"Ist das noch Goethe?", hatte Johannes Bruggaier, Kulturchef des SÜDKURIER, seinen Vortrag über das Regietheater und moderne Inszenierungen von Klassikern mit einer häufigen Publikumsfrage überschrieben. Der akademische Exkurs war Bestandteil des neuen Wintertheaters der Stadt, das sich um Martin Walsers unterhaltsame "Zimmerschlacht" mit Birgit und Oliver Nolte rankt. Nicht nur die steht beim Publikum hoch im Kurs. Auch zu der theoretischen Erörterung mit dem Konstanzer Theaterfachmann waren rund 40 Zuhörer gekommen, die am Ende für eine lebendige Diskussion sorgten – um Effekthascherei und Bildungsauftrag auf der Bühne, um das Schielen nach Gefälligkeit und die Selbstbezogenheit von Regisseuren.

"Wissen Sie, was Goethe wollte?"

"Die Frage 'Ist das noch Goethe?' macht doch gar keinen Sinn", postulierte Zuhörer Uli Hoppe am Ende der zahlreichen Einlassungen. Damit hatte Bruggaier sein pädagogisches Ziel erreicht. "Genau!" Eine beliebte Replik laute: "Wissen Sie, was Goethe wollte?" Selbst wenn man wissen würde, so Bruggaier, was Goethe gewollt habe, so wisse man nicht, "was Goethe heute wollen würde". Nein, bei jeder Inszenierung eines Stücks komme es zum einen auf den gesellschaftlichen und zeitlichen Zusammenhang an, zum anderen auf die individuelle Intention des Regisseurs und dessen Fokus.

Fokus der Inszenierung kann auf ganz unterschiedliche Punkte ausgerichtet sein

Das klassische Theater habe man erst Johann Christoph Gottsched zu verdanken, der dramatische Texte im 18. Jahrhundert auf der Bühne salonfähig gemacht habe, sagte Bruggaier. Am Beispiel von Schillers "Kabale und Liebe" zeigte der Theaterfachmann auf, wie der Fokus einer Inszenierung auf ganz unterschiedliche Punkte ausgerichtet sein könne – einmal auf die Liebe, ein anderes Mal auf die Machtoptionen. Schillers "Räuber" könnten heute nicht mehr so dargestellt werden wie zu der Entstehungszeit, als tatsächlich ganze Räuberhorden durch das Land gezogen seien.

"Als wären sie gerade erst geschrieben worden"

Dabei formulierte Bruggaier als Credo der Theaterlegende Max Reinhardt: "Wenn wir die Klassiker auf die Bühne bringen, dann müssen wir es schaffen, dass das Stücke von hier und heute sind. Als wären sie gerade erst geschrieben worden." Als Beispiel nannte er Kleists "Zerbrochener Krug" von Bastian Kraft am Hamburger Thalia-Theater, wo Dorfrichter Adam seine Wunden pflegt, dabei allerdings von einer Kamera beobachtet – ein Beispiel für die Totalüberwachung in heutiger Zeit.

Genialer Eingriff oder überflüssig?

Aktuelles Beispiel für Akzente eines Regisseurs ist die aktuelle Konstanzer Inszenierung von Samuel Becketts "Warten auf Godot". Vor dem Hintergrund, dass Beckett Frauen als Darsteller ausdrücklich ausgeschlossen hatte, schickt Christoph Nix zwischendurch zwei Souffleusinnen auf die Bühne, um für einige Minuten die Rollen zu besetzen. Manche Zuschauer sehen hierin einen genialen der Jetzt-Zeit geschuldeten Eingriff. Für andere ist es völlig unangemessen, ja überflüssig, wie für Bruggaier: "Ich habe das in meiner Kritik gar nicht erwähnt."