Auch wenn im Gespräch mit jungen Leuten immer wieder der Name "Therme-Park" fällt, so sehen die Polizei und die Stadtverwaltung keine speziellen Räume im Stadtgebiet von Überlingen, in denen man als Besucher Angst haben müsse. Berndt Schmidt, Sprecher des Polizeipräsidiums, teilte auf Anfrage mit: "Einen polizeilichen Brennpunkt in Überlingen können wir nicht feststellen." Dennoch sind Polizei und Stadtverwaltung gemeinsam daran interessiert, das subjektive Sicherheitsempfinden zu verbessern (siehe Interview mit Oberbürgermeister Jan Zeitler).

Im Oktober nahm die Polizei einen 16-jährigen Mann fest, der regelmäßig durch verschiedene Straftaten auffiel. Er sitzt trotz seines jungen Alters seit Ende Oktober in Untersuchungshaft. Offensichtlich füllte er ein Vakuum, das sich nach der Festnahme eines 20-Jährigen gebildet hatte, der im August vor dem Jugendschöffengericht in Konstanz zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Als "Herrscher der Nacht" wurde dieser junge Mann von der Polizei im Gerichtsprozess bezeichnet, dessen Taten sich von Februar 2016 bis Januar 2017 abspielten. Wegen Körperverletzung, Hausfriedensbruchs und Betrugs wurde der 20-Jährige zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, nach Verbüßung seiner Strafe muss er mit Abschiebung in sein Heimatland rechnen. Ein Polizist aus Überlingen, der den Angeklagten seit zwei Jahren kennt, teilte im Zeugenstand mit, dass der junge Mann nachts regelmäßig betrunken auf der Straße anzutreffen gewesen sei. In einer Parkanlage, die als Treffpunkt für Jugendliche gilt, sei er der „Herrscher der Nacht“ gewesen, schilderte der Polizist.

Seit der Angeklagte in Haft sitze, habe sich einiges in der Szene vor Ort geändert. „Die ersten Monate waren richtig ruhig“, sagte der Zeuge, „dann haben sich neue Anführer herauskristallisiert.“

Einer dieser neuen mutmaßlichen Anführer ist allem Anschein nach ein 16-Jähriger, der nun seit Oktober in Haft sitzt. Wie das Polizeipräsidium mitteilt, sei beim Polizeirevier Überlingen im Oktober eine kleine Ermittlungsgruppe gebildet worden, die sich mit einer siebenköpfigen Personengruppe im Alter zwischen 16 und 19 Jahren aus dem Raum Überlingen beschäftigt. Diese seien verstärkt seit August 2017 durch Straftaten im Raum Überlingen aufgefallen. Diese Taten, bei denen es sich vorwiegend um Körperverletzungen, Raubdelikte und Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz handelt, seien von den Tatverdächtigen überwiegend gemeinschaftlich und in unterschiedlicher Tatbesetzungen begangen worden. Polizeisprecher Bernd Schmidt: "Aufgrund der intensiven und zentralen Ermittlungen ist es zwischenzeitlich gelungen, einem 16-Jährigen aus dieser Gruppe mehrere massive Straftaten nachzuweisen, worauf die Staatsanwaltschaft Konstanz einen Haftbefehl beantragt hat, der vom Amtsgericht auch erlassen wurde. Seit der Einrichtung der Ermittlungsgruppe konnten die Straftaten, die der Personengruppe zugerechnet werden, deutlich eingedämmt und reduziert werden. Die Ermittlungen und polizeilichen Maßnahmen sind jedoch noch nicht abgeschlossen."

Wo lässt sich Ärger finden?

An welchem Ort in Überlingen gibt es regelmäßig Körperverletzungsdelikte oder vergleichbare Straftaten? Wie Polizeisprecher Schmidt sagt, gebe es keinen Brennpunkt. Vielmehr seien die Tatorte häufig von zufälligem Aufeinandertreffen von Personen bestimmt, oder von witterungs- oder jahreszeitlichen Einflüssen. "In den Sommermonaten sind die Ufer- oder Grünanlagen naturgemäß häufiger betroffen als in den Wintermonaten." Die ähnliche Frage richteten wir an einem Samstagabend gegen Mitternacht an zwei Jugendgruppen, die in der Stadt unterwegs waren, sowie an zwei Gastronomen, die in regelmäßigem Austausch zu Nachtschwärmern stehen: Wo muss man sich in Überlingen aufhalten, wenn man Ärger sucht? Übereinstimmend antworteten alle befragten Jugendlichen und Gastronomen mit dem einen Satz: "Da müssen Sie in den Therme-Park gehen."

