Kaum blicken die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke, füllt sich die Überlinger Uferpromenade innerhalb kürzester Zeit mit hunderten Menschen. Was die wenigsten von Ihnen wissen: Sie können nur deshalb auf der schönsten Promenade am See flanieren, weil unter ihnen ein Stück der Überlinger Kanalisation verläuft. Ein bisschen Promenade hatte es zwischen Greth und der Schiffsanlegestelle zwar schon vor 100 Jahren gegeben, doch die eigentliche breite Prachtanlage zwischen Seeschulen und Badgarten verdankt die Stadt in erster Linie dem Bau des sogenannten Ufersammlers Anfang der 1970er-Jahre. In ihm werden die Abwässer der Innenstadt und der nördlich und westlich liegenden Stadtteile gesammelt und über das Hebewerk am Mantelhafen weiter in Richtung Kläranlage Uhldingen-Mühlhofen geleitet.

Während der die Promenade das beliebteste Ausflugsziel in ganz Überlingen ist, haben nur wenige Menschen den 485 Meter langen, drei Meter breiten und fünf bis sieben Meter hohen Abwasserkanal von innen gesehen. Nur zweimal im Jahr steigt ein Reinigungstrupp in den Kanal, um diesen von Sand- und Ölablagerungen zu säubern. In der Regel sind vier Mann fünf Tage lang damit beschäftigt. Bevor es in die Tiefe geht, wird der Kanal eine Stunde lang durch ein Gebläse von möglichen giftigen Gasen befreit. Zudem legen die Männer vor jedem Reinigungsgang ein Sicherheitsgeschirr an. "Sollte etwas passieren, kann man uns daran rausziehen", erklärt Dieter Buchner vom Tiefbauamt – er gibt aber sogleich Entwarnung: "Die Gaswarnmelder haben erst einmal angeschlagen." Der Grund dafür sei aber nie geklärt worden.

Tatsächlich ist der Geruch im Inneren nicht unangenehm. "Abwasser stinkt nicht", erklärt Buchner. "Nur wenn das Wasser steht, entstehen Schwefelgase. Dann haben wir ein Problem." Auch die geringe Menge an Abwasser überrascht. Wer das kleine Rinnsal plätschern sieht, kann sich kaum vorstellen, dass nach einem kräftigen Wolkenbruch der ganze fünf Meter hohe Kanal binnen Minuten mit Wasser gefüllt ist. Sein Nutzvolumen beträgt 5000 Kubikmeter. "Eigentlich hätte die Hälfte gereicht", erklärt Helmut Köberlein, Leiter der Abteilung Hoch- und Tiefbau.

 

Ufersammler in Zahlen

485 Meter lang, drei Meter breit, fünf bis sieben Meter hoch und ein Stauvolumen von rund 5000 Kubikmetern  – das sind die nackten Zahlen des Ufersammlers. Der ideelle Wert des Bauwerks ist hingegen deutlich höher einzuschätzen. Die hohen Kosten sorgten aber auch dafür, dass Überlingen neben dem Bauwerk selbst, ein weiterer Höhepunkt von damals erhalten geblieben ist. Nach Fertigstellung des Ufersammlers und der Promenade wollte die Stadt ein Fest feiern. "Doch was macht man, wenn man kein Geld mehr hat? Man beauftragt die Vereine", erzählt Köberlein. Bis heute richten die Überlinger Vereine das Promenadenfest aus – in diesem Jahr vom 21. bis 23. Juli.

 

Den beiden Männern ist die Begeisterung für das Bauwerk deutlich anzumerken, als sie durch den Kanal führen. "Der Ufersammler ist einzigartig", schwärmt Dieter Buchner und Helmut Köberlein spricht von einer "genialen Idee" , durch die Altstadt enorm gewonnen habe. Vor allem lobt er die Weitsichtigkeit der damaligen Stadtplaner und Gemeinderäte. "Wahrscheinlich würde man ihn heute wieder so bauen, wie damals", sagt Köberlein: "Die Frage ist, ob man ihn heute überhaupt noch bauen würde."

Bis heute sei der Bau sehr beeindruckend. "Er ist in einem Superzustand – sowohl innen als auch außen", sagt Buchner. Vor zwei Jahren habe ein Taucher den Beton vom See aus überprüft und keinerlei Risse entdeckt. Das liege auch daran, dass die Mitarbeiter des Tiefbauamts Wände und Boden möglichst schonend reinigten. Dennoch steht in den kommenden Jahren eine Generalsanierung an – die erste seit dem Bau vor mehr als 40 Jahren.