Plötzlich war es ein paar Sekunden lang zu hören – ein Nichts. Kein Auto, kein Lkw. Nichts. Berthold Grundler steht im Garten seines Hauses, in Überlingen-Aufkirch. Es ist von Hecken zur B 31 abgeschottet. „Den Lärm haben die Hecken nicht reduziert, aber wenigstens waren wir optisch geschützt.“ Und gestern, nach Eröffnung der neuen B 31, war erstmals wieder Stille zu hören, seit 24 Jahren zum ersten Mal, wie Berthold Grundler sagt.

Diesen schönen Blick kennt jeder, der bislang entlang des Bodensees über die B 31 fuhr. Er bot sich einem in Überlingen-Aufkirch. Weil hier jeder durch musste, war der Ort bislang sehr vom Lärm geplagt.
Diesen schönen Blick kennt jeder, der bislang entlang des Bodensees über die B 31 fuhr. Er bot sich einem in Überlingen-Aufkirch. Weil hier jeder durch musste, war der Ort bislang sehr vom Lärm geplagt. | Bild: Gundelsweiler Jürgen

1995 wurde die Trasse der B 31 zwischen Stockach und Überlingen eröffnet. Seit 24 Jahren rollte der Verkehr durch Aufkirch, an Grundlers Fachwerkhaus vorbei, über die Serpentinen zum Krankenhauskreisel, und ab hier auf der alten B 31 bis zum Burgberg. Grundler und andere Anwohner hatten in den 90-er Jahren auf juristischem Wege gegen diese Verkehrsführung gekämpft, erfolglos. Der damalige Verkehrsminister Hermann Schaufler versprach ihnen zum Trost, dass zeitgleich der weitere Abschnitt gebaut würde – die Durchfahrt von der Tierheimkreuzung bis zum Burgberg. Einem Zeitungsbericht, entstanden bei einem Besuch Schauflers 1994 in Stockach, war dessen Ankündigung zu entnehmen, wonach der zweite Abschnitt bis Ende der 90-er Jahre fertig sein sollte.

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Nun haben wir das Jahr 2019, also 20 Jahre später, endlich wurde dieser zweite Abschnitt fertig. Eröffnung war gestern. Doch ist Aufkirch damit vom Lärm befreit?

Berthold Grundler und seine Frau Erika sind sich nicht so ganz einig. Er nimmt den Moment wahr, in dem es für ein paar Sekunden absolut ruhig ist und er genießt – in Stille. „Seit 25 Jahren habe ich das nicht mehr erlebt.“ Sie wiederum hört, dass es nach wie vor teils unerträglich lärmt. Ein Gespräch in normaler Lautstärke ist unmöglich. Genießerich sieht ihr Blick da nicht aus. „An Autos und an ihr gleichmäßiges Rauschen könnte man sich ja gewöhnen“, sagt sie verärgert, „aber nie an Lkws. Jeder klingt anders, der eine scheppert, der andere brummt, der nächste quietscht.“

Aufkirch, wie man es liebt: Blick über den Kirchturm hinweg aufs Alpenmassiv.
Aufkirch, wie man es liebt: Blick über den Kirchturm hinweg aufs Alpenmassiv. | Bild: Hilser, Stefan

Die Grundlers sehnen den Moment herbei, in dem sie nachts auch mal ein Fenster öffnen können. „Dann feiern wir ein Straßenfest“, sagt Erika Grundler. So richtig dran glauben kann sie offenbar noch nicht.

Überqueren mit Traktor wieder leicht möglich

Beate Schey-Sauter wuchs ebenfalls in Aufkirch auf, im landwirtschaftlichen Betrieb ihrer Eltern, den sie übernommen hat. Sie wohnt in Frickingen, deshalb sei sie nicht die richtige, um die Lärmsituation zu beurteilen. Als sie mit ihrem Auto die jetzt alte Bundesstraße überquert, rüber zum Grundstück Grundlers, sagt sie spontan: „Ach wie gut das jetzt geht.“ Gerade mit landwirtschaftlichen Maschinen sei die Überquerung oft gefährlich gewesen. Die Kontaktschleife, die die Ampel aktivieren hätte sollen, sei schon längere Zeit kaputt, und sie jedesmal froh, eine ausreichend große Lücke zwischen den Lastwagenkolonnen zu finden.

Aufkirch, wie es die Bewohner frustriert – durchzogen von einer Kreisstraße, die sich in Wahrheit wie eine Bundesstraße anfühlte, zumal in den letzten vier Jahren, seit die neue Trasse gebaut wurde und sämtlicher Verkehr hier durchgeschickt wurde.
Aufkirch, wie es die Bewohner frustriert – durchzogen von einer Kreisstraße, die sich in Wahrheit wie eine Bundesstraße anfühlte, zumal in den letzten vier Jahren, seit die neue Trasse gebaut wurde und sämtlicher Verkehr hier durchgeschickt wurde. | Bild: Hilser, Stefan

Diese Kolonnen waren lang. „15 Lastwagen in Folge“, hat Berthold Grundler beobachtet. Und dann gab‘s noch ganze Busladungen voller Gäste, die den Blick ab Aufkirch über See, Stadt und Berge genossen, dafür an Grundlers Grundstück Halt machten, und Erika Grundler hörte deshalb irgendwann auf, hier Blumen zu pflanzen und zu jäten. „Das war einfach nur ekelhaft“, berichtet sie, weil die besagten Busladungen ihre Hecke und ihre Blumenbeete als Toilette missbrauchten.

Hoffnung auf Jahresende

Aber hat es damit denn nun ein Ende? Ja, bald. Wegen der nun laufenden Arbeiten für den neuen Burgbergring ist die alte B 31 gesperrt. Alle Fahrzeuge von Sipplingen und vom Krankenhauskreisel her, müssen vorübergehend hoch nach Aufkirch, um zur neuen B 31 zu gelangen. Es gibt schepperende, quietschende, brummende Lkw. Ende 2019 soll auch damit Schluss sein – und dann kann Erika Grundler ein Straßenfest feiern.

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