Einen Park mit diesem Namen gibt es zwar nicht, doch beschreibt er die Örtlichkeit ziemlich genau. Ein Teil der Befragten antwortete, dass er sich nicht getrauen würde, dort alleine hinzugehen. Der andere Teil sagte, dass das kein Problem sei, man dürfe sich eben nur nicht provozieren lassen. Samstagabend sei es weniger problematisch, eher in der Nacht von Freitag auf Samstag, dem Hauptausgehtag, an dem junge Leute Alkohol konsumierten und, sofern sie danach suchten, Streit finden könnten.

 

OB Jan Zeitler: "Potenzielle Angsträume müssen wir verhindern"

Fragen an Oberbürgermeister Jan Zeitler zur Sicherheitslage in Überlingen und zur Zusammenarbeit des Ordnungsamtes mit der Polizei. Außerdem die Frage, an wen sich besorgte Eltern wenden können.

Jan Zeitler, Oberbürgermeister von Überlingen.
Jan Zeitler, Oberbürgermeister von Überlingen. | Bild: Stefan Hilser

Wie empfinden Sie die Sicherheitslage nachts in Überlingen?

Objektiv betrachtet, aber auch nach meinem subjektiven Empfinden, ist die Sicherheitslage in Überlingen gut. Dies zeigt vor allem die Kriminalitätsstatistik, die von der Polizei jährlich im Gemeinderat vorgestellt wird. Viel wichtiger ist für mich jedoch, dass sich das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung mit den Kriminalitätszahlen deckt. Um dies zu erreichen, denke ich an Themen wie Sauberkeit, Straßenbeleuchtung, Räume für Jugendliche und vieles mehr.

Landungsplatz, Badgarten, oder wo genau liegen die neuralgischen Zonen?

Neuralgische Punkte haben wir in Überlingen keine. Wir haben Orte, an denen sich Jugendliche und junge Erwachsene gerne aufhalten. Aber einen neuralgischen Brennpunkt, den wir auch mit Fallzahlen von Straftaten belegen könnten, gibt es nicht.

Welche Überlegungen gibt es, die Plätze besser auszuleuchten?

Wo es dunkel ist, sinkt nicht nur das subjektive Sicherheitsempfinden, auch objektiv tragen solche Orte wenig zur Prävention von Verbrechen für eine sichere Stadt bei. Potenzielle Angsträume müssen wir verhindern. Daher ist für mich wichtig, dass dunkle Plätze verändert werden. Derzeit ist eine bessere Beleuchtung am ZOB, beziehungsweise Bahnhaltepunkt in der Umsetzung. Das Stadtwerk am See wird diesen Bereich mit LED – Pilzleuchten umrüsten, sodass insbesondere die Brücke und der Vorplatz eine bessere Ausleuchtung erhalten. Aber auch an den Schulen werden wir nach und nach die Beleuchtungssituation verbessern.

Wie umfangreich sind die Fälle von nächtlicher Lärmbelästigungen, die beim Ordnungsamt gemeldet werden?

Die Abteilung Öffentliche Ordnung hat Fälle von Lärm aus Gaststätten, denen sie im Rahmen von Bußgeldverfahren und Kontaktaufnahme mit den Pächtern nachgeht. Ansonsten gehen jedoch die Anzeigen über nächtliche Ruhestörungen bei der Landespolizei ein, da hier auch eine Besetzung in den Nachtzeiten gewährleistet ist.

Was unternimmt die Stadt gegen Lärm und für eine Steigerung des Sicherheitsempfindens?

Aus meiner Sicht ist es notwendig, eine stärkere Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen allen beteiligten Behörden und Organisationen zu erreichen. Ich denke dabei an Kommunalpolitik, Schule, Jugendhilfe, Polizei, Öffentliche Ordnung und andere. Nur wenn alle zuständigen Stellen regelmäßig an einem Tisch sitzen und alle entscheidenden Informationen frühzeitig zusammentragen, können zielgerichtete Maßnahmen und Strategien festgelegt und umgesetzt werden. Hierzu wurde bereits veranlasst, dass der Arbeitskreis zum Thema "Kommunale Kriminalprävention" wieder regelmäßig tagt.

Inwiefern arbeiten Sie hier mit der Polizei zusammen?

Die Stadt Überlingen arbeitet sehr eng mit dem Polizeirevier Überlingen zusammen. Zum einen gibt es zwischen der Abteilung Öffentliche Ordnung und dem Revier einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch, zum anderen finden auch regelmäßige gemeinsame Streifen statt.

An wen können sich die Bürger wenden, wenn sie ihre Sicherheit oder die ihrer nachtschwärmenden Kinder bedroht sehen?

Hier wenden sich die Bürgerinnen und Bürger an das Polizeirevier.