"Fähnle hat von Überlingen fast gar nichts gemalt, noch nicht einmal sein Elternhaus", sagt Anna Barbara Lorenzer, eine versierte Kennerin der Werke des Malers Hans Fähnle. Allerdings gibt es ein Thema, das ihm ganz wichtig war: Lorenzer zufolge sind bisher elf Grafiken und Gemälde bekannt geworden, die die Platanenallee und den Bahnübergang zeigen.

Auf der Staffelei in der Städtischen Fähnle-Galerie steht eines dieser Werke mit dem Motiv Platanenallee. "Es ist ein Zeichen, das Bild wollte er bewahren." Barbara Lorenzer erklärt das Bild und die Zeichen, die sie erkennt. Denn sie ist nicht nur Kennerin, sondern auch Diplom-Restauratorin. Ihr geschulter Blick hat sie sofort erkannt, die übermalte Flickstelle auf dem Gemälde. "Das hat Fähnle selber repariert und dann übermalt", erklärt sie.Es ist nicht das einzige Zeichen, das die Expertin erkennt. Sie findet noch weitere übermalte Löcher und Reparaturstellen. "Das Bild muss ihm wichtig gewesen sein", so ihre Einschätzung. Das Gemälde ist links unten von Fähnle persönlich signiert, auch das ist ein weiterer Hinweis. Denn er hat nicht all seine Werke signiert.

Barbara Lorenzers Blick gilt auch der Rückseite des Gemäldes, das zeigt ein hochformatiges Frauenportrait, aber das war dem Künstler offenbar nicht so wichtig. Also hat er das Bild umgedreht und auf der Rückseite, quasi der neuen Vorderseite, ein querformatiges Landschaftsbild gemalt: Die Platanenallee mit dem Bahnübergang.

Das Bild zeigt einen Blick vom Aussichtspunkt am Ende der Goldbacher Straße über den See in östlicher Richtung. Neben dem See und den Wolken stellen der Bahnübergang und die Platanenallee ein ganz markantes Element in seinen Bildern dar, ebenso wie die Uferkante und der Molassefels. Auch Hannes Ingerfurth ist von dem Gemälde angetan: "Das ist ein ganz erstaunliches Werk!" Der neue Vorsitzende des Fördervereins der Galerie Fähnle weist auf den feinen, ruhigen Hintergrund mit See und Wolken hin, und auf den wilden Vordergrund mit der Vegetation und dem Ufer.

Das Gemälde gehört zur Sammlung der Städtischen Galerie Fähnle. Zwar ist es signiert, aber wie so oft bei Fähnle nicht tituliert. Mit Rahmen misst es 82 mal 84 Zentimeter, gemalt hat es Fähnle mit Ölfarben auf Leinwand. Dass es ein wichtiges Werk ist, ist nichts Neues, es war schon in vielen Ausstellungen zu sehen. Seine wahre Bedeutung wurde Lorenzer und Ingerfurth aber erst jetzt, mit den aktuellen Ereignissen im Zusammenhang mit der geplanten Landesgartenschau, bewusst.

Schließlich soll die Platanenallee demnächst gefällt werden, um Platz für einen Bürgerpark zu schaffen. Zwar hat das Landesdenkmalamt die Allee als Kulturdenkmal festgeschrieben, doch werden derzeit die Einwände der Stadt gegen diese Beurteilung geprüft. Die Allee, die Hans Fähnle so gerne malte, könnte also bald verschwinden.

Hier "eröffnet sich in aller Breite die historische Dimension der Stadt Überlingen", sagt Ingerfurth mit Blick auf das Gemälde und geht in seiner Analyse noch weiter: "Der Tanz der Straße mit der Bahn, die Prunkallee als Stadteingang, die jäh abstürzenden Felsen und das Stollendrama." Das war wohl auch schon für Hans Fähnle ein "zutiefst existenzielles Motiv," wie Ingerfurth sich ausdrückt: "Es hatte Bedeutung für Fähnle, es hat etwas Visionäres."

Seit dem Umzug der Eltern in ihren Überlinger Altersruhesitz in der Goldbacher Straße hatte Fähnle auch dort ein ständiges Atelier. Volker Caesar berichtet in seinem Essay "Lebensstationen nach Briefen" im Fähnle-Katalog, dass Fähnle zwischen Mai 1932 und Ende 1933 beim Hausbau seiner Eltern mithalf. Auch 1934 ist er wieder längere Zeit in Überlingen. Während dieser Aufenthalte sind die meisten Werke der Platanenallee entstanden. Es war die expressiv-realistische Zeit Fähnles.

Am 15. Mai 1938 schrieb Hans Fähnle an seinen älteren Bruder Ernst: "Mir liegt so gar nichts mehr am Abbilden einer idyllischen Landschaft." Die politische Veränderung hat sich auch bei ihm bemerkbar gemacht und zu Veränderungen geführt. Nach Krieg und Gefangenschaft ist Fähnle auch wieder in Überlingen. Und entgegen seinen brieflichen Ausführungen von 1938 malt er auch wieder Landschaften: Er geht an den Aussichtspunkt zurück, von wo aus er schon früher seine Platanenallee-Werke malte. Drei Bilder sind in den 60er Jahren entstanden und zeigen nun eine andere Landschaft: Mit gesprengtem Fels, aufgeschüttetem Campingplatz und in düsteren Farben gehalten.

Die Platanenallee mit dem Bahnübergang war für den Maler Fähne ein wichtiges Motiv, das ihn nahezu sein ganzes Leben lang geprägt hat. Für Hannes Ingerfurth wäre die Vernichtung des "einmaligen Ensembles von historischen Identifikationsmerkmalen (...) die unumkehrbare Tilgung eines Ortes mit hinweisendem Charakter auf erlebbare Vergangenheit". Ingerfurth geht in seiner Aussage noch einen Schritt weiter: "So gesehen können Fähnles Platanenallee-Werke ein Epilog oder ein Triumph sein, ich würde beides nicht ausschließen."

Alle Gemälde Hans Fähnles von der Überlinger Platanenallee im Internet:  www.galerie-fähnle-freunde.de/gemälde/platanenallee 

Hans Fähnle

Der Maler wurde am 12. Juni 1903 in Flein bei Heilbronn geboren. Ab 1922 begann sein künstlerisches Studium an der Kunstgewerbeschule Stuttgart sowie an der Kunstakademie. Über Berlin kam er nach Kassel, dort war er Meisterschüler von Georg Burmester. Ab 1928 folgten seine Wanderjahre mit wechselnden Standorten, ab 1935 wohnte er wieder fest, diesmal in Stuttgart. Er kam nach 1932 oft nach Überlingen, seine Eltern hatten dort ein Haus gebaut. 1941 begann für ihn der Krieg, 1945 kam er aus der Gefangenschaft zurück. In Stuttgart baute er sein Atelier und die Kunstszene wieder. Am 12. März 1968 starb Hans Fähnle in Stuttgart. (dle)