Die Zahl ist beeindruckend: Der Deutsche Alpenverein (DAV) hat seine Mitglieder seit dem Jahr 2000 auf mittlerweile 1,2 Millionen verdoppelt. Dieser rasante Anstieg ist vor allem auf den "Kletterhallenboom" zurückzuführen, wie der Verband in seiner aktuellen Mitgliederzeitschrift schreibt. Seit dem Bau des ersten deutschen Kletterzentrums in Berchtesgaden vor 25 Jahren ist die Zahl der Kletterhallen beständig gestiegen: Heute zählt die Statistik rund 450 "künstliche Kletteranlagen" in Deutschland, gut 200 davon werden von Sektionen des DAV betrieben, was dem Alpenverein ein deutliches Plus der Mitglieder brachte. Dies zeigt auch ein Blick über den See: Die DAV-Sektion Konstanz, die den gesamten Landkreis Konstanz abdeckt, zählt derzeit 8572 Mitglieder und ist damit fast doppelt so groß wie vor zwölf Jahren. Kein Zufall: In eben jenem Jahr 2005 wurde ein neues Kletterzentrum in Radolfzell eröffnet.

Von dieser Entwicklung will auch die Überlinger DAV-Sektion profitieren, die derzeit rund 2750 Mitglieder zählt und damit der größte Überlinger Verein ist. Bereits seit mehr als zehn Jahren strebt der DAV den Bau einer eigenen Kletterhalle an – bislang jedoch ohne Erfolg. Im Zuge der Planungen für einen neuen Schulcampus sah der Vorsitzende Klaus Haberstroh jedoch die Chance gekommen, sich mit einem Kletterzentrum ranzuhängen. Der Standort sei ideal, da man mit dem Angebot die zahlreichen Schüler in unmittelbarer Nähe ansprechen könne. Nachdem ein Anbau an die geplante neue Schulsporthalle aus Kostengründen wegfiel, stellte Haberstroh im Sommer seine Idee von einer freistehenden Kletterhalle vor.

1,2 Millionen könne der Verein investieren, sollten die Mitglieder in einer außerordentlichen Versammlung am Donnerstag (19 Uhr in der Aula des Gymnasiums) dem Vorhaben zustimmen. Das Problem: Um den Bau realisieren zu können, fehlen dem DAV nach eigenen Angaben rund 200 000 bis 300 000 Euro. Hier hofft der Verein noch immer auf eine Finanzspritze vonseiten der Stadt, schließlich sei eine Kletterhalle von hohem touristischem Wert und ein Standortvorteil beim Werben um junge Familien sei, so Haberstroh. Angesichts der stetig wachsenden Verschuldung zeigten sich Stadt und Gemeinderat bislang aber nicht bereit, die Finanzierungslücke zu füllen.
 

