Die 31 Waldrappe in Hödingen sind inzwischen voll im Training. Für ihren Zug über die Alpen haben sie schon allerlei Trainingsflüge in die Umgebung absolviert. Unter anderem nach Heiligenberg und Stahringen in der Nähe von Radolfzell. Begleitet werden sie von ihren Ziehmüttern, die dabei in Ultraleichtfluggeräten sitzen. Johannes Fritz, Biologe und Waldrapp-Team-Leiter, berichtet, dass die Koordination zwischen den Piloten und den Vögeln noch etwas besser werden muss. Ab etwa dem 15. August ist ein gemeinsamer Start in Richtung Süden geplant. Das ist der frühestens mögliche Termin für die große Reise in die Toskana. "Mit Anfang August kommen die Waldrappe in einen Zustand der Zugbereitschaft", erklärt Fritz. Körpereigene Prozesse der Tiere kommen in Gang, ein bestimmtes Hormon wird ausgeschüttet. 

Trainingscamp für junge Waldrappe in Überlingen-Hödingen: Das Bild in der für Besucher nicht zugänglichen Voliere hat Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg mit der Kamera von Fotograf Jürgen Gundelsweiler gemacht. Entstanden ist es schon vor einigen Wochen.
Trainingscamp für junge Waldrappe in Überlingen-Hödingen: Das Bild in der für Besucher nicht zugänglichen Voliere hat Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg mit der Kamera von Fotograf Jürgen Gundelsweiler gemacht. | Bild: Jürgen Gundelsweiler

Waldrapp Hodor wird immer noch vermisst

Waldrapp Hodor wird nach einem Trainingsflug immer noch vermisst. "Der wird tot sein", sagt Biologe Fritz. Ein weiterer Vogel hatte sich einen Flügel gebrochen und befindet sich in der Veterinärmedizinischen Universität in Wien. "Die Heilung verläuft nicht so rasch wie erhofft", so Fritz. Deshalb besteht die Gruppe nicht mehr aus 33, sondern nur noch aus 31 Waldrappen. Die seien aber alle in guter körperlicher Verfassung: "Es ist eine prächtige Gruppe von 31 Waldrappen", sagt Fritz. Zum gemeinsamen Fliegen hätten sich die Vögel allerdings etwas bitten lassen. "Sie sind längere Zeit nicht mit dem Fluggerät geflogen", verrät Fritz. Die Waldrappe müssen verstehen, dass die Ziehmütter mit in den doppelsitzigen Motorschirm-Trikes sitzen und sich von ihnen führen lassen. Zunächst hat das nur mit einer Gruppe von sieben Waldrappen geklappt. Erst danach flogen alle mit und bei der Alpenüberquerung wird dann Formation geflogen. 

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Nicht immer nur Ziehmütter

In der Vergangenheit hat es auch immer mal wieder Ziehväter gegeben. Doch im Schnitt sei die Erfahrung mit Ziehmüttern nachhaltiger, erklärt Fritz. Frauen bringen dem Experten zufolge durchschnittlich eine größere Bereitschaft mit, sich auf die Waldrappe einzulassen. Generell müssen die Mitglieder des Waldrapp-Teams professionelle Artenschützer sein. Denn egal ob bei der Aufzucht oder im Gelände: Die Arbeit mit den Vögeln ist intensiv. So gehört es beispielsweise dazu, dass Verluste zu verkraften sind. Die Team-Mitglieder müssen es aushalten können, dass Waldrappe sterben, um die sie sich wochenlang liebevoll gekümmert haben.

Die Waldrappe, die 2017 in Hödingen großgezogen wurden, befinden sich nach wie vor im WWF-Winterquartier in Laguna di Orbetello, oder sind verstreut über Norditalien. "Wir wissen von jedem Vogel jeden Tag, wo er ist", sagt Fritz. Die Waldrappe tragen GPS-Sender. Im Herbst kehren sie ins Winterquartier zurück, falls sie es verlassen hatten. Möglicherweise finden einige der Waldrappe sogar schon 2019 nach Überlingen zurück. Geschlechtsreif seien sie dann aber noch nicht, erklärt Fritz. Erst 2020 wird gebrütet.

Hoffnung auf zweite Förderungsphase

Im Juni dieses Jahres hat das Waldrapp-Team den Antrag für eine weitere EU-Förderung eingereicht. In einer ersten Phase wird das Waldrapp-Projekt "Reason for Hope" (Grund zur Hoffnung) bereits bis 2020 gefördert. Fritz sagt, dass das Life-Programm dem Projekt erst die Grundlage gegeben habe. Nun hoffen die Wissenschaftler auf eine zweite Förderungsphase ab 2020. Denn im Jahr 2019 gibt es noch keine selbstständig überlebende Population. "Die Waldrappe würden innerhalb kurzer Zeit wieder verschwinden", so Fritz. Es wäre nicht im Interesse der Europäischen Gemeinschaft, "dass wir da hängen bleiben". Davon ist der Biologe überzeugt. Seit Ende der 90er Jahre beschäftigt sich Fritz mit dem Waldrapp.

Damals arbeitete er in der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle Grünau in Oberösterreich und forschte eigentlich zu Graugänsen. Doch die Waldrappe, die regelmäßig im August ziellos losflogen, faszinierten ihn, und er fragte sich, ob sie wohl einem Ultraleichtfluggerät folgen würden. In dieser Idee, die er auch mit Kollegen weiterentwickelte, liegen die Anfänge des heutigen Projekts. Ab Anfang der 2000er Jahre widmete er sich dann vornehmlich dem Waldrapp. Um mit den Tieren fliegen zu können, machte er einen Pilotenschein. "Seitdem fliege ich im Rahmen des Projekts. Wenn keine Vögel dabei sind, fehlt mir was", sagt er.