"Früher war alles besser" wird von Nostalgikern gerne lamentiert. Dafür gibt es zahlreiche Gegenbeispiele. "Früher war vieles schlechter", sagt Andreas Huther, Geschäftsführer der Firma Puren, im gemeinsamen Gespräch mit Firmengründer Hans Bommer. "Für Energieeinsparung und Wärmedämmung hatte sich in den 1960er Jahren niemand interessiert", betont Huther: "Da sind wir heute viel besser."

Mit viel Mut zum Risiko nahm die Firma in einer kleinen Werkstatt in der Nußdorfer Straße 1968 ihre Arbeit auf.
Mit viel Mut zum Risiko nahm die Firma in einer kleinen Werkstatt in der Nußdorfer Straße 1968 ihre Arbeit auf. | Bild: Puren

Niemand hat sich damals dafür interessiert? Nein, nicht ganz. Zumindest ab 1968, als Hans Bommer mit viel Risiko die Firma Puren gegründet hatte, die mit ihren Polyurethan-Hartschäumen heute nicht nur zu den führenden Herstellern von umweltfreundlichen Dämmstoffen gehört. Hans Bommer erinnert sich noch gut an die Umstände, wie er vom Virus Wärmedämmung infiziert wurde. Am Stammtisch im Gasthaus "Ochsen" hatte sein Vater Franz Bommer die Erzählung eines Reisenden mitgehört und war hellhörig geworden. Der habe auf einer USA-Reise ein Material kennengelernt, das man auf Eis legen könne, und wenn man sich daraufsetze, fühle es sich an, als sitze man auf einem Ofen – Urethan oder so ähnlich müsse es heißen.

Von der Recherche bis zum Einblick beim Bayer-Konzern

Sein Vater habe gerne neue Ideen aufgegriffen, sich allerdings selbst zu alt gefühlt, um sich intensiver darum zu kümmern. Daher habe er ihn beauftragt an der Universität zu recherchieren. "Dort gab es jedoch keine Literatur zu dem Thema", erzählt Bommer. Schließlich landete er beim Bayer-Konzern. "Kommen Sie zu uns nach Leverkusen", sagte der damalige Leiter der Anwendungstechnik am Telefon. Was heute kaum mehr vorstellbar erscheint. Drei Firmen hätten schon damit experimentiert – ohne Erfolg, erfuhr Bommer. "Die Technologie steckt noch in den Kinderschuhen, hieß es bei den Chemiespezialisten. Sie könnten davon nur abraten. "Der Markt ist null", sagte man Bommer, öffnete ihm aber die hauseigene Bibliothek.

Mut zum Risiko und viel Durchaltevermögen haben die Arbeit von Firmengründer Hans Bommer ausgezeichnet, der am 23. August 80 Jahre alt wurde. Bei Puren hat Andreas Huther 2012 seine Nachfolge als Geschäftsführer angetretreten.
Mut zum Risiko und viel Durchaltevermögen haben die Arbeit von Firmengründer Hans Bommer ausgezeichnet, der am 23. August 80 Jahre alt wurde. Bei Puren hat Andreas Huther 2012 seine Nachfolge als Geschäftsführer angetretreten. | Bild: Puren

Zurück in Überlingen staunte Bommer einmal mehr über die Reaktion des Vaters. "Wenn etwas so kompliziert ist, dann muss etwas Besonderes sein", sagte Franz Bommer und sah die Chance auf ein Alleinstellungsmerkmal. Noch einmal suchten sie den Rat eines bekannten Experten in der Industrie. Der machte den Bommers Mut, die Herausforderung anzunehmen. "Ich glaube, wir machen das doch", erklärte der Vater. Sohn Hans ließ seine Doktorarbeit ruhen und bereitete die Firmengründung vor, die er Anfang 1968 umsetzte.

Erste Versuche in kleiner Werkstatt

In einer kleinen Werkstatt liefen die ersten Versuche. Hier standen zwei Kolben mit den Rohstoffen und ein Mischkopf, Tag und Nacht liefen Versuche mit den Chemikalien. Anfangs dauert es zwei Stunden, bis das Produkt ausgehärtet war. Doch dann traten Risse auf. Bommer ließ nicht locker – und noch 1968 produzierte er die ersten brauchbaren Platten. Mit einem technischen Blatt als Kurzprospekt ging er auf Tour. Doch die Welt kannte damals nur Kork, Styropor & Co.

Kein leichter Start auf dem Markt

"Kein Bedarf", bekam er anfangs nur zu hören und Körbe von den Baufirmen "Wir schaffen uns einen Markt", ermutigte ihn ein Nürnberger Bauphysiker, der sich mit Flachdachbau befasst hatte. Über Architekten und deren Ausschreibungen kam Puren langsam ins Geschäft. Handwerker, die die ersten Hartschaumplatten verarbeiteten, wurden zu den besten Multiplikatoren. 1972 wurde das Werk im Industriegebiet gebaut, die Produktion von großformatigen Blöcken mit fünf Meter Länge gelang.

Prozess immer weiter optimiert

"Über Versuch und Irrtum haben wir die Prozesse immer weiter optimiert", so Bommer. Heute dauert es zwischen zehn und zwölf Minuten, bis ein Polyurethanblock fest ist und weiterverarbeitet werden kann. "Die Chance zum Scheitern war groß", formuliert es Hans Bommer. "Doch wir hatten Durchhaltevermögen." Heute hat die Unternehmensgruppe mehr als 300 Mitarbeiter. Seit 1985 wird der Hartschaum bei den Fahrzeugen der Deutschen Post verwendet, im ICE 4 kommen sie ebenso zum Einsatz wie im TGV. Leichtigkeit, Stabilität und die Dämmwirkung sind die wichtigsten Eigenschaften.

Hans Bommer feierte 80. Geburtstag

  • Hans Bommer wurde am 23. August 1938 in Überlingen geboren. Er absolvierte nach der Mittleren Reife eine kaufmännische Lehre und volontierte beim Klöckner-Konzern. Parallel zum Aufbau einer Abteilung legte er in Karlsruhe am Humboldt-Gymnasium das Abitur ab. Anschließend studierte er in Mannheim Wirtschaftswissenschaften und schloss als Diplom-Kaufmann ab. Am Lehrstuhl für Industriebetriebswirtschaft begann Bommer eine Dissertation, die er allerdings im Interesse der Unternehmensgründung der Puren-Schaumstoff GmbH im Jahr 1968 (siehe oben) ruhen ließ.
  • Begonnen als Zwei-Mann-Unternehmen und als Pionier der Polyurethan-Hartschaum-Technologie hat die Unternehmensgruppe heute mehr als 300 Mitarbeiter und wird seit 2012 von Andreas Huther geleitet. Wert legte Puren stets auf eine ökonomische und ökologische Mehrfachnutzung der Rohstoffe und Produkte. Bommer gründete vor 22 Jahren die erste Firma im chinesischen Jinan, vor zehn Jahren folgte ein Joint-Venture in Shanghai.
  • Hans Bommer engagierte sich in wichtigen Verbänden, allein 40 Jahre im Industrieverband Polyurethan-Hartschaum (IVPU) in Stuttgart, dessen Vorsitzender er lange Zeit war. Unter anderem war er auch Mitglied im Fachausschuss Hartschaum des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Für seine unternehmerischen Aktivitäten wurde Bommer mehrfach ausgezeichnet: Mit den Wirtschaftsmedaillen des Landes in Gold und Silber, der Ehrenmitgliedschaft im IVPU-Vorstand sowie mit dem Bundesverdienstkreuz. (hpw)