Das sagen die Gemeinderatsfraktionen

  • CDU
    "Wir begrüßen die Planungen zur Kletterhalle ausdrücklich", schreibt Fraktionssprecher Günter Hornstein. Diese sei eine Erweiterung des Sport- und des Tourismusangebots, "so dass diese auf alle Fälle für die Stadt einen Mehrwert bringen wird". Durch den Standort beim Schulzentrum bestehe zudem die Möglichkeit zur Nutzung im Sportunterricht. Daher halte die CDU "eine Unterstützung durch die Stadt für geboten". Allerdings müsse diese nicht zwingend durch einen Geldbetrag erfolgen. "Durch die Festlegung der Erbpacht, analog der Regelung bei anderen Vereinen, obwohl die Kletterhalle später wirtschaftlich betrieben wird, erfolgt bereits eine städtische Unterstützung." Zudem sieht die CDU in der Umsetzung der Kletterhalle und der neuen Sporthalle mögliche Synergieeffekte, die zu einer Entlastung des DAV bei den Kosten führen könnten, etwa bei den Parkplätzen. "Inwieweit dann im weiteren Projektverlauf es noch es zu einer unmittelbaren finanziellen Unterstützung durch die Stadt kommen muss, wird sich zeigen."
  • LBU/Grüne
    Ähnlich wie Hornstein argumentiert auch Marga Lenski: "Beim Bau der Kletterhalle und den Nebeninvestitionen lassen sich wie bereits jetzt in der Planung konkrete Möglichkeiten finden, wie die Stadt dem DAV finanzentlastend helfen kann." Eine deratige Unterstützung halte ihre Fraktion für "effektiver und sinnvoller als die Festlegung eines Geldbetrages". Generell sei man davon überzeugt, dass die Halle "für den Jugend- und Allgemeinsport in Überlingen eine wichtige Ergänzung und Bereicherung wäre".
  • Freie Wähler/ÜfA
    "Unsere Fraktion steht positiv zum Bau einer Kletterhalle", teilt auch Lothar Thum mit. Die Halle wäre "eine Bereicherung" sowohl für die Überlinger, als auch für die Gäste. "Die Stadt kann sicherlich unterstützen. Das wird aber nicht mit finanziellen Beiträgen sein." So gebe es im Umfeld des Bauvorhabens Synergien zur Entlastung des DAV.
  • SPD
    Auch die SPD ist für den Bau einer Kletterhalle und habe bei den Planungen für das Campusareal die Planung einer integrierten Kletterhalle begrüßt, schreibt Oswald Burger: "Wenn der DAV das separat haben will, soll's uns recht sein." Auch er sieht andere städtische Hilfen als die Bereitstellung eines Finanzbetrags.
  • FDP
    "Wir halten die Kletterhalle für eine sinnvolle Ergänzung des sportlichen Angebots in Überlingen", schreibt Raimund Wilhelmi. Allerdings sieht die FDP angesichts der Verschuldung der Stadt keine Möglichkeit zur finanziellen Unterstützung: "Wir haben uns bei den Haushaltsberatungen gegen eine weitere Verschuldung ausgesprochen. Landesgartenschau, Schulcampus, Parkhäuser bringen uns schon an das Limit, im Kulturbereich wird massiv gekürzt, da gilt es bei den Pflichtaufgaben zu bleiben."
  • Linke
    Roland Biniossek hingegen will sich für eine städtische Finanzierhilfe einsetzen und in der heutigen Gemeinderatssitzung einen Antrag auf einen städtischen Zuschuss von 300.000 Euro für die Kletterhalle stellen. "Wir hoffen auf breite Unterstützung der Fraktionen", schreibt er. Die Kletterhalle sei sehr wichtig, "für die Bürgerschaft, den Tourismus und nicht zuletzt für den Schulsport". (mde)


Vor diesem Hintergrund sorgte bei einigen DAV-Mitglieder die Eröffnung des neuen Kunstrasenplatzes in Altbirnau, den die Stadt mit 373 000 Euro finanzierte, für Unmut, da dieser überwiegend vom FC 09 Überlingen genutzt wird. Auch Stadtrat Roland Biniossek (Linke) sieht hier ein Ungleichgewicht. "Die Projekte sind durchaus vergleichbar. Die Bedeutung für den Schulsport ist bei der Kletterhalle, die direkt im Gelände des Schulzentrums errichtet werden soll, sogar noch höher einzuschätzen", schreibt er. Deshalb wolle er in der heutigen Gemeinderatssitzung den Antrag auf einen städtischen Zuschuss von 300 000 Euro für den Bau der Halle stellen. Seine Ratskollegen von den anderen Fraktionen widersprechen dieser Darstellung hingegen deutlich. "Was wir nicht für sinnvoll halten, wäre einen Verein gegen den anderen auszuspielen", sagt etwa Marga Lenski (LBU/Grüne).

 

Zwar sei ein Vergleich der beiden Projekte "auf den ersten naiven Blick" nicht ganz von der Hand zu weisen. Allerdings sei der Kunstrasenplatz städtische Fläche, während die Kletterhalle Eigentum des DAV wäre.

So sehen es auch ihre Ratskollegen von CDU, FWV/ÜfA, FDP und SPD. "Das Sportgelände Alt-Birnau ist eine städtische Sportanlage auf städtischem Grund und Boden, bei der zwar naturgemäß der Hauptnutzer der FC 09 ist, diese Sportanlage aber auch von anderen Vereinen und Institutionen genutzt wird", schreibt etwa CDU-Fraktionssprecher Günter Hornstein. "Die Sanierung ist also aufgrund der Eigentums- und Nutzungsverhältnisse eine städtische Angelegenheit." Raimund Wilhelmi (FDP) befürchtet gar, dass von einer Finanzierung für die Kletterhalle ein falsches Signal für andere Vereine ausgehen könnte: "Demnächst könnten auch der Golfclub und der Yachtclub kommen." So sieht es auch Lothar Thum (FWV/ÜfA): "Wenn hier alle gleich bedacht werden müssten, dann kann sich jeder selbst hochrechnen, wie viele Millionen dann ausgezahlt werden müssten." Und weiter: "Es muss gewährleistet sein, dass der Gemeinderat beschließen kann, wann, wo und wieviel er unterstützen will oder kann."