Überlingen/Salem – Im Kreise ihr vertrauer Menschen ist Cornelia Hahn am Freitag im Alter von 82 Jahren gestorben. Sie war bedeutend für Überlingen, weil sie auf der Grundlage anthroposophischer Ideale Räume für soziale, landwirtschaftliche und kulturelle Projekte schuf. Darunter die Freie Waldorfschule, eine der größten Waldorfschulen Deutschlands. Durch ihr Wirken sind in der Region seit den 70-er Jahren Hunderte von Arbeitsplätzen entstanden. Eine öffentliche Trauerfeier ist heute, Dienstag, 11.30 Uhr, im Großen Saal der Waldorfschule.

Am 20. August 1936 wurde Cornelia Hahn als vierte Tochter von Lore und Hanns Voith in Heidenheim an der Brenz geboren. Vater Hanns Voith war Inhaber der Maschinenbaufabrik, „J. M. Voith GmbH'', der nach jahrelanger Hofsuche im Jahre 1932 das Hofgut Rengoldshausen bei Überlingen kaufte und es nach den Lehren des Anthroposophie-Begründers Rudolf Steiner, den er noch persönlich kennenlernte, bewirtschaftete. Neben dem Wunsch, etwas für die Erde zu tun, verfolgten Hanns und Lore Voith auch pädagogische Ziele für ihre sechs Töchter: Sie sollten auf dem Feld und im Stall mitarbeiten.

Nach dem Krieg hatte die Maschinenfabrik wirtschaftliche Probleme, woraufhin Hanns Voith in Bildung, Ernährung und Gesundheit der Mitarbeiter investierte, was letztlich auch der Firma diente. Die Schwestern Angela und Beatrice beschreiben Cornelia als mutig und intelligent, ausgestattet mit viel Energie und Tatkraft. Beatrice: „Sie hat als Kind oft die Grenzen des Erlaubten ausgetestet und viele Mutproben bestanden. Sie war immer voller origineller Ideen.“

Cornelia Hahn studierte Medizin an der Universität München und interessierte sich darüber hinaus für die anthroposophische Medizin. Die promovierte Ärztin praktizierte als Allgemeinmedizinerin gemeinsam mit Gunhild Baldini 18 Jahre in Überlingen, arbeitete als Schulärztin und Dozentin. In der pädagogischen Erwachsenenarbeit war sie ebenso tätig wie in Ausbildungsseminaren für Waldorfkindergärtnerinnen. Ihre Praxis in Überlingen gab sie Anfang der 90-er Jahre auf, um sich verstärkt der Pflege ihrer Söhne zu widmen.

Cornelia Hahn baute leidenschaftlich gern. Sie liebte die Zusammenarbeit mit Handwerkern. Sie respektierte vorhandene Bausubstanz. Abriss war nicht ihr Ding. Gunhild Baldini erzählte: „Wenn sie ein Haus renovieren ließ, stellte sie sich zuvor hinein und fragte, 'was will das Haus?'“ Überhaupt fragte sie alle möglichen Menschen oft um Rat. Sie wollte immer verschiedene Meinungen hören, um sich ein Bild zu machen und Sachverhalte zu verstehen. Wenn sie dann aber eine Entscheidung getroffen hatte, vertrat sie diese kraftvoll. Sie war dann meist nicht mehr davon abzubringen.

Ihr Erbe

Gemeinsam mit ihren Schwestern Silvia und Juliane erbte Cornelia das Hofgut Rengoldshausen. Von den Eltern übernahmen sie das Anliegen, die biologisch-dynamische Landwirtschaft voranzubringen, später übertrugen sie das Hofgut an die gemeinnützige Columban-Stiftung. Weitere Höfe wurden ihr übereignet. Ihr gesamtes Vermögen und Großteile ihres Einkommens hat sie in Stiftungen, in gemeinnützige und soziale Projekte gegeben. Auf Augenhöhe mit den Mitarbeitern arbeitete sie aktiv mit. Sie hatte das Anliegen, die ökologische Landwirtschaft gemeinnützig zu stellen. Sie selbst lebte bescheiden. Ein Gemälde von Kasper-David-Friedrich, das im Familienbesitz der Familie Voith war, hat sie verkauft und der Waldorfschule gespendet. Die Schwestern und deren Kinder haben zunächst geschluckt, diesen Dienst am Gemeinwohl dann aber mitgetragen.

Cornelia und Manfred Hahn durchlebten schwere Schicksalsschläge. Beide Söhne litten an einer Bluterkrankheit. Durch infizierte Blutkonserven wurden sie mit HIV infiziert. Ihre Mutter Cornelia pflegte sie zuhause. Nach schwerem Krankheitsverlauf verstarben die jungen Männer im Alter von 25 und 30 Jahren. Als ein "Leben am Abgrund" bezeichnete die Ärztin diese Zeit. Eine weitere Schicksalswende brachte die räumliche Trennung von ihrem Mann. Beide pflegten aber ihre Beziehung, halfen sich, arbeiteten zusammen und feierten gemeinsame Feste.

Ihre Projekte

„Wir haben oft die Köpfe geschüttelt und gemeckert: Was macht sie denn nun schon wieder?“, sagt Schwester Angela Voith. „Aber am Ende lag sie immer richtig“, ergänzt Angelas Tochter Maria. „Meine Tante Cornelia war immer sehr vorausschauend. Sie hat Zusammenhänge schneller verstanden als wir anderen.“ 1972 erfolgte die Eröffnung des Kindergartens und der Waldorfschule in Überlingen sowie der Drogen-Heilstätte "Sieben Zwerge" in Salem-Oberstenweiler. Cornelia Hahn sieht sich hier nur als Glied einer Kette. Sie und ihre Schwestern folgten gemeinsam dem elterlichen Wunsch, das ererbte Vermögen in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen und stifteten Grund und Boden für den Schulbau in Überlingen. Ihr letztes großes Projekt war die Übernahme des Andreashof in Deisendorf mit dem Anbau von Demeter-Blumen, Kräutern und Lichtwurzeln. Ein Rosengarten lädt zum Verweilen.

In gemeinsamer Arbeit mit Gleichgesinnten wirkte Cornelia Hahn an folgenden Projekten mit: 4 Waldorfschulen, 3 Kindergärten, eine Heilstätte, 5 Demeter-Höfe, ein Seniorenheim, ein Büro- und Ärztehaus sowie viele kleinere Projekte. Damit führte sie das Werk ihrer Eltern fort. Heute und in der Zukunft sorgt der Stiftungsrat dafür, dass nun ihr Erbe weitergeführt wird. Cornelia Hahn hat dafür Sorge getragen, dass alles auch ohne sie gut weitergeht.

Die Autorin dieses Nachrufs ist Politologin und freie Journalistin, sie verfolgte die Arbeit Cornelia Hahns seit vielen Jahren.