Noch wird hier gehobelt und es fallen Späne. Mit Händen ans Werk gehen müssen die angehenden Schreiner vor allem zu Beginn ihrer Berufsausbildung. Doch auch hier reichen Hammer, Säge und Feile bald nicht mehr aus. Wer perfekte Schnitte und präzise Bohrungen haben will, der ist auch beim Holz froh, wenn er den Arbeitsauftrag am Bildschirm einer computergesteuerten Maschine übergeben kann. So hat die Jörg-Zürn-Gewerbeschule im Vorjahr schon die dritte Generation eines CNC-(„Computerized Numerical Control“)-Bearbeitungszentrums in Betrieb genommen. Damit ist erstmals eine Steuerung der Werkzeuge um fünf Achsen möglich. Das 200.000 Euro teure Monstrum ist nur ein Baustein im Modernisierungsprogramm des Landkreises. Im Wechsel werden auch die Claude-Dornier-Schule (Friedrichshafen) und die Elektronikschule (Tettnang) bedacht, wo mit Unterstützung der Industrie eine „Lernfabrik 4.0“ als neue, völlig vernetzte Arbeitswelt exemplarisch nachgebildet wird. Robin Jacobsen, Fabian Mattes und Anthony Rössel sind im ersten Lehrjahr ihrer Schreinerausbildung schon Feuer und Flamme, als ihr Lehrer Gerhard Fischer die erste MDF-Platte, also eine mitteldichte Faserplatte, im Bearbeitungszentrum fixiert und den Startknopf drückt. Nacheinander holt sich die Maschine einen Bohrer, ein Sägeblatt und schließlich eine Rundfeile und verrichtet seinen zuvor programmierten Auftrag. „Das macht Spaß“, sagt der Mattes, der zuvor schon eine Lehre als Koch abgeschlossen hat und nun seine zweite Passion verfolgt.

„Den Schülern gefällt es, wenn sie gefordert werden und ihnen etwas abverlangt wird“, sagt Gerhard Löffler. Der Leiter der Berufsschule hatte selbst Maschinenbau und dann Automatisierungstechnik studiert, Löffler weiß daher, worum es heute geht. Er ist zudem Informatiker, Administrator des Schulnetzwerks und betreut die ganzen EDV-Systeme in Werkstätten, Labors und Klassenzimmern. Die Azubis bekommen ihr eigenes Software-Paket zur Verfügung gestellt, das sie ein Jahr für Simulationen nutzen können. „Mit dem Programmieren von Programmen hat das nichts zu tun, wie es im Rahmen der Informatik im Technischen Gymnasium vermittelt wird. Doch für mich ist es wichtig, dass die Berufsschüler keine Angst vor den Maschinen haben.“

An der Constantin-Vanotti-Schule werden in der beruflichen Bildung die angehenden Einzelhandelskaufleute/VerkäuferInnen, die Industriekaufleute und die Bankkaufleute unterrichtet. Auf verschiedenen Ebenen trägt die Schule veränderten bzw. erwarteten Anforderungen Rechnung. Bei den ersten beiden Gruppen werden frühere Einzelfächer zu funktionale Lernfeldern zusammengefasst. „Statt Betriebswirtschaftslehre und Rechnungswesen heißt es hier jetzt Einkauf und Verkauf“, sagt Schulleiter Günther Reichle. Lediglich bei den Bankkaufleuten gebe es noch die bisherige Struktur.

Auch im Einzelhandel rechnet Reichle mit einer weiteren Digitalisierung. „Die Bedeutung der persönlichen Beratung wird auch hier in unterschiedlichem Maße abnehmen“, sagt der Schulleiter voraus. Zwar werde dies in einer kleinen Modeboutique vielleicht nicht relevant sein, doch in einem größeren Handelsbetrieb umso mehr. Egal, ob das über „Apps“ gehe oder andere Anwendungen. „Auszubildende und Mitarbeiter müssen daher künftig ein hohes Maß an digitaler Kompetenz“ mitbringen“, sagt Günther Reichle.

„Unser ganzes Umfeld ist softwarelastiger geworden“, formuliert auch Michael Schwell, Technischer Geschäftsführer der Überlinger Firma RAFI-Eltec. Dies schlage sich naturgemäß auch in der Ausbildung nieder. Die Hightech-Firma gehört zur RAFI-Gruppe mit Sitz in Berg bei Ravensburg und ist auf 330 Mitarbeiter angewachsen. Sie entwickelt und fertigt insbesondere elektronische Baugruppen und Systeme für die Bereiche Kommunikationselektronik, Haus- und Medizintechnik, aber auch den Automotive-Sektor. RAFI-Elektronik ist zum Beispiel in WLAN-Routern oder Operationsleuchten enthalten. „Bei der Anschaffung neuer Fertigungsmaschinen spielt heute die Software eine genauso wichtige Rolle wie die Hardware“, erklärt Schwell: „Insbesondere in Richtung Industrie 4.0 sind Themen wie Netzwerkanbindung, Kommunikation zwischen den Maschinen aber auch Bedienerfreundlichkeit ein wichtiges Thema.“

