Überlingen – Vergleichsweise geht es den Nutztierhaltern im Süden Deutschlands dieses Jahr gut, was die Versorgung mit Gras und Heu angeht. Im Norden und Osten des Landes ist die Lage angespannter. Dort mussten nicht nur viele Landwirte ihren Viehbestand reduzieren und Tiere schlachten lassen. Berichte sprechen auch von Pferden, die eingeschläfert wurden, bevor sie verhungerten.

Statt zwei bis drei Schnitte nur ein Schnitt

Dennoch: Auch in und um Überlingen hat der trockene Sommer dafür gesorgt, dass es statt der üblichen zwei bis drei Schnitte Heu in den meisten Fällen nur einen gab. Nach dem ersten Schnitt wuchs das Gras nicht mehr gut nach, weil der Regen ausblieb. Auch viele Weiden, auf denen die Tiere das Gras fressen, waren schnell ausgedörrt und boten kein Futter mehr.

Pferde konnten schon im Juli nicht mehr auf die Weide

Daher machen sich viele Pferdehalter und Pensionsbetriebe Sorgen um die Futterversorgung der Tiere. Klara Kühne, die in der Süßenmühle in Sipplingen fünf ehemalige Schulpferde im Ruhestand versorgt, berichtet: "Im Sommer, von Mai bis Oktober, kommen unsere Pferde immer ganztags auf die Weiden. Doch das ging in diesem Jahr schon ab Juli nicht mehr, weil die ganzen Wiesen verbrannt waren. Deswegen mussten unsere Pferde wieder in den Stall und brauchten auch wieder Heu."

Heupreise statt 12 bis zu 30 Euro pro 100 Kilo

Da sei der Teufelskreis entstanden, weil auch die Heuernte so schlecht gewesen sei. Klara Kühne erzählt, sie habe jetzt schon ihren kompletten Wintervorrat verfüttert. Auf dem hiesigen Markt finde man kein Heu mehr – und wenn, sei es doppelt so teuer wie sonst. Es würden Preise von bis zu 30 Euro pro 100 Kilo verlangt, für die sie vorher rund 12 Euro gezahlt haben. Das sei ein großes Problem gerade für einen privat geführten Stall wie ihren.

Familie Kühne fehlen 20 Ballen für den Winter

15 Ballen hat Familie Kühne derzeit noch vorrätig – 35 braucht sie, um über den Winter zu kommen. Die fehlenden 20 Ballen habe in der Umgebung kein Landwirt mehr zur Verfügung. "Das müssen wir dann von weiter weg heranholen", sagt Klara Kühne. Auch über Facebook rief sie dazu auf, ihr mögliche Quellen für den Heukauf zu nennen – doch alle Tipps liefen auf dasselbe hinaus: Es gibt kein Heu mehr.

Reitverein warnt Besitzer vor und richtet "Geldtopf" ein

50 Pferde stehen im Stall des Reitvereins Überlingen. Vorsitzende Simone Günther sagt: "Es wird in diesem Jahr prekär werden – was die Preise anbelangt. Mir ist bekannt, dass es Pferdebetriebe gibt, wo die Tiere eingeschläfert werden, weil es kein Heu gibt oder das Futter zu teuer wird. Das wird bei uns nicht passieren. Zur Not muss man eben aus Rumänien importieren. Wir haben die Besitzer der Privatpferde, die bei uns stehen, vorgewarnt und einen 'Geldtopf' eingerichtet, aus dem wir das Raufutter finanzieren werden, sollten die Preise eine gewisse Grenze übersteigen."

Zur Not Heu vom vergangenen Jahr oder Heulage

Außerdem müsse man Kompromisse machen: "Wir sind auch dazu übergegangen, Heu aus dem letzten Jahr zu ordern, Heulage (konserviertes, feuchtes Heu), eventuell auch nicht ganz so hochwertiges Heu kommt in Frage – natürlich nur, wenn es vertretbar ist."

Thomas Bacher produziert Futter für 50 Pferde selbst

Thomas Bacher aus Überlingen hat für die kommenden Monate genügend Heu für die 50 Pferde auf seinem Hof.
Thomas Bacher aus Überlingen hat für die kommenden Monate genügend Heu für die 50 Pferde auf seinem Hof. | Bild: Julia Rieß

Weder der kleine Privatstall in Sipplingen noch der Reitverein verfügen über Flächen, um selbst Raufutter zu produzieren. Sie sind das ganze Jahr über auf Zulieferer angewiesen. Thomas Bacher vom gleichnamigen Pferdehof in Bambergen produziert Raufutter und Getreide für die 50 Pferde, die er beherbergt, auf den eigenen Grün- und Ackerflächen selbst. Der Landwirt erzählt, dass sein Heuvorrat bis Mai ausreiche, eventuell müsse er im Frühjahr noch zukaufen. Auch er warnt seine Einsteller vor, dass die Kosten eventuell steigen könnten.

Landwirt setzt auf Nachhaltigkeit

Er fühlt sich aber nicht von den Zulieferern und deren Preisen abhängig, sondern rechnet mit Kosten, die entstehen, um möglichst unabhängig vom Markt zu bleiben. Es gehe hier nicht um ein Ausnahmejahr, das man irgendwie überstehen müsse, sagt Bacher, sondern um Grundsätze des Landwirtschaftens: "Um Nachhaltigkeit und ein ausgewogenes Maß. Denn je mehr man vom Boden und von den Pflanzen fordert, desto weniger Reserven haben sie."

Bacher: Betriebe sollten 75 Prozent ihrer Futtergrundlage selbst produzieren

Was bedeutet für ihn ein ausgewogenes Maß? Zum einen, dass das Verhältnis von Tierbestand zur Fläche stimme. Thomas Bacher findet, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb, der Tiere hält, 75 Prozent der Futtergrundlage selber herstellen sollte. Egal ob Nutztierhaltung oder Pensionspferdehaltung: "Jeder Tierhalter hat ab dem Moment, in dem er sich das Tier anschafft, die Verantwortung dafür, egal ob Nutztier oder Freizeitpartner." Zu dieser Verantwortung gehöre auch, dafür zu sorgen, dass die Futtergrundlage gesichert sei. So gehöre die Tierhaltung, auch die Pferdehaltung, in die Landwirtschaft. Hier sorge der natürliche Kreislauf dafür, dass Schwankungen bei der Ernte nicht so drastisch seien.

Verzicht auf dritten Schnitt schont Boden

Denn der Mist diene als Dünger für die Pflanzen, die wiederum das Futter sind. Der Boden profitiere davon, indem er humusreicher werde. Verzichte man zusätzlich auf den dritten Schnitt, schone dies Boden und Pflanzen. Und der Verlust sei nicht so hoch, wenn man nur auf den zweiten, nicht aber auf einen eingeplanten dritten Schnitt verzichten muss.

"Natur ist kein Wirtschaftsfaktor, wir müssen umdenken"

Die Futterknappheit solle nicht nur Diskussionen über den Klimawandel anfachen, wünscht sich Thomas Bacher, sondern vor allem darüber, wie sich die Landwirtschaft den sich ändernden Anforderungen der Natur anpassen sollte: "Wir sind Teil der Natur und die Natur ist immer in Bewegung. Doch der Mensch wünscht sich die Natur als eine Konstante, als Wirtschaftsfaktor. Wir müssen umdenken."