Davon kann mancher Kämmerer nur träumen: Bei klammer Kasse kurzerhand die Druckmaschine anwerfen und seine eigenen Scheine drucken. Hundert Jahre ist es her, der Erste Weltkrieg stand unmittelbar vor dem Ende, da griff die Stadt zu diesem Mittel und bestellte nach einem Gemeinderatsbeschluss bei der Druckerei Veit in der heutigen Jakob-Kessenring-Straße neues Geld. Not macht erfinderisch. Und in der größten Not druckten die Städte ihr Geld mit staatlicher Genehmigung eben selbst. Am badischen Bodensee war das später erforderlich als in anderem Teilen Deutschlands. Im Mai 1918 waren eigene Münzen ausgegeben worden, im Herbst 1918 kam Papiergeld dazu.

Als ehemalige Banker hat Lothar Stolba eine besondere Beziehung zu Geldscheinen und eine Sammlung auch an Notgeld zusammengetragen.
Als ehemalige Banker hat Lothar Stolba eine besondere Beziehung zu Geldscheinen und eine Sammlung auch an Notgeld zusammengetragen. | Bild: Hanspeter Walter

Wer einmal Banker war wie der Überlinger Lothar Stolba, hat wohl zeitlebens eine besondere Beziehung zu Geld. Stolba war 1975 als Vorstandsmitglied zur Volksbank gestoßen, arbeitete dann beim Genossenschaftsverband in Stuttgart und war später als selbstständiger Berater tätig. Unter anderem war er nach der Wende häufig in den neuen Bundesländern, in Polen und Tschechien tätig. Dort stieß er bei Sammlern auf alte Banknoten, erwarb ganze Kollektionen und hat heute eine ganze Kiste mit Alben und Ordnern. Darin stecken auch Notgeldscheine aus Überlingen, aus Konstanz und der Region, aber auch aus der ganzen Republik sowie den angrenzenden Ländern. Probedrucke liegen auch im Stadtarchiv, die Klischees für den Druck liegen im Museum. "Das sind ganz aufwendig gestaltete kleine Kunstwerke", erklärt Stolba, der sich intensiver damit befasst und auch im Stadtarchiv gestöbert hat.

Das könnte Sie auch interessieren

Eisen statt Zinkschrot

Schon am 20. September 1917 hatte der Gemeinderat beschlossen, infolge akuten Kleingeldmangels Notgeldmünzen mit einem Wert von 5000 Mark auszugeben. Der Überlinger Goldschmied Egon Kohler prägte sie aus Zinkschrot und legte der Stadt 31. Dezember einen Probeabschlag vor. Auch den notwendigen Prägestempel dafür hatte Victor Mezger, Stadtarchivar und Kunstmaler, entworfen. Die von ihm vorgeschlagene Schreibweise "UEBERLINGEN" war vor der Anfertigung noch in die amtliche Form "ÜBERLINGEN" abgeändert. Bei der zweiten Auflage ging der Zinkschrot aus und Kohler musste Eisen verwenden, wie der Historiker Jens-Uwe Rixen in seiner Darstellung betont.

In Konstanz wurde ein Notgeldschein Johannes Hus gewidmet, der während des Konzils rund 500 Jahre zuvor verbrannt worden war.
In Konstanz wurde ein Notgeldschein Johannes Hus gewidmet, der während des Konzils rund 500 Jahre zuvor verbrannt worden war. | Bild: Hanspeter Walter

Kunstmaler und Stadtarchivar Victor Mezger gestaltete die Scheine

Münzen haben abgesehen vom Materialwert bei Gold und Silber eine haptische, die Scheine selbst aus diesen Kriegsnotzeiten eine eher optische Qualität. So wurden die Überlinger Scheine von Kunstmaler und Stadtarchivar Victor Mezger gestaltet. Nicht nur mit dem Stadtwappen, auch mit Szenen aus dem täglichen Leben oder der Stadtgeschichte. "Die Bürger Überlingens weisen den Angriff der Schweden zurück", ist auf dem 20-Mark-Schein unter Mezgers dramatischen Kampfszenen zu lesen. Auf anderen Scheinen findet sich über einer pflügenden Bäuerin aktuellere Kriegslyrik mit weltfremden Parolen zu lesen: "Die Frauen am Pflug, die Männer im Feld. So haben getrutzt wir der halben Welt."

Eine Darstelliung des Überlinger Kampfes gegen die Schweden von Victor Mezger.
Eine Darstelliung des Überlinger Kampfes gegen die Schweden von Victor Mezger. | Bild: Hanspeter Walter

Die durchnummerierten Scheine, die einen Wert von 1, 2, 5 und 20 Mark hatten, sind zwar datiert auf den 19. Oktober 1918, in Verkehr gebracht wurden sie nach einem Gemeinderatsbeschluss vom 24. Oktober erst im Dezember. Eingelöst werden konnte das Notgeld bei der Stadtkasse Überlingen. Die Gültigkeit wurde zunächst begrenzt bis zum 1. Februar 1919, später wurde sie bis 1. April verlängert. Um den Scheinen einen größeren Geltungsbereich zu sichern", schreibt Rixen, "einigen sich die benachbarten Städte Konstanz, Pfullendorf, Radolfzell, Singen und Überlingen darauf, ihr Notgeld gegenseitig in Zahlung zu nehmen..."

Dann wurde das Papier knapp

Geld zu sammeln ist nicht das schlechteste Hobby, sollte man meinen. Wenn Lothar Stolba die Nominalwerte der Scheine addieren würde, die in seinen Alben und Ordnern schlummern, dann wäre er der reichste Mann im Lande. Beim Notgeld wurden die Beträge schon nach 1921 allmählich größer, das Papier wurde knapp und die Druckereien mussten ohne Wasserzeichen auskommen. Die zunächst langsam zunehmende Inflation war auf den Scheinen abzulesen, 1923 explodierte sie schließlich. Irgendwann kamen die Druckereien nicht mehr nach, neue Scheine zu entwerfen. Die Billion wurde kurzerhand auf den Milliardenschein gedruckt.

Vor- und Rückseite des am 19. Oktober 1918 datierten 20-Mark-Scheins. Er gehörte zu dem von der Stadt Überlingen herausgegebenen Notgelds, das von Victor Mezger entworfen und von der Druckerei Wilhelm Veit gedruckt wurde.
Vor- und Rückseite des am 19. Oktober 1918 datierten 20-Mark-Scheins. Er gehörte zu dem von der Stadt Überlingen herausgegebenen Notgelds, das von Victor Mezger entworfen und von der Druckerei Wilhelm Veit gedruckt wurde. | Bild: Hanspeter Walter

Geldscheine als Spiegel der Geschichte

"Die Geldscheine sind ein echter Spiegel der Geschichte", sagt Stolba, dessen Sammlung über die Grenzen hinausreicht. Die Vielfalt und die aufwendige Gestaltung faszinieren ihn. Deshalb stöbert er bisweilen auch noch auf Flohmärkten, um seine sorgfältig dokumentierte. 1922 und 1923 gab auch der Spital- und Spendfonds eigene Gutscheine heraus. Die Turbo Maschinenbau-Aktiengesellschaft, die als Munitionsfabrik und Tochter der Hornberger Metallfirma Schiele und Bruchsaler während des Kriegs entstanden war, bezahlte ihre Löhne mit selbst gedruckten Gutscheinen.