Für Ende Mai/Anfang Juni plant das Regierungspräsidium die Eröffnung der neuen B 31, ein Festakt ist nicht vorgesehen. Den Anwohnern in der Owinger Straße ist 'eh nicht nach Feiern zumute. Denn sie sehen gedanklich bereits eine noch größere Blechlawine an ihren Haustüren vorbeirollen, weil man dank der neuen Verkehrsführung die Owinger Straße in Zukunft noch bequemer als Einfallstraße Richtung Innenstadt nutzen kann. Darauf wies Joachim Betten, Vorsitzender im Verein Bürgersinn, Oberbürgermeister Jan Zeitler in einem offenen Brief hin und fragte nach den Konsequenzen. Zeitler teilt die Bedenken nicht, die Wegweisung erfolge auch künftig über die Lippertsreuter Straße.

Monika Denkinger, Mutter, wohnhaft in der Owinger Straße, ist der Auffassung, dass die Straße "für so viel Verkehr nicht ausgelegt ist". Sie und ihre Nachbarn erwarteten von der Stadt ein Verkehrskonzept, "das den Verkehr auf den Einfahrtsstraßen gerecht verteilt". Gegenwärtig und künftig noch viel mehr sei die Owinger Straße über Gebühr belastet. Denkinger erinnert daran, dass es sich um ein Wohngebiet handelt, das weiter wächst, in dem Tempo 30 gilt, während ein durchgängiger Gehweg bis zur Wiestorschule fehlt. Die Autofahrer würden sich kaum an die Tempovorschriften halten, die Kinder könnten vor der eigenen Haustüre nicht spielen, nicht mit dem Fahrrad zur Schule und schon gar nicht zu Fuß. Sie hätten der Stadt vorgeschlagen, durch bauliche Maßnahmen das Tempo zu reduzieren, "wir merken hier aber wenig Initiative von der Stadt". Ihre Nachbarin Kerstin Tittel sagt: „Uns wurde die Straße vor zehn Jahren vom Bauträger als Paradies für junge Familien angepriesen. Es wurde ein durchgehender Gehweg in die Stadt zugesagt und Geschwindigkeitsbegrenzungen, die in einem Neubaugebiet passend sind.“ Es sei damals nicht davon die Rede gewesen, "dass diese Straße zehn Jahre später als Einfallstraße/B 31 Zubringer genutzt werden soll." Eine von der Nachbarschaft organisierte Bürgerinitiative habe "rein garnichts erreicht".

Zufahrt nach Überlingen: Vorgesehen über die Lippertsreuter Straße, über die Owinger Straße aber auch möglich und künftig noch viel bequemer als bisher.
Zufahrt nach Überlingen: Vorgesehen über die Lippertsreuter Straße, über die Owinger Straße aber auch möglich und künftig noch viel bequemer als bisher. | Bild: Aldo Gora

In einem offenen Brief an OB Jan Zeitler macht sich der Verein Bürgersinn für die Interessen der Anwohner stark. Vorsitzender Joachim Betten schreibt, dass seit Jahren das Thema Verkehrssicherheit, speziell für Schulkinder, im Bereich des Verkehrsknotens Owinger Straße/Hägerstraße/Alte Owinger Straße auf der Agenda stehe. Es seien zwar Baken aufgestellt worden, die ständig versetzt würden. Doch zum Überqueren des Knotens bei der erwartbaren Verkehrsmenge reichten diese Maßnahmen nicht aus. Betten an Zeitler: "Wir fordern Sie auf, noch rechtzeitig vor der Inbetriebnahme der B 31 neu für Ihren Verantwortungsbereich das Notwendige zu veranlassen."

Dass die Verkehrsmenge in der Owinger Straße steigt, macht Betten an zwei Punkten fest: Erstens führe die Landesstraße aus Owingen künftig in direkter Linie über zwei Kreisverkehre in die Owinger Straße. Zweitens sei die Ausfahrt an der neuen B 31 bei Kogenbach so gut ausgebaut, dass Autofahrer mit Ortskenntnis, oder vom Navi geleitet, weniger die Lippertsreuter Straße und zunehmend die Owinger Straße als Zufahrt zur Stadt nutzen. Schon im Planfesstellungsbeschluss von 2009 sei festgehalten, dass "für den gesamten Bereich der Owinger Straße eine erhebliche Erhöhung des Lärmpegels bis zu fünf Dezibel nachts" zu erwarten sei. Betten, der bis 2009 als Straßenplaner beim RP Tübingen beschäftigt war, rechnet um: "Wenn drei Dezibel bereits eine Verdoppelung der Verkehrsmenge bedeutet, dann wird man mit der drei- bis vierfachen Verkehrsmenge gegenüber dem ursprünglichen Zustand rechnen müssen."

OB Jan Zeitler teilt die Bedenken nicht. Sobald die B 31 neu in Betrieb ist, erfolge die Wegweisung auf der Landesstraße von Owingen nach Überlingen nicht über die Owinger Straße, sondern über die B 31 neu und weiterführend über die Lippertsreuter Straße. Bisher schon sei die Owinger Straße in den Navigationsgeräten angegeben worden, ein erhöhtes Verkehrsaufkommen in den letzten Monaten sei der Bauphase geschuldet gewesen. Die Schulwegführung erfolge über die Barbelstraße, betont Zeitler und stellt in Aussicht, dass "in der Planung der zukünftigen Owinger Straße ein kombinierter Geh- und Radweg enthalten" sei. Außerdem verspricht er: "Wir werden die Baken befestigen, so dass sie nicht mehr versetzt werden können."

Weiterhin via Aufkirch

Ziel der neuen B 31 war es, Aufkirch vom Verkehr zu entlasten. Bisher gab es eine Aufteilung des Verkehrs auf der B31 ab der Tierheimkreuzung: Die nach Osten fahrenden Autos wurden über Aufkirch gelenkt. Das bleibt fürs Erste auch so. Wie das RP Tübingen auf Anfrage mitteilte, werde die Richtungstrennung erst aufgehoben, wenn der Anschluss am Burgberg fertiggestellt ist, voraussichtlich Ende 2019.

 

Eröffnung früher und heute

Dass er die Eröffnung der neuen B 31 noch erleben darf, war für Stadtrat Uli Krezdorn nicht selbstverständlich. Für ihn ist es ein Festtag, wenn in den nächsten Wochen die neue Umgehung von Überlingen eröffnet wird (zumindest der Abschnitt zwischen Tierheimkreuzung und Burgberg). Mit Blick auf die Landesgartenschau 2020 hatte die frühere Oberbürgermeisterin Sabine Becker für den Neubau geworben; als der Bund im Juli 2015 32 Millionen Euro für den Bau frei gab, sprach sie von einer "Jahrhundertnachricht". Während der symbolische erste Spatenstich im Frühjahr 2016 mit den Bürgern gefeiert wurde, steht jetzt keine Feier an, wie das RP Tübingen mitteilt. Krezdorn hatte neulich im Gemeinderat nachgefragt und auch von der Stadt eine Absage erhalten. Er rief in diesem Zusammenhang ins Gedächtnis, wie 1967 bei der Eröffnung der heutigen alten B 31 gefeiert wurde: Mit Lampionumzug, Stadtkapelle und Böllerschüssen.

So berichtete der SÜDKURIER am 22. September 1967.
So berichtete der SÜDKURIER am 22. September 1967. | Bild: SK