Mit 80 Jahren ist Bernhard Bueb immer noch begeisterter Pädagoge. Er diskutiert mit ehemaligen Kollegen über die Einheit von Bildung und Erziehung, macht sich Gedanken um die Lehrerbildung der Zukunft und engagiert sich als Beirat der Freien Schule Anne Sophie für eine Ganztagsschule, die Kindern neben Unterricht auch Lebensraum bildet. "Ich war neulich in der Schule in Berlin, da herrscht ein buntes Leben und die Lehrer sind glücklich", sagt er.

Unterscheidung zwischen Bildung und Erziehung aufheben

Bueb war lange Schulleiter der Internatsschule Schloss Salem. "Schon als junger Lehrer habe ich darunter gelitten, dass in Deutschland eine Unterscheidung zwischen Erziehung und Bildung gemacht wird", sagt er. Im Englischen gibt es dafür nur ein Wort: education. Und so seien die britischen Internate sein Vorbild. "Die Lehrer sind hier auch Erzieher, sie erleben die Kinder morgens im Unterricht und nachmittags beim Sport oder im Theater." In dieser Weise prägte er auch das Internat Salem. "Wenn Altschüler von Salem aus ihrer Schulzeit erzählen, steht immer das Internat im Vordergrund, da tobte das Leben", sagt er.

"Ziel muss sein, aus Disziplin Selbstdisziplin werden zu lassen"

Seine Erfahrungen als Lehrer fasste Bernhard Bueb vor zwölf Jahren in dem Buch "Lob der Disziplin" zusammen. Seine These: "Bildungsnotstand und Erziehungsnotstand gehören zusammen." Er verlangte mehr Mut und Engagement bei der Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Erwachsene sollten ihnen durch äußere Ordnung zu innerer zu verhelfen, statt auf ihre Einsicht zu hoffen. Nur so hätten Kinder die Chance, aus ihren Begabungen auch Leistungen wachsen zu sehen. "Das Ziel muss immer sein, aus Disziplin Selbstdisziplin werden zu lassen. Aber das machen Kinder nicht, indem man sie belehrt. Das müssen sie einüben", sagt Bueb. Dazu gehörten die sogenannten Sekundärtugenden wie Ordnung, Pünktlichkeit, Fleiß und Anstrengungsbereitschaft.

"Mensch von Natur aus nicht diszipliniert"

Seine Ausführungen betreibt er nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern beschreibt sie als Einsicht aus eigenen Fehlern: "Ich war ja selbst 68er und Kind meiner Zeit", sagt er mit einem Schmunzeln. Er erzählt, wie er für den Geschichtsunterricht Konzepte für selbstbestimmtes Lernen mitentwarf. Das Ergebnis: Die beteiligten Lehrer und die ohnehin engagierten Schüler arbeiteten voller Tatendrang, der Rest entspannte genüsslich. Oder wie er einem Schüler für deutsche Prüfungen immer wieder Ausnahmen gewährte, wegen Kopfschmerzen oder Problemen. Er beobachtete dann, dass derselbe Schüler für das internationale Baccalaureate, das internationale Abitur, fleißig lernte und keinen Termin versäumte. Oder wie seine Familie auf Drängen der Töchter einen Hund anschaffte und sich ernsthaft über die Arbeitsteilung bei Pflege, Fütterung und Ausführen verständigte – und nach einem halben Jahr seine Frau alles allein machte. Sein Fazit: "Der Mensch ist von Natur aus nicht diszipliniert. Disziplin ist aber die Grundlage für Erfolg."

Plädoyer für Ganztagsschulen und Erlebnispädagogik

In der Rückschau würde er manches in seinem Bestseller anders schreiben, das Pädagogische mehr in den Vordergrund stellen etwa. "Ich habe einige Vokabeln etwas provokativ verwendet. 'Gehorsam' etwa ist in Deutschland verbraucht." Seine Gegner warfen ihm vor, rückwärtsgewandt und autoritär zu argumentieren. Sein Plädoyer für Ganztagsschulen, für Erlebnispädagogik und die Gleichwertigkeit von akademischer und anderer Bildung übersahen viele.

Viele Eltern haben sich bei ihm bedankt

Grundsätzlich ist Bueb mit der Wirkung seiner Streitschrift zufrieden. "Sie kam wohl zur richtigen Zeit, zehn Jahre vorher hätte man sie mir noch um die Ohren gehauen." Viele Eltern hätten sich bei ihm bedankt. Erst vor einigen Tagen bekam er einen Brief von einer erleichterten Mutter aus Konstanz. Weitere Schriften erschienen, die vor kleinen Tyrannen warnten oder die Methoden sogenannter Tigermütter vorstellten. "Es hat sich vieles gewandelt seitdem", sagt Bueb. Grenzen setzen, Regelverstöße ahnden und Leistung einfordern sei wieder angesagt. Seit dem Investitionsprogramm der Bundesregierung gebe es mehr Ganztagsschulen.

Ganztagsschulen: keine Einheit von Bildung und Erziehung

Aber noch ist vieles nicht in seinem Sinn. Schon für die Jüngsten müssten Ganztagskindertagesstätten zur Verfügung stehen. "Das ist der einzige Weg, an Bildungsverlierer heranzukommen." Auch die Ganztagsschulen entsprechen nicht seinem Ideal der Einheit von Bildung und Erziehung. "50 Prozent der Schule muss Spiel sein: Sport, Theater, Musik, Rausgehen in die Natur. Ein Lehrer, der seinen Schüler morgens als lernfaul erlebt, muss die Chance haben, ihn als großartigen Handballer kennenzulernen." Die Lehrer seien überhaupt in allen Bildungsreformen kurz gekommen. "Es kommt nicht darauf an, welches Schulsystem wir haben, sondern was der Lehrer daraus macht." Weiterbildungsmöglichkeiten, Coachings und Evaluationen sollten Lehrer stärken. Dafür will er weiter streiten.