Sie tragen die Begriffe Bürgerbeteiligung und Umweltschutz im Parteinamen der LBU, nun möchten sie einen neuen Bürgerentscheid vermeiden und über 100 Bäume fällen, ist das nicht ein eklatanter Widerspruch?

„Es ist für mich sehr beglückend, diesen scheinbaren Widerspruch erklären zu dürfen. 1895 haben wir Überlinger an diesem Gelände massiv eingegriffen. Für die bedeutendste Straße am See, die damalige Reichsstraße 31 und das Bahnhofsgelände. Es war damals in europäischen Metropolen auch modern, Alleen mit Kopfplatanen zu besäumen. So segensreich und wichtig dieses Gebiet damals auch war, die Welt hat sich gewaltig geändert. 2016 kommen schon lange keine Güter mehr mit der Bahn und wir haben uns entschieden: Wir wollen wieder runter an den See. Wir können nicht vier Meter über dem See und gleichzeitig unten am See sein. Natürlich sind Bäume Lebewesen, aber gerade das Leben erneuert sich ständig. Bäume kann man neu pflanzen und wir pflanzen doppelt so viele Bäume, wie wir fällen. Wir verwandeln rund 1,3 Prozent unserer Stadtfläche in einen zauberhaften, offenen Raum unten am Wasser zum spielen, genießen, zum Erholen. Jede Verwandlung hat die Notwendigkeit zum Eingriff voraus, ohne diese wären wir noch Höhlenmenschen“.

Über 3000 Menschen wollen laut BÜB die Bäume erhalten. Bedeutet das für Sie als Demeter-Landwirt nicht Nachhaltigkeit?

„Ich sage es nochmal, ich wertschätze Bäume, aber ich sitze an einem Holztisch, gehe auf einem Holzfussboden und schlafe unter einer Holzdecke. Bäume sind für mich keine Heiligtümer. Als Stadtrat kommt es mir vor allem darauf an, glaubhaft zu sein. Wir, das sind wir Überlinger Bürger, haben uns bereits entschieden. Der Bürgerwille steht für mich weit über dem des Stadtrates.

50 Prozent der damaligen Entwürfe sahen eine Terrasse oberhalb der Mauer vor. Wir haben uns aber für den freien Zugang zum Ufer entschieden. Wenn wir jetzt die Anfangsfrage wieder aufwerfen, zerstören wir alles wieder. Wie oft wollen sie uns Bürger befragen? Jetzt wieder und dann, wenn es manchen so nicht gefällt, wieder und so weiter. Dann kommt einer und sagt: Ich möchte meinen Schatten behalten. Wir sitzen im Schatten, den unsere Großeltern geschaffen haben und pflanzen jetzt den Schatten für unsere Kinder. Das nenne ich Nachhaltigkeit. Es ist nach 120 Jahren höchste Zeit, mal wieder einzugreifen“.

Der Eingriff bedeutet jedoch auch die historische Sandsteinmauer zu zerstören, damit haben sie kein Problem?

„Nein. Nicht wenn es uns gelingt auch hier eine Verwandlung herbeizuführen. Die Mauer diente dem Zweck zur Uferabsicherung der Bahnhofstraße. Geben wir ihr doch eine neue Funktion. Ich habe Gespräche mit der höchsten Genehmigungsstelle des Regierungspräsidiums Tübingen geführt. Wir dürfen alle intakten Mauersteine in die Gestaltung des Uferparks integrieren. Vorstellbar wäre in den Terrassenstufen oder auch zur Aufweitung der Stufen. So bliebe die Mauer in einer neuen Bestimmung erhalten. So können wir unsere Mauer endlich mal erleben, das wäre eine Form der Nachhaltigkeit“.

Sie werden wie Eingangs bereits erwähnt für ihre Haltung sehr angegriffen, stört sie das?

„Natürlich wäre es mir anders lieber. Aber da sind wir beim Thema Wahrhaftigkeit, genauso wichtig wie Nachhaltigkeit, finde ich. So wichtig es für jede Erneuerung in unserer Stadt ist dass wir uns am Anfang äußern und beteiligen so wichtig ist es wenn wir unser Wort gegeben haben das auch zu halten“.

Fragen: Stef Manzini

Zur Person

Walter Sorms, Jahrgang 1959, ist gelernter Landwirt. Der Vater von vier Kindern trägt seit über 30 Jahren die Verantwortung auf dem Demeter Hofgut Rengoldshausen mit. Sorms ist seit 2009 für die LBU/die Grünen Mitglied des Überlinger Stadtrats. Sorms sprach sich für den Uferpark der LGS und für ein neues Pflanzenhaus an der Uferpromenade neben der LGS Geschäftsstelle aus.