Überlingen – Der 27. Januar ist Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Es ist das Mindeste, was für die Opfer getan werden kann: Das Erinnern an Taten und an die Täter wach zu halten. Dieser Beitrag stellt zwei Täter in den Mittelpunkt, die beide einen Bezug zu Überlingen haben: Georg Grünberg, Lagerleiter in der KZ-Außenstelle Aufkirch. Und der in Überlingen geborene Massenmörder Julius Viel. Grünberg kam als "Mitläufer" davon, Viel wurde erst ganz am Ende seines Lebens, 2001, verurteilt. Beide werden in der Buchreihe "Täter Helfer Trittbrettfahrer" genannt, ihr sind Informationen zu diesem Beitrag entnommen.

Karl Friedrich Schuler

Zu den zig Millionen Opfern zählt Karl Friedrich Schuler, 1912 in Mannheim geboren. Als politischer Häftling kam Schuler ins KZ Dachau, später ins KZ Überlingen-Aufkirch, wo er im Oktober 1943 zum Aushub des Goldbacher Stollens zwangsverpflichtet war. Er verliebte sich in eine Ukrainerin, die in einem anderen Teil des Lagers eingesperrt war. Sie verständigten sich verbotenerweise per Brief. Einmal steckte er einen Brief in einen ausgehöhlten Apfel, den er auf ihre Seite des Zaunes warf. Der Brief zeugt von Liebe, Sehnsucht nach Freiheit und Hass auf die Täter. "Kind, der Tag ist nicht mehr weit, vertraue mir und warte auf mich." Der Apfel wurde entdeckt.

Georg Grünberg

Georg Grünberg, 1906 in Freiburg/Elbe geboren, war Führer einer Ausbildungskompanie in Auschwitz, wo von 1940 bis 45 zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen ermordet wurden. Beim Auschwitzprozess 1962 war Grünberg nur als Zeuge geladen. "Es fällt mir jetzt auch wieder ein, dass man im Bereich Auschwitz den Geruch von der Leichenverbrennung wahrnehmen konnte", sagte er aus. Von September 1943 bis 1945 war er Kommandoführer mehrer Dachauer Außenkommandos am Bodensee. Allein im Lager Überlingen war er für den Tod von 243 Häftlingen verantwortlich. Viele verhungerten, starben unter der unmenschlichen Arbeit im Stollen, an Krankheiten, an Arbeitsunfällen, nach Misshandlungen durch die Wärter. Lagerleiter Grünberg galt unter den Häftlingen als brutal. Sogar innerhalb der Waffen SS wurde ihm bescheinigt, eine "Strebernatur" zu sein.

Gefangener 932, Nazi 690.386

Karl Friedrich Schuler trug die Gefangenen-Nummer 932. Georg Grünberg die frühe NSDAP-Mitgliedsnummer 690.386. Die beiden Männer begegneten sich im November 1943. Grünberg verhörte Karl Friedrich Schuler wegen des im Apfel versteckten Liebesbriefs. Er urteilte gnadenlos, er verhängte 20 Stockhiebe gegen Schuler, außerdem versetzte er ihn ins KZ Buchenwald.

Gastwirt an der Elbe

Nach dem Krieg ließ sich Grünberg von seiner Familie in Norddeutschland verstecken. Als er sich sicher genug fühlte, führte er seine 1932 in Wischhafen/Elbe gegründete Gastwirtschaft fort. Er hat vier Söhne, die Gaststätte besteht bis heute. Grünberg starb 1976. Er wurde für seine Taten nie zur Rechenschaft gezogen. Bei der Entnazifizierung im Jahr 1950 stufte man ihn als "Mitläufer" ein.

Bild: Kugelberg-Verlag

"Täter Helfer Trittbrettfahrer"

Der Überlinger Historiker Oswald Burger hat das Leben Grünbergs recherchiert. Zuletzt publizierte er in der von Wolfgang Proske herausgegebenen Buchreihe "Täter Helfer Trittbrettfahrer". Proskes Ziel und das seiner über 100 Autoren aus ganz Baden-Württemberg ist es, Täterforschung zu betreiben. Grünberg kam juristisch als "Mitläufer" davon. Doch ist es nach Proskes Überzeugung gerade die große Masse an Mitläufern, die die hohe Akzeptanz des Nazi-Regimes im Dritten Reich geschaffen hat. "Ohne (das Wissen über) die Helfershelfer und Trittbrettfahrer kann der Nationalsozialismus in seiner ganzen Breite nicht angemessen verstanden werden."

Julius Viel

Eine andere Tätergeschichte handelt von Julius Viel. Er kam in Überlingen im Februar 1918 zur Welt. Viel machte Karriere in der Waffen-SS. In den letzten Kriegstagen 1945 erschoss er sieben jüdische Gefangene. Nach dem Krieg arbeitete Viel als Zeitungsredakteur im Schwarzwald und im Allgäu, er schrieb Wanderführer und engagierte sich ehrenamtlich, 1983 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Erst 2001 konnte ihm am Landgericht Ravensburg der Mordprozess gemacht werden. Er wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt, 2002 starb er in Wangen im Allgäu.

Simon Wiesenthal

Der Ravensburger Historiker Wolf-Ulrich Strittmatter schreibt in "Täter Helfer Trittbrettfahrer" über Viel. Demnach kamen die Ermittlungen gegen Viel 1998 nach einem Hinweis Simon Wiesenthals, Gründer der Dokumentationszentren Linz und Wien, ins Rollen. Viel hat die gegen ihn erhobenen Vorwürfe komplett bestritten. Dass diesmal eine Verurteilung möglich wurde, ist der Lebensbeichte des Adalbert Lallier zu verdanken. Lallier wurde 1925 im Banat, Donauschwaben, geboren. Er war Mitglied der Waffen-SS, in Viels Division zwischen Theresienstadt und Leitmeritz eingesetzt. Als Viel aus einer Laune heraus sieben Häftlinge erschoss, stand Lallier als Zeuge dabei. Er und seine Kameraden wurden auf den Treueeid der Waffen-SS eingeschworen. An diese Schweigeverpflichtung, die bis zum Tod gelte, fühlte sich zunächst auch Lallier gebunden. Fast 50 Jahre lang. 2001 brach er es endlich. "Zur Verwirklichung der Gerechtigkeit."

"Täter Helfer Trittbrettfahrer" / NS-Belastete aus dem Süden des heutigen Baden-Württemberg, 2018, Kugelberg-Verlag, Herausgeber Wolfgang Proske, Autoren u. a. Oswald Burger und Wolf-Ulrich Strittmatter