Die Gebäude seien aus Holz und würden sowieso brennen. Der einzige Fluchtweg wäre dann für ihn das Fenster. Mohamed Al Hmadi ringt um seine Fassung. Alles, womit er sein Zimmer für seine Familie etwas behaglich gemacht hat, muss jetzt raus. Grund sind Brandschutzmaßnahmen des Landkreises in den Flüchtlingsunterkünften.

Der SÜDKURIER berichtete vergangene Woche ausführlich darüber. Gestern fuhren Transportfahrzeuge mit Anhängern auch in Überlingen vor. Darauf werden die persönlichen Dinge – sofern brennbar – verladen: Teppiche, Holzschränkchen, Sofas oder Fernseher. Die Aufregung unter den Flüchtlingen und den ehrenamtlichen Helfern ist groß. Es wird damit begonnen, Teppiche und Stühle nach draußen zu bringen. Einige Flüchtlinge helfen dabei, ihre Gesichter sprechen Bände.

Der Brandschutz sei eine sehr ernste Angelegenheit, erklärt der Hausmeister, der die ganze Aktion koordiniert und der seinen Namen nicht nennen will. Fluchtwege seien im Ernstfall womöglich mit Gegenständen verstellt, obwohl jede Unterkunft doch ausreichend möbliert sei. Die Argumente von Privatsphäre oder Behaglichkeit lässt er nicht gelten. Es sei ja nur eine Übergangsunterbringung – da könne man schon mal auf Komfort verzichten, fügt er an.

Diese Übergangslösung dauert für Mohamed Al Hmadis Familie bereits seit neun Monaten an. Der Familienvater lebt mit Frau und Kind in einem 18 Quadratmeter großen Zimmer, an der Wand steht ein schmales Etagenbett. Die Al Hmadis machen es sich lieber auf dem Schlafsofa gemütlich, hier schlafe auch der Sohn inmitten seiner Eltern viel besser, erklärt Al Hmadi. Er spricht gut Englisch und zeigt ein kleines Schränkchen, in dem die Familie ein paar Lebensmittel aufbewahre. Auch ein Wasserkocher steht darauf. Hier könnten sie sich ab und zu einen Tee kochen, da sie ja keine eigene Küche hätten, sagt Al Hmadi. Er ist entsetzt, sich von diesen Dingen jetzt wieder trennen zu müssen. "Wir wollen uns doch nur ein klein wenig zuhause fühlen, das ist jetzt wie eine Strafe für uns", meint er traurig.

Eine alte Frau aus Afghanistan schläft überhaupt nicht in ihrem Bett. Sie sei es gewohnt, auf der Erde zu schlafen, und brauche daher den Teppich, erklärt Manfred Heckhorn. Er gehört zum ehrenamtlichen Helferkreis und steht der Aktion kritisch gegenüber: "Das Landratsamt will die Wohnungen möglichst leer haben. Ziel dieser Aktion ist es, die Leute hier zu zwingen, mit der Grundausstattung zurechtzukommen. Es wird nicht berücksichtigt, dass die Flüchtlinge es sich in ihrer Notsituation wohnlich machen möchten", sagt Heckhorn.

Dass die Brandschutzmaßnahmen ein vorgeschobener Grund sein könnten, um die anfallenden Entsorgungen der Möbelstücke nach dem Auszug der jeweiligen Bewohner in den Griff zu bekommen, diese Meinung macht sich bei den ehrenamtlichen Helfern schnell breit. Ein Mitarbeiter des Hausmeisters sieht das auch so. Er erzählt, er sei selbst vor Jahren nach Deutschland gekommen und habe damals im Wohnheim auf einer Hängematte geschlafen. Keiner habe es sich damals behaglich gemacht – und wenn man die anfallenden Kosten betrachte, die das dauernde Entsorgen der Möbel mit sich bringe, könne man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Auf die Erwiderung, dass sich seit damals Manches doch zum Glück verbessert habe, blickt der Mann zu Boden.

 

Landratsamt: "Es gibt genaue gesetzliche Vorgaben"

Der Pressesprecher des Bodenseekreises, Robert Schwarz, beantwortet Fragen zum Thema Brandschutz.

Beim Flüchtlingsheim in Goldbach handelt es sich um ein einstöckiges Gebäude aus Holz, ein Fluchtweg wären beispielsweise die Fenster. Inwiefern kann da von mangelndem Brandschutz wegen Teppichen und dergleichen gesprochen werden?

 

Nur weil es ein Holzgebäude ist, wäre es ja geradezu absurd, den Brandschutz zu vernachlässigen. Es gibt genaue gesetzliche Vorgaben betreffend Teppichen, Vorhängen usw. – und die müssen wir umsetzen.

Geht es bei den Maßnahmen nicht auch um Kostenersparnis bezüglich der beim Auszug der Bewohner immer wieder zu entsorgenden Möblierungen?

 

Das ist als Argument nicht von der Hand zu weisen, bei insgesamt rund 100 Auszügen monatlich im Bodenseekreis. Dennoch geht es hier um die Brandschutzmaßnahmen, die wir in aller Konsequenz durchsetzen werden. Denken Sie an mögliche Gefahren, wir übernehmen ja auch im Ernstfall die Verantwortung.

Fragen: Stef Manzini

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