„Nicht schlachten, schneiden!“, rät Erika Roth augenzwinkernd. Die Raumausstatterin aus Owingen hat Vinylplatten mitgebracht, aus denen die Jugendlichen Rauten für ein Harlekinmuster ausschneiden können. Der junge Mann an ihrem Tisch geht mit viel Kraft, aber wenig Geduld ans Werk. Erika Roth hat wie alle Aussteller bei der neunten Berufemesse der Linzgau-Kinder- und Jugendhilfe in Deisendorf ihren Tisch mit Infomaterial aufgebaut. Darauf verkünden zwei orangene Zettel, dass sie Auszubildende und Praktikanten sucht. „Wir sind zum ersten Mal hier“, sagt die Unternehmerin und lobt die Organisation. Einen Anwärter für ein Praktikum hat sie schon und hofft, dass es heute noch mehr werden.

Gut 30 Firmen stellen sich 200 Schülern vor

Für die Organisation der Berufemesse in den Räumen der Janusz-Korczak-Schule ist Eva Hellmann zuständig, Berufsintegrationshelferin bei der Linzgau Kinder- und Jugendhilfe. „Wir haben vor zehn Jahren mit einer Schule angefangen“, erinnert sie sich. „Heute sind es über 30 Firmen und Organisationen als Aussteller und wir erwarten bis zu 200 Schüler.“

Angebot für Jugendliche mit speziellem Förderbedarf

Das Angebot richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene mit speziellem Förderbedarf. Das heißt, die jungen Männer und Frauen, die heute mit ihren Lehrern die Messe besuchen, haben entweder den Abschluss einer Förderschule. Oder sie verließen die Schule ohne Hauptschulabschluss, zum Beispiel, weil sie als Migranten noch Probleme mit der Sprache hatten, und absolvieren gerade ein Berufsvorbereitungsjahr.

Erika Roth demonstriert bei der Messe, welche Aufgaben ein Raumausstatter hat. Einige Besucher empfängt sie mit arabischen Grußformeln, was besonders gut ankommt.
Erika Roth demonstriert bei der Messe, welche Aufgaben ein Raumausstatter hat. Einige Besucher empfängt sie mit arabischen Grußformeln, was besonders gut ankommt. | Bild: Sabine Busse

Firmen schicken Azubis als Ansprechpartner zur Messe

„Im Sinne der Inklusion haben wir erstmals Jugendliche mit Lernbehinderung an der Grenze zur geistigen Behinderung aus Brachenreute zu Gast“, ergänzt Eva Hellmann. Sie freut sich, dass die Handwerker und Dienstleister sich jedes Jahr einfallsreicher präsentieren und ihre Azubis zur Messe schicken. Auf diese Weise lernten die Gäste auf Augenhöhe die Anforderungen und Aufgaben kennen. Die Palette der vorgestellten Berufe reicht von Augenoptiker über Heizungsinstallateur bis zu Fleischer oder Rettungssanitäter.

Fotograf Ruben Seitz begutachtet mit Shirin ihr Foto. Alle Schüler, die sich an mindestens fünf Stationen informierten, bekommen ein Frisurstyling und ein Bewerbungsfoto gratis.
Fotograf Ruben Seitz begutachtet mit Shirin ihr Foto. Alle Schüler, die sich an mindestens fünf Stationen informierten, bekommen ein Frisurstyling und ein Bewerbungsfoto gratis. | Bild: Sabine Busse

Junge Syrer werben für Maurerberuf

Vor dem Plakat mit der Aufschrift Maurer sitzen Hussein und Dara. Die beiden stammen aus Syrien und arbeiten beim Bauunternehmen Fischer in Owingen. Dara ist bereits Geselle und wurde nach der Lehre übernommen. Sein Kollege fing wie er als Praktikant an und ist jetzt Auszubildender im dritten Lehrjahr. Die beiden vertreten heute ihre verhinderte Chefin und erklären den Schülern, worauf es in ihrem Beruf ankommt und dass man einigermaßen wetterfest sein sollte.

Das könnte Sie auch interessieren

Hussein will Bauingenieurwesen studieren

Die beiden haben Spaß an ihrer Arbeit und fühlen sich bei ihrem Arbeitgeber sehr gut aufgehoben. Dara will sich weiterbilden und Polier werden, Hussein hat in Syrien Abitur gemacht und will später Bauingenieurwesen studieren. „Aber vorher muss ich die Sprache noch besser können“, sagt er in perfektem Deutsch.

Familienunternehmen helfen oft auch bei Wohnungssuche und Integration

Das Beispiel der Firma Fischer ist für Ewald Wasner typisch für die Integrationskraft des Handwerks. „Bei uns ist nicht wichtig, wo man herkommt, sondern wo man hin will“, sagt der Willkommenslotse der Handwerkskammer Ulm. Gerade die Familienunternehmen gäben jungen Flüchtlingen nicht nur Arbeit, sondern helfen meistens noch bei der Wohnungssuche und nehmen sie mit in den Sportverein. „Wir haben einen Fachkräftemangel und sehen die Migranten als Chance!“

Sheriff lernt beim Pestalozzi-Kinder- und Jugend-Dorf den Schreinerberuf. Die ausgestellten Möbel hat er selbst gefertigt und plant gerade sein Gesellenstück.
Sheriff lernt beim Pestalozzi-Kinder- und Jugend-Dorf den Schreinerberuf. Die ausgestellten Möbel hat er selbst gefertigt und plant gerade sein Gesellenstück. | Bild: Sabine Busse

Sheriff lernt Beruf des Schreiners

Welches Potenzial hinter dieser Aussage steht, demonstriert nebenan Sheriff, der vor fünf Jahren aus Gambia nach Deutschland kam. Er informiert über den Beruf des Schreiners und hat Beispiele seiner Arbeit mitgebracht. Der Hocker mit der gebogenen Sitzfläche ist mit Liebe zum Detail gearbeitet. Sein ganzer Stolz aber ist das verwinkelte Schränkchen, das er im zweiten Lehrjahr gefertigt hat. Wenn Sheriff seine Ausbildung im Pestalozzi-Kinder- und Jugenddorf im nächsten Jahr abgeschlossen hat, will er den Beruf vor allem nutzen, um Geld zu verdienen. In Gambia verlor er früh seine Eltern und hatte eine sehr schwere Zeit, weil Waisen dort als Unheilbringer gelten. „Ich will mit dem Geld in meiner Heimat Waisenkindern helfen. Kinder sind unschuldig und können nichts dafür!“