Immer schön beweglich bleiben – in geistiger und körperlicher Hinsicht. So lässt sich das wichtigste Rezept der Fachleute zusammenfassen, um gelassen altern zu können. Dass bei der möglichen Zielgröße die Bildung und die sozialen Umstände eine entscheidende Rolle spielen, wie Gerontologe Andreas Kruse beim Forum des Arbeitskreises Ethik am Helios-Spital im Kursaal betonte, steht auf einem anderen Blatt. Und da schienen die Grundlagen bei den 200 interessierten Zuhörern längst gelegt. Elsie Fickenscher und Christian Kühnl zeigten sich erfreut über den großen Zuspruch der Veranstaltung. Die Beiträge sollten „Mutmachen zum Altwerden“, sagte Medizinerin Fickenscher in ihrer Begrüßung.

Elsie Fickenscher, Ärztin und Mitglied des Ethik-Arbeitskreises: „Der Arbeitskreis Ethik am Helios Spital besteht seit 2007. Mit unseren heutigen Vorträgen wollen wir ihnen Mut machen beim Altern.“
Elsie Fickenscher, Ärztin und Mitglied des Ethik-Arbeitskreises: „Der Arbeitskreis Ethik am Helios Spital besteht seit 2007. Mit unseren heutigen Vorträgen wollen wir ihnen Mut machen beim Altern.“ | Bild: Hanspeter Walter

Nichts hält Theologe Jan Badewien von den Visionen des Harvard-Biologen David Sinclair, der den Alterungsprozess als Summe entzündlicher Reaktionen im Körper interpretiert, ihn als „Mutter aller Krankheiten“ bezeichnet und irgendwann stoppen zu können glaubt. Mit der Endlichkeit des Lebens müsse sich jeder auseinandersetzen. Badewien hält es daher eher mit Albert Schweitzer, der einmal formuliert habe: „Ich bin betagt, aber nicht umnachtet.“

Dr. Jan Badewien, Theologe und Mitglied des Ethik-Arbeitskreises: „Ich halte es lieber mit Albert Schweitzer, der einmal sagte: Ich bin zwar betagt, aber nicht umnachtet.“
Dr. Jan Badewien, Theologe und Mitglied des Ethik-Arbeitskreises: „Ich halte es lieber mit Albert Schweitzer, der einmal sagte: Ich bin zwar betagt, aber nicht umnachtet.“ | Bild: Hanspeter Walter

Dass das Alter keine Schwelle kennt, betonte Gerontologe Andreas Kruse ausdrücklich. Deshalb spreche er lieber vom „Altern“ als einer Form biologischer Veränderung, die schon mit der Geburt beginne. Kruse lässt sich auch nicht gerne fragen, wie alt denn ein Mensch noch werden könne, 120 oder 130 Jahre. Viel entscheidender sei die Frage, wie und und unter welchen Bedingungen er altern könne.

Dr. Marc Riemer, Geriater am Helios-Spital Überlingen: „Die Immobiliät ist oft das Damoklesschwert bei älteren Menschen. Denn der Muskelschwund ist rasant.“
Dr. Marc Riemer, Geriater am Helios-Spital Überlingen: „Die Immobiliät ist oft das Damoklesschwert bei älteren Menschen. Denn der Muskelschwund ist rasant.“ | Bild: Hanspeter Walter

Dramatische Einschnitte sind laut Geriater Marc Riemer Operationen oder Stürze. Sie könnten schnell zu einem Verlust an Beweglichkeit führen. Umso wichtiger sei ein möglichst früher Beginn der Rehabilitation. Riemer erläuterte Tests, ja regelrechte Assessments, mit denen sich die Autonomie eines Menschen überprüfen lassen. Diese seien ebenso notwendig wie eine Überprüfung der Lebenssituation. „Denn oft erzählen uns Menschen ganz andere Dinge, als wir sie später antreffen“, sagt Riemer, nur um ihre Selbstständigkeit nicht aufgeben zu müssen.

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Elegant gab Andreas Kruse seinen Ausführungen eine politische Dimension. Vielen Menschen sähen eine wichtige Befriedigung darin, Botschaften an die nachfolgenden Generationen weiter zu geben. Beispiel dafür seien Holocaust-Überlebende, die dies als Vermächtnis sähen. Deren Bedeutung werde vor dem Hintergrund zunehmender antisemitischer Vorfälle einmal mehr sichtbar. Auch seien Offenheit und Toleranz wichtige Randbedingungen für ein würdevolles Altern.

Prof. Andreas Kruse, Leiter der Gerontologie an der Universität Heidelberg: „Wie alt der Mensch werden kann, interessiert mich weniger. Mir sind die positiven Umstände wichtiger unter denen er altern kann.“
Prof. Andreas Kruse, Leiter der Gerontologie an der Universität Heidelberg: „Wie alt der Mensch werden kann, interessiert mich weniger. Mir sind die positiven Umstände wichtiger unter denen er altern kann.“ | Bild: Hanspeter Walter

Der Arbeitskreis

Der Assessments (AKE) ist ein unabhängiges Gremium, das sich aus Mitarbeitern verschiedenen Berufsgruppen und Arbeitsbereiche aus dem Helios Spital sowie aus externen Ehrenamtlichen zusammensetzt. Im Spannungsfeld zwischen Wünschen und Erwartungen, medizinischen Erfordernissen und wirtschaftlichen Möglichkeiten können ethische Konflikte entstehen. Jenseits rein medizinischer Fragen können solche Konflikte sich an Wertvorstellungen, religiösen Überzeugungen oder unterschiedlichen Bewertungen von Lebensqualität entzünden. Kurzgefasst geht es um die Frage, wie richtig entschieden und in Anbetracht der individuellen Situation des Betroffenen richtig gehandelt werden soll. Der Arbeitskreis Ethik (AKE) am Helios Spital Überlingen will dazu beitragen, dass solche Konflikte thematisiert und überwunden werden.