Großartige Stimmen, klangfarbenfreudiges Miniorchester, farbenfrohe Kostüme sowie einfaches, aber wirkungsvolles Bühnenbild: was die "Kleine Oper am See" mit der aufwändigen Inszenierung der Opéra Comique "Carmen" von Georges Bizet auf die Bühne brachte, quittierte das Publikum mit frenetischem Applaus im Stehen und begeisterten Bravo-Rufen.

Wetterbedingt fand die Premiere nicht im Stadtgarten, sondern in der ehemaligen Kapuzinerkirche statt; es hat der Inszenierung keineswegs geschadet. Aus Platz- und gewiss auch Budgetgründen musste allerdings das Orchester auf ein zehnköpfiges Ensemble deutlich schrumpfen, lieferte aber unter der musikalischen Leitung von Jean Bermes solide Orchesterarbeit. Die kammermusikalische Fassung der Oper von Boris Yoffe lieferte klangfarbenfreudige Arrangements und darf als überaus gelungen bezeichnet werden.

Absolut erstklassig waren die Solisten. Die von Bizet für einen Mezzosopran geschriebene Hauptrolle der Carmen schien Isabell Marquardt auf den Leib geschrieben zu sein. Herausragend gut besetzt war der Part des Don Juan mit Costa Latsos, mit überaus überzeugenden stimmlichen Qualitäten. Hervorragend agierte, mit Pfauenfedern ausstaffiert, Christian Backhaus als stolzer Torero Escamillo mit sonorem Bass. Die zweite Basspartie des Leutnants Zuniga füllte Hermann Locher aus, der nicht nur in der hiesigen Region sich einen guten Namen gemacht hat. Gleichermaßen überzeugend war der russische Bariton Stepan Karelin in der Rolle des Sergeanten Morales. Mit klarer Sopranstimme und feinem Timbre sang Nina Schulze in ergreifenden Soli den Part der Micaela; sie erhielt immer wieder spontanen Applaus.

Bezaubernd, mit mimischem Witz und Augenzwinkern, waren Stephanie Ritz als Frasquita sowie Irmke von Schlichting als Mercédès zu hören. Humorvoll gestalteten Béla Bufe und Philipp Lang ihre Rollen als Schmuggler Remendado und Dancairo. Bestens aufgestellt war der Chor der "Kleinen Oper am See" (Leitung: Isabelle Marquardt).

Ein Novum und große Klasse war der Auftritt des Kinderchors der "Kleinen Oper am See", der seinen fröhlichen Part unter der Leitung von Konstantin Wolff einstudiert hatte. Generell herauszuheben ist ferner die Gestik und Mimik der Akteure. Mit weiblichen Reizen wurde, recht naheliegend, in der Inszenierung keineswegs gegeizt. Einfallsreich und farbenfreudig war zudem die Kostümierung und Requisiten. Die Regieeinfälle des Regisseurs Florian Hackspiel, der auch das Libretto verfasste, machten die Handlung kurzweilig. Das Bühnenbild von Thomas Mörschbacher war mit vier Bauzäunen schlicht und doch wirkungsvoll. Die in wechselnden Farben angestrahlten Wände des Kapuziners trugen zur Gesamtwirkung außerordentlich bei.

Carmen wurde in französischer Originalsprache gesungen, was der Authentizität zweifellos guttat, aber den Sängern eine sehr intensive Probenarbeit beschert haben dürfte. Ausnahmen waren die Rezitative, die, ins Deutsche übersetzt, gesprochen wurden. Übrigens: Die Uraufführung von Carmen wurde am 3. März 1875 eher ablehnend rezipiert. Das Überlinger Publikum war hingegen zu Recht begeistert. Chapeau!
 

Die Mitwirkenden

Chor der „Kleinen Oper am See“, Kinderchor der „Kleinen Oper am See“, Orchester der „Kleinen Oper am See“.

Solisten: Christian Backhaus, Béla Bufe, Stepan Karelin, Philipp Lang, Costa Latsos, Hermann Locher, Isabell Marquardt, Stephanie Ritz, Irmke von Schlichting, Nina Schulze.

Regie und Libretto: Florian Hackspiel

Musikalische Leitung: Jean Bermes

Gesamtleitung: Isabell Marquardt