In der Ausbildung sind derzeit zehn angehende Elektroniker für Geräte und Systeme. „Sie sollten schon gut in Mathe und Physik sein“, sagt Ausbildungsleiter Thomas Widinger: „Zumindest brauchen sie eine gewisse Affinität zu diesen Bereichen.“ Noten seien dabei eine Sache, aber nicht unbedingt entscheidend. „Wir hatten schon Bewerber, die haben eigene selbstgebaute Schaltungen mitgebracht“, berichtet Widinger: „Da merkt man gleich: Da hat jemand Ahnung und auch Lust, so etwas zu machen.“ Die Fertigung hat bei RAFI mit fünf Bestückungslinien einen hohen Automatisierungsgrad. „Wir brauchen daher Elektroniker, die programmieren können“, sagt der Ausbildungsleiter.

Bei angehenden Kaufleuten werde die Fremdsprachenkompetenz immer wichtiger, betont Geschäftsführer Schwell. Einkauf und Verkauf seien internationaler, „da ist gutes Englisch ein Muss“. RAFI motiviert hier seine Auszubildenden und bietet ihnen einen mehrwöchigen Austausch über das Programm „Euro Skills“ nach England an. „In den letzten zwei, drei Jahren haben alle diese Gelegenheit genutzt“, sagt Thomas Widinger.

Ausbildung im Bodenseekreis

  • Bei der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg sind 940 Ausbildungsstellen im Bodenseekreis gemeldet. 200 Ausbildungsplätze sind nicht besetzt. Unbesetzt blieben insbesondere Stellen im Einzelhandel (Kaufmann, Verkäufer), gefolgt von der Ausbildung zum Handelsfachwirt, zum Zahnmedizinischen Angestellten oder zum Koch. 90 Bewerber im Kreis sind ohne Ausbildungsplatz (Stand 11. September). Groß ist die Nachfrage der Nachwuchskräfte nach Ausbildungsplätzen in einigen Metallberufen wie Kfz-Mechatroniker oder Zerspannungsmechaniker. Mit Partnern arbeite die Agentur daran, die duale Berufsausbildung zu stärken. "Eine abgeschlossene Berufsausbildung ist die beste Eintrittskarte ins Arbeitsleben", so Walter Nägele. In der Region würden Fachkräfte dringend gesucht.
  • Die Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben verzeichnete kurz vor Ausbildungsbeginn 2280 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge. Das Gebiet der IHK Bodensee-Oberschwaben umfasst die Landkreise Bodenseekreis, Ravensburg und Sigmaringen. Im Vergleich zum Vorjahr ergebe das laut IHK ein leichtes Plus von 1,1 Prozent. Bis zum Jahresende wird mit einem Ausbildungsniveau von rund 2500 neuen Ausbildungsverträgen gerechnet. Im Bodenseekreis gab es bei den kaufmännischen (371 neu Ausbildungsverträge), den technischen Berufen (291) sowie den Hotel- und Gaststättenberufen (90) mit einem Plus von 1,8 Prozent einen leichten Anstieg. Der Zuwachs entstand bei den technischen Berufen in den Elektroberufen (70 statt 62). Bei den kaufmännischen Berufen ist außer bei den Bankkaufleuten (34 statt 43) Stabilität oder ein leichter Zuwachs zu verzeichnen. Zahlenmäßig am stärksten vertreten sind im Kreis die Ausbildungsberufe Industriemechaniker, Kaufmann/-frau im Einzelhandel, Industriekaufleute und Hotelkaufleute.
  • Kreishandwerkerschaft Bodenseekreis: Aktuell lernen im Bodenseekreis 800 junge Menschen einen Handwerksberuf, 297 davon im ersten Lehrjahr. "In den vergangenen Jahren konnten wir zum Glück wieder leichte Steigerungen der Ausbildungszahlen registrieren", erklärt Geschäftsführer Georg Beetz. Bei den Bauberufen und im Lebensmittelbereich fehlen Auszubildende, in den technischen Bereichen sei die Situation etwas entspannter. "Wir brauchen wieder dringend eine höhere Wertschätzung der Handwerksberufe", findet Georg Beetz. Insgesamt würde die Nachwuchswerbung im Handwerk inzwischen Wirkung zeigen. Beetz betont: "Was den Ruf der Azubis angeht, will ich ungern der weit verbreiteten Auffassung verfallen „Früher war alles besser“ – es gibt sie noch, die motivierten jungen Menschen." (wie)