Ein Blick auf die grün leuchtende Anzeige löst ein erleichtertes Seufzen aus: Im Parkhaus West sind noch Parkplätze frei! Nicht alle 299 Plätze sind vergeben, irgendwo auf den sieben Ebenen versteckt sich mindestens eine Lücke, in der man sein Fahrzeug abstellen kann. Jährlich parken hier um die 300 000 Fahrer ihre Autos. Diese bequeme Möglichkeit gibt es aber erst seit 1999: Damals wurde das Parkhaus in Stahlbetonbauweise errichtet. Einen Parkplatz gefunden zu haben, ist für Autofahrer ein durchaus entspannendes Gefühl.

Gesundheitsförderung seit dem 16. Jahrhundert

Bevor das Parkhaus gebaut wurde, haben die Überlinger sich an genau dieser Stelle allerdings auf andere Weise entspannt: Hier stand bis in die späten 1990er Jahre das Kurmittelhaus. Christian Schmidt-Roedenbeck wuchs ganz in der Nähe auf. Er weiß, dass die Wurzeln der gesundheitsfördernden Anwendungen an dieser Stelle weit in die Vergangenheit reichen, obwohl die Geschichte des Überlinger Kurmittelhauses relativ jung ist. Denn schon im 16. Jahrhundert soll unterhalb des Gallerturms eine Mineralquelle entsprungen sein.

Mineralgehalt reichte für "Heilquelle" nicht aus

Bis das Kurmittelhaus errichtet wurde, sollte es allerdings noch einige Jahrhunderte dauern: Erst im Januar 1963, nach vielen Jahren der Planung, entschied sich der Stadtrat für den Bau, schreibt Karl-Heinz Angelé in seinem Aufsatz „Heilbad Überlingen“ in dem Buch „Überlingen. Bild einer Stadt“. Auch die Quelle spielte nun wieder eine Rolle. Nach ersten Untersuchungen stellte sich aber heraus, dass ihr Mineralgehalt nicht ausreichte, um als Heilquelle anerkannt zu werden.

Weicher Baugrund machte Schwimmbad möglich

Letztendlich wurde eine neue Quelle erschlossen, die zur Versorgung des Kurmittelhauses diente. Nun konnten Kneippanwendungen angeboten und Bäder mit Quellwasser gefüllt werden. Obendrein gab es ein neues Schwimmbad, mit dem die Bauherren aus der Not eine Tugend gemacht hatten: Während der Bauarbeiten stellte sich nämlich heraus, dass der Grund unter dem geplanten Gebäude nicht fest genug war und man viel tiefer graben musste, um stabilen Boden zu erreichen, wie mehrere Zeitzeugen berichten.

Das Kurmittelhaus war bei den Überlingern einst ein beliebter Ort, um der Gesundheit zu frönen.
Das Kurmittelhaus war bei den Überlingern einst ein beliebter Ort, um der Gesundheit zu frönen. | Bild: Foto Lauterwasser

Die Lösung des Problems brachte dann eben ein großes Vergnügen mit sich: ein Schwimmbad für die Städter. Am 1. Februar 1967 wurde das Kurmittelhaus schließlich eröffnet – und es war von Anfang an ein riesiger Erfolg. Kurgäste wie Fachleute schwärmten von der ausgezeichneten Anlage, die verschiedene Anwendungen zu bieten hatte: zwei Kneipp’sche Gießräume für Blitzgüsse, Kabinen mit modernen Wannen für Kräuter- und Moorbäder oder für Bäder mit Kohlensäure, Spezialwannen für Unterwasserstrahlmassagen und Elektrobäder, Ruheräume, unterschiedliche Wannen für die Kneippbehandlung.

Schüler hatten im Kurmittelhaus Schwimmunterricht

Zur Verfügung standen auch ein Gymnastiksaal und Massageräume. Eine Sauna mit Freiluftraum war außerdem vorhanden, das Schwimmbecken krönte das ganze Projekt. Es blieb Christian Schmidt-Roedenbeck besonders in Erinnerung. Als Kind war er dort immer wieder zu Gast, als Schüler hatte er im Kurmittelhaus Schwimmunterricht. „Wenn man hineinkam, war rechts hinter einer Glasscheibe ein Kassenbereich, wo der Bademeister saß und den Eintritt kassierte. Ich glaube, er war gar nicht so teuer“, sagt er. „Das Bad hatte eine Glasfront, von der aus man in Richtung Bad-Hotel schauen konnte. Wir sahen auch den Weg, der zum Kurmittelhaus führte.“

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Mancher kam zu Fuß, mancher mit dem Auto: „Ziemlich genau dort, wo jetzt das Bürgeramt steht, war früher der zum Kurmittelhaus gehörende Parkplatz mit einer kleinen Mauer. Dort standen in zwei Reihen Autos, der Parkplatz war durch eine Schranke zugänglich“, beschreibt er. Und weiter: „Hinter diesem Parkplatz befanden sich ein Blumenbeet und ein Weg, auf dem man direkt hinüber in den Stadtgarten gehen konnte.“ Zu der Außenanlage gehörte auch ein Brunnen. „Er war rechteckig und relativ flach.“

1998 schloss das Kurmittelhaus endgültig

Im Oktober 1981 wurde das Schwimmbad wegen Umbau- und Renovierungsarbeiten längere Zeit gesperrt, 1998 schloss es endgültig, um dem Parkhaus zu weichen. Ein paar Jahre lang blieb Überlingen-Zentrum ohne Hallenbad, bis 2003 die Bodensee-Therme eröffnet wurde und Einheimische wie Gäste dem Badevergnügen seither direkt am See nachgehen können.