trike startet vom Waldrapp-Trainingscamp bei Überlingen-Hödingen. Mit an Bord sind Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg und Pilot Johannes Fritz. Schmalstieg ist dabei die Vertraute, die die 31 Waldrappe in die Ferne folgen lässt.
Der Motorschirm-Trike startet vom Waldrapp-Trainingscamp bei Überlingen-Hödingen. Mit an Bord sind Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg und Pilot Johannes Fritz. Schmalstieg ist dabei die Vertraute, die die 31 Waldrappe in die Ferne folgen lässt. | Bild: Jürgen Gundelsweiler

Im Moment fliegen die Jungvögel dem Motorschirm-Trike noch hinterher. Schmalstieg erläutert, dass sie aber mit dem Ultraleichtfluggerät fliegen sollten. So haben die Ziehmütter die Waldrappe unter anderem besser im Blick.

Was bei einem Angriff passiert

Denn der Zug über die Alpen besteht nicht etwa aus entspannten Stunden über den Wolken. Schmalstieg und Esterer sind eher konstant damit beschäftigt, die Jungvögel bei dieser Herausforderung anzuleiten. "Die Migration ist die anstrengendste Zeit überhaupt", sagt Esterer.

Die Waldrappe sind Steinadlerattacken ausgesetzt, die die Ziehmütter in der Regel nicht vorhersehen können. "Man sieht es meistens nicht", berichtet Esterer. Obwohl die Bindung zwischen den Waldrappen groß ist, fliegen sie bei einem Angriff auseinander.

"Wir rufen und kreisen dann, bis alle wieder zurückkommen", erläutert Schmalstieg. Die Strecke bis ins Winterquartier wird in Flugeinheiten von sechs bis acht Stunden unterteilt. Laut der Ziehmütter kommt es immer auf den Zustand der Vögel und die Wetterlage an. Vorab wird genau geklärt, wo die Menschen und Tiere entlangfliegen können – so wie Schmalstieg und Esterer derzeit auch die Wiesen für die Trainingsflüge aussuchen.

Alles wird geplant und dennoch gibt es Zufälle. Anfänglich waren es 33 Vögel. Einer hat sich den Flügel gebrochen und kann zurzeit nicht bei der Gruppe sein. Und Hodor wird nach einem Trainingsflug vermisst.

Trainingscamp für junge Waldrappe in Überlingen-Hödingen: Das Bild in der für Besucher nicht zugänglichen Voliere hat Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg mit der Kamera von Fotograf Jürgen Gundelsweiler gemacht. Entstanden ist es schon vor einigen Wochen.
Trainingscamp für junge Waldrappe in Überlingen-Hödingen: Das Bild in der für Besucher nicht zugänglichen Voliere hat Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg mit der Kamera von Fotograf Jürgen Gundelsweiler gemacht. Entstanden ist es schon vor einigen Wochen. | Bild: Jürgen Gundelsweiler